Theaterschaffende über Burschenschaften: „Ich kann die Anziehungskraft nachvollziehen“

taz: Goldie Röll, Leon Wieferich, gibt es einen bestimmten Typ Mensch, der in studentische Verbindungen eintritt?

Goldie Röll: Wir haben mit vielen verschiedenen Verbindungen gesprochen. Es gibt bestimmte Narrative, die uns immer wieder begegnet sind. Aber ich glaube nicht, dass man es pauschalisieren kann.

Leon Wieferich: Wir haben bei unseren Aufführungen aber oft Korporierte im Publikum, also Mitglieder von Studentenverbindungen. Und man muss sagen: Wir erkennen sie immer.

taz: Woran?

Wieferich: Es gibt einen bestimmten Habitus. Die Leute verändern sich auch oft dahingehend. Personen, mit denen wir vor Jahren gesprochen haben, sind heute deutlich näher an diesem Bild. Der Kleidungsstil hat sich verändert, der Gang, die Präsenz in der Öffentlichkeit.



Bild: Kerstin Schomburg


Im Interview: Goldie Röll

26, ist Regieassistenz am Schauspiel Hannover und Regisseurin sowie Teil des Kollektivs „Institut für Kontrolle und Exzess“.

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taz: Wenn Sie von „wir“ sprechen, meinen Sie das „Institut für Kontrolle und Exzess“. Wer steckt dahinter?

Röll: Das Institut besteht aus fünf Mitgliedern. Wir haben uns am Theater Heidelberg durch dieses Projekt zusammengefunden. Wir beide sprechen stellvertretend für das Kollektiv. Das zeigt unseren Schaffensprozess: Eine kollektive Arbeit, die nicht so aufgeteilt war wie in klassischen Theaterprozessen.



Bild: Storyloop


Im Interview: Leon Wieferich

32, ist Schauspieler in Graz, Theatermacher und ebenfalls Teil des Kollektivs.

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taz: Wie lief die Recherche ab?

Röll: Wir haben uns am Anfang auf eine simple Onlinerecherche begeben. Dann wollten wir in direkten Kontakt treten. Unser Aufruf auf Social Media wurde von einer Korporierten-Meme-Seite geteilt, so haben wir viel Aufmerksamkeit bekommen. Wir haben dann mit Korporierten gesprochen, mit Menschen aus der Aktivitas und Alten Herren, mit Damenverbindungen und mit Aussteigern, um ein möglichst breites Spektrum zu sammeln.

taz: Haben diese Gruppen alle eine ähnlich wichtige Rolle für Sie gespielt?

Röll: Die Aussteiger waren besonders wichtig, weil Verbindungsmitglieder im Gespräch ein bestimmtes Bild von sich präsentieren. Da war es hilfreich, internes Wissen zu haben, um weiter zu kommen als das geplante Image.

Wieferich: Diese Welt ist sich der Außenwahrnehmung bewusst und sehr gut darin, sie zu lenken. Wenn Recherchefehler gemacht werden, schmettern die Korporierten jegliche Kritik ab. Wir wollten deshalb sehr tief in das Thema gehen. Damit diese Menschen richtig widergespiegelt werden und sich unsere Kritik anhören. Unserer Recherche wird auch attestiert, akkurat und genau zu sein.

taz: Wie viel durften Sie bei den Verbindungen sehen?

Röll: Wir waren auf mehreren Häusern und haben die Tour gekriegt, die man in Dokus sehen würde. Wir durften innerhalb der Gruppe aber Unterschiedliches sehen. Es gab zum Beispiel ein Interview mit einem Alten Herren. Da ging es um Mensur, also den Fechtkampf, und ich habe gefragt, ob wir zugucken können. Und er meinte: „An sich schon, aber Sie halt nicht. Ihr Kollege vielleicht.“ Ich habe das nicht verstanden, bis Ida mir ins Ohr flüsterte: „Weil wir Frauen sind.“

Die Theater­performance

„saufen fechten heidelberg“, Gastspiel vom Theater und Orchester Heidelberg: Fr, 11..4., und Sa, 12. 4., 19.30 Uhr, Ballhof Zwei, Knochenhauerstraße 28, Hannover

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taz: Was hat Sie bei der Recherche überrascht?

Wieferich: Das Verbindungswesen ist erst mal diverser als erwartet. Dennoch gibt es eben auch Bünde, die dem Bild der rechten Kaderschmiede entsprechen. Und mich hat überrascht, wie sehr ich die Anziehungskraft nachvollziehen kann. Weil die Verbindungen so viel Wichtiges für junge Menschen abhaken: Wohnraum, Zugehörigkeit und berufliche Perspektive durch Netzwerke. Dass das jedoch meist ganzen Personengruppen – etwa wegen ihres Geschlechtes – verwehrt bleibt, kritisieren wir.

Röll: Mich hat auch überrascht, wie viele bekannte und einflussreiche Persönlichkeiten korporiert sind, zum Beispiel Winfried Kretschmann oder Friedrich Merz.

Wieferich: Und der krasse Unwillen zur Reform. Es ist schwierig, etwas zu ändern, weil sich die Verbindungen auf so lange Tradition berufen.

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