Tierkostüme als Gefahr aus dem Westen: Wenn Kinderspiele zum Politikum werden

V ielleicht ist Sergei Lawrow im Kindergarten nie auf allen Vieren leise miauend unterm Tisch gekrochen. Vielleicht hat sich auch Wjatscheslaw Wolodin als Kind nie als Hund oder Fuchs versucht. Dabei sind Kinder sind ja eigentlich Meister im Verkleiden und Imitieren von allem Möglichen, darunter eben auch: Tieren.

Doch Tiere, oh ja, die sind gefährlich. Vor allem, wenn sich Kinder als Tiere verkleiden, miauen und auf allen Vieren laufen. Gott bewahre!, sagen derzeit viele Rus­s*in­nen in offiziellen Funktionen. Kinder mit Masken und Stoffpfoten? Das dürfe nicht geduldet werden.

Lawrow und Wolodin, heute Außenminister und Parlamentschef Russlands, sind sich sicher: Dieses „Projekt zur Entmenschlichung“, so Wolodin, diese „krankhafte Beschäftigung“, so Lawrow – in ihren Augen natürlich aus dem Westen heraus Russland unterwandernd –, müsse weg.

Warnungen auf Elternabenden

Die beiden sind nicht allein mit der Meinung, dass „Quadrobing“ oder „Quadrobics“, wie dieses Hobby einiger Kinder und Jugendlicher weltweit genannt wird, nichts in Russland zu suchen habe. Ähnlich wie die – nicht vorhandene – „LGBTQ-Bewegung“ oder die – ebenfalls nicht vorhandene – „Childfree-Bewegung“ soll nun auch „Quadrobing“ per Gesetz als „extremistische, destruktive Ideologie“ verboten werden.

Ein Gesetzesentwurf liegt bereits in der Staatsduma vor. Denn unter Russlands Abgeordneten hat sich längst eine andere „Sportart“ verbreitet: Gefahren dort zu sehen, wo keine sind. Schon veranstalten Schulen Elternabende, Kliniken verteilen Merkblätter zur „Gefahr durch Quadrober“. Und der Staat droht Eltern mit dem Sorgerechtsentzug, sollte ihr Kind Hund oder Katze spielen.

Der Begriff Quadrobics bezeichnet im Prinzip eine Art Fitnesstraining, bei dem Tierbewegungen imitiert werden. Die Subkultur geht auf den japanischen Sprinter Kenichi Ito zurück, der es im Jahr 2008 auf allen Vieren laufend ins Guinnessbuch der Rekorde schaffte. Doch ziehen sich dafür eben Kinder und Jugendliche auch Masken und Kostüme an. In Russland wächst der Verkauf von Tiermasken seit Monaten.

Skandal nach einem Popkonzert

Vor Monaten ist auch die beamtliche Hysterie in Sachen Quadrobics entbrannt, allerdings eher zufällig. Die russische Sängerin Mia Boyko hatte auf einem ihrer Konzerte eine Achtjährige, die in der Menschenmasse verloren gegangen war, auf die Bühne geholt – und sich, kaum hatte sie deren Katzenmaske gesehen, lustig über das Kind gemacht.

Viele warfen der Sängerin öffentliche Erniedrigung des Mädchens vor, Boyko wehrte sich: „Das sind fremde Einflüsse aus dem Westen, wo das Brechen von Normen zum Trend geworden ist. Das ist nicht normal. Ich will unsere Gesellschaft vor der Zerstörung bewahren.“

Auf diesen Zug der „Wahrung von traditionellen Werten“ sprangen plötzlich auch Funk­tio­nä­r*in­nen auf. Und Russlands Außenminister Lawrow brachte die Quadrober auf die internationale Bühne, als er seinen armenischen Kollegen plötzlich fragte, ob in Armenien „so etwas“ auch bekannt sei. Der Armenier verstand gar nicht recht, worum es ging.

„Prophylaxe und Heilung“ für kostümierte Kinder

Russlands Abgeordnete sehen in den verkleideten Kindern einen „Virus“ und arbeiten bereits an „Maßnahmen zur Prophylaxe und Heilung“, wie es Gennadi Skljar von der Regierungspartei Einiges Russland ausdrückt. Russlands Kirche erkennt darin eine „Antiwerte-Bewegung“. Russlands Pro­pa­gan­dis­t*in­nen befürchten, das Tor zu „Unzucht und Faschismus“, wie es der Filmregisseur Nikita Michalkow nennt, sei geöffnet.

Manche Eltern sind verunsichert: „Meine Tochter spielt Katze, völlig harmlos. Ich habe Angst, dass sie so in die Schule geht“, berichtet eine Mutter in einer Youtube-Sendung. „Als Fuchs fühle ich mich freier. Die Realität ist mir zuwider. Ja, ich flüchte“, erzählt ein 14-Jähriger in einer anderen Sendung. Es ist offenbar der Weg des jungen Quadrobers, genau der Welt zu entfliehen, die Lawrow, Wolodin und all die anderen aufbauen.

  • informationsspiegel

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