Tötung von Hamas-Chef Sinwar: Eine neue Chance

Jerusalem/Berlin taz | Es ist ein apokalyptisches Video, das die letzten Momente von Jahia Sinwar zeigt und kurz nach seinem Tod vom israelischen Militär veröffentlicht wurde. Aufgenommen von einer Drohne, die in das zweite Stockwerk eines zerstörten Hauses fliegt, zeigt es einen Menschen, gebückt zwischen Trümmern auf einem verstaubten Sessel.

Den Kopf in das Palästinensertuch gehüllt, die rechte Hand zerfetzt. Als die Drohne heranfliegt, ein kurzes Aufbäumen: Mit der linken Hand wirft er mit einem Holzscheit auf die Drohne. Kurz darauf jagt das israelische Militär das Haus in die Luft. Die Soldaten hatten den Hamas-Chef nicht gezielt aufgespürt, sondern wohl während einer Patrouille eher zufällig entdeckt.

Doch das Video könnte als Metapher für den Zustand der Hamas gesehen werden: einsam, verwundet, ohne Zukunft.

Ist die Tötung des Drahtziehers des Massakers vom 7. Oktober 2023 ein Wendepunkt im Gazakrieg, der seither kein Ende zu finden scheint? Ist dies die Chance auf einen Waffenstillstand und eine Freilassung der Geiseln? Viele hoffen darauf, Israelis wie Palästinenser*innen. Regierungschefs sprechen von einer „konkreten Aussicht auf einen Waffenstillstand“, so wie Bundeskanzler Olaf Scholz am Freitag in Berlin bei seinem Treffen mit US-Präsident Joe Biden. Der stimmte ein: Nun sei der Zeitpunkt, „um sich in Richtung Waffenstillstand zu bewegen“.

Ein Funken Hoffnung

Auch der palästinensisch-amerikanische Aktivist und Autor Ahmed Fouad Alkhatib sieht einen Funken Hoffnung. Zwar wirke es wie Wunschmusik, so Alkhatib in einem Gespräch mit der US-Denkfabrik Atlantic Council, doch er halte es für möglich, dass der in Katar sitzende politische Flügel der Hamas nach Sinwars Tod den militärischen Flügel in Gaza zu einem unilateralen Waffenstillstand drängen könnte. Selbst ein Verzicht auf bewaffneten Widerstand sei denkbar. Sogar unter Hamas-Kämpfern in Gaza, bei den Kassam-Brigaden, gebe es Stimmen, die für ein unilaterales Ende der Kämpfe seien.

Tatsächlich ist die Hamas nach einem Jahr Krieg stark geschwächt. Zwar feuerte die radikalislamische Miliz am Jahrestag des 7. Oktober zum ersten Mal seit Monaten einige Raketen auf Tel Aviv, doch ihr Waffenlager ist wohl extrem ausgedünnt. Auch gibt es Hinweise auf einen Stimmungsumschwung in der leidenden Zivilbevölkerung Gazas: Einer Umfrage des Palestinian Center for Policy and Survey Research (PSR) zufolge hat im September zum ersten Mal eine Mehrheit der befragten Bewohner gesagt, dass der Angriff auf Israel am 7. Oktober eine Fehlentscheidung gewesen sei.

Andere hingegen sehen in dem Tod Sinwars den eines heroischen Märtyrers, der im Kampf an der Seite von Hamas-Kämpfern getötet wurde. Auf X gehen Bilder von Sinwar mit festem Blick in die Ferne viral. Im Hintergrund die palästinensische Fahne und Gleitschirme, mit denen die Hamas am 7. Oktober Israel vom Meer aus überfiel.

Mitentscheidend für die Weichenstellung im Nahen Osten ist nun die Frage nach Sinwars Nachfolge. Einiges deutet darauf hin, dass dessen Bruder, Mohammed Sinwar, in seine Fußstapfen treten und die Führung des militärischen Flügels übernehmen könnte. Als einer der Topkommandanten der Kassam-Brigaden würde er wohl eine ähnlich radikale Haltung wie sein Bruder übernehmen. Dass er den Weg zur Freilassung der Geiseln erleichtern wird, ist fraglich. Unklar ist außerdem, ob der Führungsanspruch des Nachfolgers von allen Hamas-Zellen anerkannt werden wird – und wer im Gerangel zwischen dem militärischen Flügel in Gaza und der politischen Führung im Ausland den Ton angeben wird.

Benjamin Netanjahu hält sich bedeckt

Auch auf israelischer Seite gehen die letzten Bilder Sinwars viral. Regierungschef Benjamin Netanjahu hat nun das Foto, auf das er seit Langem gewartet hat. Um Sinwars Leichnam zwischen Trümmern stehen eine Handvoll Soldaten und blicken auf ihn herab. Deutlicher dürfte der „absolute Sieg“, den Netanjahu seit mehr als zwölf Monaten so häufig als Ziel ausgerufen hat, sich auch in Zukunft kaum zeigen lassen.

Doch in einer Videoansprache am Abend hielt sich der Regierungschef bedeckt. An die Adresse der Geiselangehörigen sagte er: „Wir werden mit all unserer Kraft weitermachen, bis alle eure Liebsten zurück sind.“ Von einem Abkommen kein Wort. Stattdessen betonte Netanjahu, der Krieg sei „noch nicht vorbei“. Hamas-Angehörigen, die ihre Waffen niederlegen und die Geiseln zurückbringen würden, versicherte er, sie könnten „herauskommen und leben“. Erst am Freitagmorgen kündigte er ein Treffen zwischen Ministern und den Sicherheitsbehörden an, um die Wiederaufnahme von Verhandlungen zu erörtern.

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Ob Sinwars Tod in der israelischen Politik etwas verschiebt, bleibt abzuwarten. Am Donnerstagabend traten zum einen Freude und Genugtuung über dessen Tötung in Israel zu Tage. Doch auch die Spaltung des Landes wurde deutlich. Einav Zangaucker, Mutter des in Gaza gefangenen Matan und eine der bekanntesten Stimmen der Angehörigen, sagte in einer Videobotschaft: „Es wird keinen vollständigen Sieg geben, wenn wir nicht ihre Leben retten und sie alle zurückbringen.“

Netanjahus rechtsextreme Koalitionspartner Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich hingegen forderten noch am Donnerstagabend, die Armee müsse den militärischen Druck aufrechterhalten. So sollten Hamas-Kämpfer zur Aufgabe und zum Verlassen des Küstenstreifens bewegt werden. Die Angehörigen der national-religiösen Siedlerbewegung nutzen den Krieg seit einem Jahr, um ihre Vertreibungsfantasien gegen Palästinenser voranzubringen. Mit der Drohung, die Regierung zu Fall zu bringen, treiben sie Netanjahu vor sich her.

Netanjahu gewinnt das Vertrauen vieler Be­woh­ne­r*in­nen

Der Tod Sinwars könnte dieses Kräfteverhältnis jedoch verschieben. Netanjahu, der nach dem 7. Oktober bei vielen Israelis in Ungnade gefallen war, hat viel Boden gutgemacht. Bereits die gezielten Tötungen von Sinwars Vorgänger Ismail Hanija in Teheran und Hisbollah-Anführer Hassan Nasrallah in Beirut hatten Netanjahu und seiner Likudpartei in Umfragen einen Schub verschafft. Mit dem Krieg im Libanon gewann er zuletzt das Vertrauen vieler Be­woh­ne­r*in­nen im Norden des Landes wieder.

Das Video des sterbenden Sinwar ist Metapher für den Zustand der Hamas: einsam, verwundet, ohne Zukunft

Angesichts des ständigen Beschusses durch die Hisbollah im Libanon fühlten sie sich von der Regierung im Stich gelassen. Nun versammeln sie sich hinter dem Krieg. Die Tötung von Sinwar, der auf der Liste der israelischen Ziele ganz oben stand, könnte dem Regierungschef einen weiteren Push geben – und ihn von seinen national-religiösen Koalitionspartnern wieder unabhängiger machen.

Der Kampf an mehreren Fronten setzt Israel zunehmend unter Druck. Erst am Donnerstag starben fünf Soldaten bei Gefechten im Libanon. Am Freitag mobilisierte die israelische Armee weitere Reservisten. Die von Iran unterstützte libanesische Schiitenmiliz Hisbollah kündigte nach dem Tod Sinwars bereits eine „neue und eskalierende Phase“ im Krieg mit Israel an. Ein israelischer Gegenschlag auf den iranischen Raketenangriff vom 1. Oktober steht noch immer aus.

Ein Waffenstillstand in Gaza könnte auch die anderen Fronten beruhigen. Die Tür dazu steht nun möglicherweise offen. Ob sie genutzt werden wird, ist eine andere Frage.

  • informationsspiegel

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