Unentschieden gegen Elversberg: Wie der HSV das „Wir“ entdeckt

Hamburg taz | Kennen Sie Elversberg? Das ist die Hälfte einer Gemeinde im Saarland. Die örtliche Sportvereinigung hat einen Mannschaftsbus, auf dem groß „Die Elv“ steht. Sein Kennzeichen beginnt mit NK, für Neunkirchen. Und das mindestens könnte Fußballfreunden ein Begriff sein. Borussia Neunkirchen spielte mal drei Saisons in der Bundesliga, in den sechziger Jahren. Heute: Saarlandliga.

Aber die SV Elversberg, keine zehn Kilometer entfernt, spielt in der zweiten Bundesliga, schon die zweite Saison. Für den Hamburger SV ist das ein Problem. Nicht nur, dass die Elversberger bloß ein Häuflein Fans begleitet, das den Auswärtsblock im sonst immer ausverkauften Volksparkstadion bei weitem nicht füllt. Damit könnten sie dem HSV den angepeilten Saison-Zuschauerrekord vermiesen. Nein, noch viel schlimmer: Sie können auch noch Fußball spielen.

Es gehört zur DNA des HSV, von der Qualität solcher Gegner überrascht zu sein, auch nach bisher zwei Niederlagen in Elversberg und einem knappen 1:0-Heimsieg in der vergangenen Saison. Insofern war das Heimspiel am Freitagabend eine Art Reifeprüfung für den HSV 2025. Und man kann sagen: Er hat sie mindestens halb bestanden, hatte bis zuletzt alles versucht, um in Führung zu gehen – ohne sich das entscheidende Gegentor einzufangen.

Trainer Polzin bisher „schwierigste Aufgabe“

HSV-Trainer Merlin Polzin wollte das umkämpfte 0:0 denn auch nicht als Rückschlag gewertet wissen. „Wir können nicht jede Woche erzählen, dass die Liga ein hohes Niveau hat und uns dann wundern, dass nicht jeder Ball bei uns ist“, sagte er. „Das war die schwierigste Aufgabe, die wir unter meiner Regie, wenn ich das so sagen darf, zuhause lösen mussten.“

Darf er das so sagen, „meine Regie“? Es ist erst vier Monate her, dass der HSV Polzin zum Cheftrainer befördert hat und dieser Halbsatz klingt, als könne er das noch gar nicht glauben. Aber vor allem ist er eben auch einer, der das „Wir“ groß macht und das „Ich“ bescheiden hinten anstellt. Immer wieder spricht er von Diskussionen im Trainerteam, lässt keine Gelegenheit aus, „Loïc“ namentlich zu erwähnen, seinen engsten Mitarbeiter Loïc Favé.

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Wir können nicht jede Woche erzählen, dass die Liga ein hohes Niveau hat und uns dann wundern, dass nicht jeder Ball bei uns ist

Merlin Polzin, HSV-Cheftrainer

Vielleicht ist es dieses „Wir“, das Polzin am stärksten von seinen Vorgängern unterscheidet. Und vielleicht hat das dem HSV am meisten gefehlt hat. Auf die Mannschaft jedenfalls scheint sich dieser kollektive Ansatz zu übertragen. Es war nicht zu viel gesagt, als Polzin von einer „absolut intakten Mannschaft“ sprach.

Dass sie von der sportlichen Qualität her das Potenzial zum Aufstieg hätte, stand nie in Zweifel. Auch wenn der HSV die Tabellenführung an Köln verloren hat – im Moment spricht wenig dafür, dass das Team wieder in die seit dem Bundesliga-Abstieg vor fast sieben Jahren üblich gewordene Frühjahrslethargie verfällt und den Aufstieg noch verspielt. Auch weil der HSV gegen alle Konkurrenten, außer dem Tabellenachten Nürnberg, schon gespielt und dabei nur einmal verloren hat. Und die Verfolger, zu denen man übrigens auch Elversberg zählen muss, treffen noch mehrfach aufeinander.

Zwist gekonnt wegmoderiert

Wenn beim HSV noch interner Zwist dazwischen käme, könnte doch noch was schiefgehen. Nach dem Unentschieden gegen Elversberg schien es kurz, als könnte solcher drohen. Top-Torschütze Davie Selke, zuletzt in sechs Spielen siebenmal erfolgreich, stellte plötzlich vor der versammelten Presse ziemlich deutlich das „Ich“ in den Vordergrund: Er beklagte sich über die zähen Vertragsverhandlungen mit dem HSV, drohte: „Irgendwann wird es dann von mir eine Entscheidung geben.“

Doch Polzin moderierte auch das später gekonnt weg: „Das ist vielleicht nicht die beste Situation, ihn so was direkt nach dem Spiel zu fragen, mit Puls gefühlt 250.“

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