Untergang russischer Tanker: Mit Schaufeln gegen Ölklumpen

Moskau taz | Eigentlich hätte Denis Dawydow weiter die Neujahrsfeiertage in Moskau verbringen können. Sie sind sehr lang in Russland. Doch der 40-Jährige konnte nicht mehr länger zuschauen, wie mehr als 1.200 Kilometer von ihm entfernt Tiere verendeten. Wie sich die Sandstrände, an denen viele russische Kinder zum ersten Mal das Meer sehen, in ölverpestete Müllhalden verwandeln.

Dawydow machte sich auf in den Süden. „Es ist doch unser aller Unglück. Das Meer braucht unsere Hilfe. Es gibt so viel Arbeit“, sagt der Lebensmitteltechniker. In diesen Tagen koordiniert er einen Freiwilligenstab, der sich um ölverschmutzte Vögel in der Schwarzmeer-Kurstadt Anapa kümmert.

Seit Wochen werden in der Region Krasnodar im Süden Russlands Ölklumpen angeschwemmt. Mitte Dezember waren in der Meerenge von Kertsch zwischen Russland und der von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim zwei russische Tanker in Seenot geraten.

Tanker, die gar nicht erst hätten in See stechen dürfen, da ihre Nutzungsdauer laut russischen Gesetzen 25 Jahre beträgt. Das 1969 gebaute Schiff „Wolgoneft 212“ war im Sturm auseinandergebrochen und sank, „Wolgoneft 239“, 1973 gebaut, lief auf Grund. Die Tanker waren für den Einsatz auf Flüssen gebaut und zum Beladen anderer Schiffe konzipiert worden. Wellen von über zwei Metern halten sie nicht stand.

„Masut“ nennen es die Russ*innen, ein minderwertiges zähflüssiges Schweröl

Doch die Schiffe waren trotz Sturmwarnungen ausgelaufen. Sie hatten insgesamt 9.200 Tonnen Öl geladen. „Masut“ nennen es die Russ*innen, ein minderwertiges, zähflüssiges Schweröl, das in postsowjetischen Ländern und auch in Iran noch als Heizöl verwendet wird.

Im Wasser bildet es Klumpen und sinkt ab. Russische Behörden, die mehrere Wochen gebraucht haben, um einen nationalen Notstand auszurufen, sehen keine weiteren Methoden, das Öl aus dem Wasser zu entfernen, als das schlichte Aufsammeln dieser Klumpen, sobald sie an der Küste angeschwemmt werden. Mehr als 65 Kilometer Küste sind mittlerweile von der Ölkatastrophe betroffen.

Die Schuldigen hatte Wladimir Putin bei seiner groß inszenierten Pressekonferenz im Dezember schnell ausgemacht: Es seien die Kapitäne, die den Anker an falscher Stelle geworfen hätten, behauptete Russlands Präsident. Die beiden Kapitäne wurden festgenommen. Vor wenigen Tagen gab der Kremlchef die Order aus, „eine der größten ökologischen Herausforderungen für Russland“ zu beseitigen. Die Beamten vor Ort begannen, sich öffentlichkeitswirksam zu rühren. Nicht immer zur Freude der Freiwilligen.

„Die Verwaltung versucht nun mit allen Mitteln zu zeigen, dass sie alles unter Kon­trolle hat. Doch im Moment sieht es eher nach einem Bärendienst aus“, sagt Dawydow. Die Behörden ließen Freiwillige, die Vögel putzen, festnehmen und hätten ein von Freiwilligen organisiertes Rehabilitationszentrum für Vögel geschlossen.

„Ein Skandal. Nun ist es von Offiziellen wieder eröffnet worden, aber die Arbeit ist schlecht organisiert“, erzählt der Helfer weiter, der sich selbst als Kommunist bezeichnet. Wie viele andere fordert er die Regierung auf, die Schiffe zu heben: „Solange die Schiffe im Wasser bleiben, werden noch weitere Tonnen Masut ins Wasser und in die Erde sickern.“

„Je mehr Menschen hier anpacken, desto schwieriger wird es mögliche Sabotageaktionen der örtlichen Verwaltung zu verbergen“

In Beschwerdebriefen der Hel­fe­r*in­nen heißt es: „Die bereitgestellten Ressourcen und Arbeitskräfte sind äußerst unzureichend. Statt Bulldozer zu verwenden, sind die Menschen gezwungen, das Öl mit Schaufeln und Schöpfkellen zu entfernen und dabei giftige Dämpfe einzuatmen.“ Das in Säcken gesammelte Öl werde nicht rechtzeitig abtransportiert, sondern lande wieder im Sand. „Die Ölklumpen breiten sich weiter aus, Vögel und Meerestiere sterben, die Menschen sind erschöpft.“

Gleich nach Bekanntwerden des Tankerunglücks waren Tausende von Freiwilligen an die russische Schwarzmeerküste aufgebrochen. Die Organisation erfolgt bis heute über Chats. „Wer hat ein Auto?“, „Ich kann heute um acht Uhr am Strand sein“, „Ich bringe Suppe vorbei“, „Ich schicke Säcke und Masken“, sind Nachrichten, die da ausgetauscht werden. Oder einfach: „Ich kann nur aus der Ferne helfen. Womit?“

„Wir brauchen vor allem Leute, die vor Ort anpacken können“, sagt Dawydow. „Wir arbeiten praktisch rund um die Uhr, das schlaucht. Aber ich sehe auch, wie viel wir bewirken können, das spornt zum Weitermachen an. Wir sind Ärzte, IT-ler, Designer, Lehrer, Kleinunternehmer.“ Ihm zufolge kommen die Hel­fe­r*in­nen aus Moskau, Sankt Petersburg, Rostow, Woronesch, selbst aus Sibirien. „Aber wir sind zu wenige.“

„Für die Verwaltung ist es von Vorteil, wenn nicht so viele Freiwillige da sind, die für Aufsehen sorgen“, berichtet er weiter. „Doch je mehr Menschen hier anpacken, desto schwieriger wird es, die Folgen dieser Katastrophe und mögliche Sabotageaktionen der örtlichen Verwaltung zu verbergen.“

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