Vom Beschweigen zur Zustimmung: Es braucht eine emanzipatorische Kritik am Islamismus

D ie zunehmende Verwirrung in Teilen der Linken hat nun auch die Berliner Jusos erreicht. Ihr jüngster Vorstoß: Sie wollen das Wort Islamismus nicht mehr verwenden. Die „begriffliche Nähe zum Islam“ sei „problematisch“, so der Antrag, der am vergangenen Wochenende auf der Landesdelegiertenkonferenz verabschiedet wurde. Das Wort Islamismus sei „stigmatisierend“. Man werde sich künftig mit keinen Anträgen mehr befassen, „die den Begriff ‚Islamismus‘ allein stehend verwenden“.

Armer Kevin Kühnert, was der da wohl denkt? Im Jahr 2020, damals noch Juso-Chef, beklagte Kühnert in einem viel beachteten Text das Schweigen der Linken zum Islamismus. Der französische Lehrer Samuel Paty war kurz zuvor von einem 18-jährigen Dschihadisten in einem Pariser Vorort enthauptet worden, nachdem er im Unterricht über Mohammed-Karikaturen gesprochen und Meinungsfreiheit gelehrt hatte. Die Linke müsse ihr „unangenehm auffälliges Schweigen“ beenden, schrieb Kühnert daraufhin – und diskutierte den Vorwurf, „in linken Weltbildern gebe es ‚richtige‘ und ‚falsche‘ Opfer oder Täter“.

Fünf Jahre später ist aus Schweigen oft Zustimmung geworden. Viele Linke sind heute außerordentlich laut, wenn es um Islamismus geht; sie relativieren oder verharmlosen ihn aktiv. Wie sonst lässt sich erklären, dass nach dem genozidalen Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel Linke bei den folgenden, teils antisemitischen, teils islamistischen „Protesten“ in westlichen Städten mitmarschierten?

In den USA verkleideten sich manche Menschen auf Demonstrationen gar als Hamas-Terroristen oder liefen mit der Fahne der islamistischen Mörderbande. Auf einer Kundgebung der islamistischen Gruppierung Muslim Interaktiv, die eine reaktionäre und menschenverachtende Ideologie propagiert, applaudierten Linke und riefen „Siamo tutti antifascisti“, eine Parole gegen Faschismus unter Anhängern, die sich dem Totalitarismus verschrieben haben.

Begriffsbrainstorming ersetzt keine politische Arbeit. Nicht das Wort Islamismus bedroht Muslime, sondern Islamisten selbst. Gerade säkulare und liberale Muslime werden von denen angefeindet, die den Islam radikal auslegen, Frauen unterdrücken, Schwule und Juden hassen.

Von wegen mutig

Von „Stigmatisierung“ sprechen übrigens gerne diejenigen, die es zu bekämpfen gilt: Islamisten selbst. Die nutzen den Vorwurf des antimuslimischen Rassismus, um damit pauschal die zu diskreditieren, die sich gegen islamistische Gewalt und für Freiheit einsetzen: Menschenrechtsaktivisten, Wissenschaftler, Journalisten.

Mutig und fortschrittlich wäre gewesen, wenn die Jusos einen kritischen Blick auf den politischen Islam geworfen hätten – jenen legalistischen, strukturell wirksamen Islamismus, der zu oft noch vom Staat als Dialogpartner hofiert wird, alles unter der Prämisse des „inter­religiösen Dialogs“ oder vermeintlicher Antidiskriminierung. Dass der politische Islam nach eigener Auffassung Gewalt ablehnt, macht ihn deshalb nicht harmlos.

Gibt es noch linke Islamismuskritik? Sicher! Aber leider viel zu wenig. In der radikalen Linken sind Positionen, die eine emanzipatorische Islamkritik beinhalten, mittlerweile in der Minderheit. Heute ist die antiimperialistische Linke wieder angesagt und ihr Kampf gegen „den Westen“. Dass viele dieser Positionen reaktionär und autoritär sind, stört Sympathisanten wenig.

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Wortakrobatik ersetzt keine politische Arbeit

Die verletzten Gefühle von Islamisten ­sollten Linke gerne in Kauf nehmen, wenn sie dafür Betroffene dieser Ideologie schützen können. Nicht das Wort ist das Pro­blem – ­sondern die Angst davor, es auszusprechen. Wer den Islamismus nicht benennt, ihn durch ­Wortakrobatik zu ­umschiffen versucht, wird ihn erst recht nicht bekämpfen können.

  • informationsspiegel

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