Was sollen Museen ausstellen?: Im Zweifel für den Dackel

In Kassel geht es ums Geld, wie gerade überall im Land. In der Fußballkneipe sagen die Leute, sie können sich das Autofahren nicht mehr leisten, aber der Zaun zum Nachbargrundstück, nee klar, das ging halt nicht mehr, mal eben 4.000 Euro im Baumarkt gelassen.

500 Euro mehr hat der Hundemantel für „Erdmann“ die Kassler Landesmuseen 2020 bei einer Versteigerung gekostet. Dessen Echtheit als Bekleidungsstück des Kaisers Wilhelm II. Lieblingsdackel ist umstritten, wurde vom Steuerzahlerbund – das ist der Lobbyverein derer, die viel verdienen und deswegen Steuern zahlen – scharf bebellt, weil ein gefundenes populistisches Fressi.

Bekrittelt wurde der „überteuerte Mantel“ u. a. deswegen, weil weder Fotos noch Schriftstücke existierten, die dokumentierten, dass Dackel Erdmann den ausgestellten Mantel tatsächlich getragen habe. Und das: stimmt.



Foto: hkh

Am vorvergangenen Sonntag stand das hübsche Teil mit aufgenähtem Spitzentaschentuch und unkaiserlich maschinengesticktem Schriftzug „Erdmann“ zum vorerst letzten Mal im Landesmuseum der nordhessischen Metropole: repräsentativ in einer Apsis des stattlichen, nach Kassler Sitte großzügig durch Baustellen abgeschirmten Gebäudes, von dessen Turm man zum Herkules blicken kann, dem Kassler Wahrzeichen, das auch nicht gerade billig zu haben war.

Zeitgenössisches Material

Warum der Aufwand für ein Stück Stoff, warum hat Kassel zugeschlagen, als er in den Verkauf ging?

Der Mantel könnte für den Lieblingsdackel des glücklicherweise letzten Deutschen Kaisers angefertigt worden sein. Und der hat etwas unterhalb des Herkules, im UNESCO-Welterbepark Wilhelmshöhe, sogar einen Gedenkstein für sein Lieblingshundi setzen lassen mit der Inschrift: „Andenken an meinen treuen Dachshund Erdmann 1890–1901. W.II.“

Der blaue, angeblich an eine Marineuniform erinnernde Mantel mit oranger Bordüre und wissenschaftlich gesichert aus zeitgenössischem Material gefertigt, ist praktisch ein UNESCO-Mantel.

Er ist aber entweder ein Original oder eine Fälschung oder, was mir am wahrscheinlichsten erscheint, eine bürgerliche Kopie des aristokratischen Kleidungsstücks, das nicht ganz dessen Noblesse erreicht – aber so ist das ja immer mit den Kopien. Der Leiter der Kassler Sammlung nimmt’s eh gelassen. „Wenn es nicht wahr ist mit Erdmann“, sagt er im ausstellungsbegleitenden Video, „dann ist sie zumindest gut erfunden, die Dackelgeschichte“.



Foto: Katrin Venhorst/hkh

Schreiben im Wandel der Zeit

Und damit dackeln wir bei diesem Besuch einen Stock höher im Landesmuseum, zur zweiten bezaubernden und noch andauernden Kabinettausstellung, dahin, wo beziehungsweise womit Geschichten geschrieben werden: „Mit spitzer Feder: Schreibzeug und Schreiben im Wandel der Zeit“.

Ein paar Vitrinen nur. Aber wie die knapp drei Dutzend kunstvoll gestalteten Tintenfässer und Streusandbüchsen zeigen, wer wie warum geschrieben hat. Das ist schon sehr schön und informativ anzusehen.

Zuerst schreiben hier die Mönche. Und das Schreibzeug, also das meist kastenförmige, aus glasierter Keramik bestehende Behältnis zur Aufbewahrung der Werkzeuge für das Schreiben, ist bei ihnen mit den schreibenden Kirchenvätern geschmückt.

Der schreibende Adel hingegen platziert zwischen die runden Einsätze für Tinte und den abschließend zum Trocknen verstreuten Sand natürlich eine herrschaftliche Allmacht symbolisierenden Löwen. Am schönsten ist aber das tiefgrüne kaufmännische Schreibset mit dem antiken Windgott Aiolus, der die Schiffe der wagemutigen Händler übers Meer treibt, um fremde Menschen und Länder auszubeuten.

Galläpfel, vermischt mit Eisensulfat

Hier wird die Macht des Geschrieben greifbar; und wie haptisch, wie materiell die Sache ist, wird klar, wenn es zu Papier, Tinte und Federkiel weitergeht. Aus Leinenlumpen geschöpft das Erste, aus Galläpfeln vermischt mit Eisensulfat die Zweite, mit dem Federmesser angespitzt der Dritte.

Ein Video zeigt Kalligrafie, Faltung und Wachsversieglung der Post, die eine eben solche dann halt auch an die Frau bringen muss. Die schreibt nun auch und öfter, in der sich bildenden bürgerlichen Öffentlichkeit. Gern ist ihr Schreibzeug herzförmig gestaltet und auch mal in Form eines Bügeleisens, als Teil der Mitgift, die die Rechtskräftigkeit einer Heirat bestätigen sollte.

Die Zustellung der Post übernahm hierzulande das damals noch solide Haus Thurn und Taxis, sehr hübsch ist ein taschenbuchartiger Postalmanach mit tabellarischen Verzeichnissen der Reiseziele und Dauer.

Und dann wird’s heimelig, biedermeierlich. Eine Schreibzeugbedeckung aus dem beginnenden 19. Jahrhundert zeigt die älteren Kindlein um das Baby in der Wiege gruppiert. Das nach außen gerichtete Schreiben wird sozusagen in seiner Wichtigkeit gedeckelt durch den Bezug auf das Innenleben, die Familie.

Hund und Wal

Womit wir wieder beim Dackel Erdmann sind: Dass von Erwachsenen benutzte, beziehungsweise in Auftrag gegebene Objekte Kinder darstellen und ein Haustier wärmen, sagt etwas aus über menschliche Beziehungen und Empfindsamkeiten.

Dass solche Verhältnisse nie so bleiben müssen, wie sie sind, und welche Abgründe sich mit ihnen auftun, erfahren wir täglich: Ob die gerade entlassene Trump-Ministerin Kristi Noem ihren nicht nach Wunsch konditionierbaren Jagdhund erschießt oder ob Menschen einen gestrandeten Wal durch verzweifelte Walgesänge zum Aufbruch drängen wollen.

Diesen Wandel der menschlichen Gefühle anhand von Objekten zu dokumentieren und zu präsentieren, dafür sind Museen da. Das Geld für den Mantel eines auch unbekannten Dackels ist da genauso gut angelegt wie das für die Ausstellung über Schreibzeug. Die läuft noch bis zum 3. Mai.

Erdmann kuschelt, nach Auskunft von Hessen Kassel Heritage, erst mal im Depot, ausleihfähig. Vielleicht sehen wir ihn ja schon ab 31. Oktober in der Bremer Kunsthalle wieder. Da eröffnet die Ausstellung „Der Dackel. Eine Ikone geht Gassi“.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Neuer Proteste von Fridays for Future: Danke, Katherina Reiche
    • April 15, 2026

    Die Klimabewegung hat bisher nicht an ihre Erfolge von 2019 anknüpfen können. Sie könnte aber vom jetzigen Momentum der Spritpreiskrise profitieren. mehr…

    Weiterlesen
    Dokumentarfilm „Blame“: Jemand muss doch schuld sein
    • April 15, 2026

    In seinem Dokumentarfilm „Blame“ geht Christian Frei coronabedingten Verschwörungsmythen nach, die WissenschaftlerInnen zu Sündenböcken machten. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Neuer Proteste von Fridays for Future: Danke, Katherina Reiche

    • 6 views
    Neuer Proteste von Fridays for Future: Danke, Katherina Reiche

    Dokumentarfilm „Blame“: Jemand muss doch schuld sein

    • 6 views
    Dokumentarfilm „Blame“: Jemand muss doch schuld sein

    Abschiebebeobachtung in Hamburg: Protokolle der Kälte

    • 4 views
    Abschiebebeobachtung in Hamburg: Protokolle der Kälte

    Streit um Deutschlandticket: Fürs Auto ist immer Geld da

    • 4 views
    Streit um Deutschlandticket: Fürs Auto ist immer Geld da

    Was sollen Museen ausstellen?: Im Zweifel für den Dackel

    • 6 views
    Was sollen Museen ausstellen?: Im Zweifel für den Dackel

    Sudankonferenz in Berlin: Die richtigen Worte, aber keine Taten

    • 5 views
    Sudankonferenz in Berlin: Die richtigen Worte, aber keine Taten