Williams „Es werden schöne Tage kommen“: Amerikanischer Albtraum

Auf eine Weise verkörpert Zach Williams viel von der großen sozialen Erzählung, die seit jeher Teil des amerikanischen Selbstverständnisses ist: Williams, der erst mit Mitte dreißig und nach der Geburt seines ersten Kindes zum Schreiben gefunden hat, ist als literarischer Newcomer mit seinem Debüt plötzlich überall.

Nach Vorveröffentlichungen im New Yorker, der Paris Review und McSweeney’s sowie hymnischen Besprechungen ist Williams’ Erzählband „Es werden schöne Tage kommen“ auch noch auf Barack Obamas alljährlicher „Summer Reading List“ gelandet.

Das Bild, das die zehn nun von Bettina Abarbanell und Clemens Setz übersetzten Storys vom „Land of the Free“ zeichnen, sollte dem Ex-Präsidenten und der Galionsfigur des progressiven Großstadt-Amerikas allerdings tonnenschwer im Magen liegen.

Resignation der Post-Obama-Jahre

Denn über Williams’ Stories liegt bleiern die Resignation der Post-Obama-Jahre, ein düsteres, paranoides Abbild von Amerika, das eher an die überlangen Zinken der Heugabel in „American Gothic“, dem emblematischen Gemälde von Grant Wood, denken lässt als an Obamas blumenumranktes Präsidentenporträt von Kehinde Wiley. Der linksliberale Geist der Yes-We-Can-Ära ist der Erkenntnis gewichen, dass man sich als Ein­zel­ne*r in diesem We an einer Stelle wiederfindet, die einem höchstwahrscheinlich ganz und gar nicht behagt.

Das Buch

Zach Williams: „Es werden schöne Tage kommen“. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Clemens J. Setz. dtv, München 2025. 272 Seiten, 24 Euro

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Vieles der amerikanischen Short-Story-Tradition hallt in Williams wider: die knappe, ökonomische Poesie der Sprache, die vielfach offenen Enden, die Auseinandersetzung mit dem Menschen in der Natur, aber auch ein magischer Realismus im Stile Jorge Luis Borges’. In den besten Geschichten findet Williams, wie bei Raymond Carver, den letztmöglichen Zeitpunkt für den Storyeinstieg und zeichnet seine Figuren mit wenigen, aber vieldeutigen Pinselzügen. Man weiß selten mehr als die Prot­ago­nis­t*in­nen und ist ihnen sofort nah.

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Williams weiß mit den Kipppunkten der Realität zu spielen – vor allem die längeren Geschichten lassen einen mit rätselhaftem Unbehagen zurück

In der längeren Erzählung „Sauerkleehaus“ wird das Schicksal einer jungen Familie geschildert, die sich nach einer nicht näher ausgeführten Apokalypse in ein abgelegenes Landhaus zurückgezogen hat und sich plötzlich in einer Art Zeitschleife wiederfindet, in der nur sie selbst, nicht aber ihr Sohn altern kann. Was zuvor passiert ist, erfährt man nicht, allerdings viel über das komplexe Innenleben der Figuren und das Verdrängte einer Ehe.

Spiel mit den Kipppunkten der Realität

Es dauert viele Seiten, bis der Wahnsinn aus der arkadischen Waldflucht hervortritt und Ronna, die Mutter, erfasst: „Sie füttert Max nicht mehr. Sie lässt ihn tagelang im Wald. Sie hat einen Käfig an einem Seil, wie eine Krebsfalle, und versenkt Max darin im See.“ Williams weiß mit den Kipppunkten der Realität zu spielen, und vor allem die längeren Geschichten lassen einen mit einem rätselhaften Unbehagen zurück, das man auch Tage nach dem Lesen nicht los wird.

Anders als Raymond Carver erzählt Williams nicht von den Problemen einer arbeitenden Unterschicht, die seit Generationen an Ort und Stelle festgenagelt ist. Stehen bei Carver die Figuren noch am Rand des Abgrunds des amerikanischen Traums, so sind sie bei Williams bereits an der Talsohle angekommen.

Die Prot­ago­nis­t*in­nen sind hier die Kinder der Babyboomer, denen nicht einmal mehr das Kopieren der sinnentleerten Existenzen ihrer Eltern als Möglichkeit bleibt. Williams’ Stories handeln von Menschen, die gelernt haben, dass es immer etwas gibt, das größer und mächtiger ist als sie selbst, und dass die Rettung auch in der Selbstverleugnung liegt. Es sind moderne Loser, Absteiger auf der sozialen Leiter.

Williams findet seine Figuren in der Melancholie des Alltäglichen. Mal sind es Nachtwächter, die in verwaisten Bürokomplexen vor dem semiotischen Chaos der Postmoderne kapitulieren und sich über Verschwörungstheorien ein letztes Maß an Selbstwirksamkeit erhalten wollen. Oft geht es ums Elternsein, noch öfter um den Verlust von Partnern und die darauf folgende Selbstisolation und Depression.

Ein Amerika der zersplitternden Gewissheiten

Für all das zwischenmenschliche Leid eines Amerikas der zersplitternden Gewissheiten, das sich seine Einwohner gegenseitig zufügen, für all die nagenden Leerstellen und fehlende Wärme hat Williams beinahe zärtliches Verständnis. In „Ghost Story“ bemerkt ein an seinen eigenen Ansprüchen gescheiterter Künstler, dass sein aufwachsender Sohn mit dem schleimigen Chef einer IT-Firma, für die er als Student gearbeitet hat, zu ein und derselben Person zu verschmelzen droht – und das nicht im übertragenen Sinn, sondern tatsächlich.

Es ist die Erkenntnis, dass man die Hölle auf eine Weise auch selbst mit hervorgebracht hat, dass alles ein ewiger Kreislauf ist. Gleichzeitig ist die Geschichte auch eine Meditation über Vaterschaft, Männlichkeit und die zahlreichen Spurlinien von Gewalt, die das Trump’sche Amerika durchziehen.

Es ist schwierig, diese Storys in gängige literarische Kategorien zu zwängen. Ob Horror, magischer Realismus oder spekulative Fiktion: Williams schreibt auf eine Weise, die völlig vergessen lässt, dass es sich um ein literarisches Debüt handelt.

Fieberhaft und hellseherisch

Anders als bei Carver, der nicht nur der Großmeister des späten Einstiegs, sondern auch des effektvollen plötzlichen Endes war, funktioniert Williams’ Erzählweise am besten auf der etwas längeren Distanz. Dann erhalten die Storys etwas Fieberhaftes.

Gar hellseherisch werden sie, wenn man als Le­se­r*in den Wissensstand der Figuren erreicht hat, ihr Inneres auf die Ähnlichkeiten zu sich selbst prüft und einem dämmert, wie nah die scheinbar übernatürlichen Szenarien der eigenen Wirklichkeit sind – und wie wenige Stellschrauben man verändern muss, um das Monströse unserer Zeit ganz nackt hervortreten zu lassen.

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