
„What kind of fuckery is this?“, möchte man mit einer von Amy Winehouse’ lustigsten Wortschöpfungen ausrufen. Vor 20 Jahren, am 27. Oktober 2006, erschien ihr Album „Back to Black“, und nun kommt aus diesem Anlass ein Jubiläumspaket mit drei transparenten Vinyllangspielplatten auf den Markt, das neben dem Original-Studioalbum bislang unveröffentlichte Demos und seltene Single-B-Seiten enthält sowie den Mitschnitt eines Live-Auftritts in Amsterdam vom Februar 2007. Das Ganze garniert mit „brandneuer alternativen Cover-Artwork“, handgeschriebenen Songtexten in Winehouse’ original Künstlerklaue, bisher unveröffentlichten Fotos, Linernotes, angepriesen mit jeder Menge theatralischer Berichterstattungs-Sperrfristen und Promotion-Jubelfloskeln.
Fuckery, allerdings, denn „Back to Black“ bedarf keiner Ergänzung, keiner Re-Irgendwas. Die elf von Mark Ronson und Salaam Remi produzierten Songs im Neo-Northern-Soulsound stehen bis heute für sich. Der schunkelige „Ich lass mir meine schöne Alkoholabhängigkeit nicht wegtherapieren“-Trotzsong „Rehab“ macht noch immer gute Laune, weder eine Lola Young noch andere zeitgenössische Winehouse-Epigoninnen haben bisher annähernd diese Schlagseite hingekriegt.
Auf Wohlgefühl folgt der Reue-Comedown „I’m no good“ mit diesem schwer stolpernden Rhythmus und einem einprägsamen Bläserarrangement: „You shrug and it’s the worst / Who truly stuck the knife in first?“, ba-ba-ba- baaam, ba-ba-ba-baaam, der beschwingte Beat steht quer zum selbstdestruktiven Text und der darin ausgedrückten Verzweiflung, einfach ein zu schlechter Mensch zu sein für eine große Liebe.
Durch Back to Black erschallte Winehouse’ abgehangene Neo-Soul-Stimme durch die musikalische Landschaft wie die verdammten Trompeten von Jericho
Düsterste Gefühle im Motown-Klanggewand: Als „Back to Black“ damals erschien, schallte Winehouses’ abgehangene Neo-Soul-Stimme durch die musikalische Landschaft wie die verdammten Trompeten von Jericho. Für mich kam sie gerade recht. Nach Jahren der musikalischen Langeweile; Madonnas Album „Confessions on a Dance Floor“ war gerade ein Jahr her. Obwohl „Hung Up“ ein Monsterhit war, atmete die Madonna der nuller Jahre irgendwie auch eine neoliberale Verzweiflung: Eine Popheldin meiner Jugend warf sich als fitnessstudiogestählte Faceliftingkarikatur ihrer selbst zurück auf den Markt.
Das deprimierte mich nicht weniger als meine beiden Indie-Role Models Lydia Lunch und P. J. Harvey, die weiter in ihren Postpunk-Schrei-und Gitarren-Nischen vor sich hin wüteten, als ob die Achtziger und Neunziger nie zu Ende gegangen seien. Waren sie aber, und das gerade erst angebrochene Millennium fühlte sich auch schon wieder ranzig an: Die Dotcom-Blase war geplatzt, Mieten wurden teurer, Clubs schlossen, der Dancehallhype, der rund um Seeeds Debütalbum „New Dubby Conquerors“ das Berlin des Jahres 2001 mit jamaikanisch inspirierten Rhythmen und Patois-Lyrics mit Berliner Schnauze belebte, erschöpfte sich in Kopien.
Als der Irakkrieg losbrach und Deutschland sich bei der Fußball-WM als freundlicher „Schland“-Fähnchen-Gastgeber neu erfand, fand ich kurzfristig musikalischen Trost bei Jan Delay, der mit „Mercedes Dance“ Funk und Soul auf Deutsch zum Glänzen brachte und neben schmetternden Trompeten wenigstens ein bisschen Humor mitbrachte. Destruktiven Ausgleich (der Punk in mir sehnte sich dann und wann nach schlechter Laune) suchte ich bei den Babyshambles, die mit „Fuck Forever“ alles niederrotzten, was gut gelaunt und gekämmt Normalität einforderte. Leider erwies sich Pete Doherty beim Konzert als unangenehmer Druffi mit enttäuschend langweilig-breitbeinigem Sound.
Das Album
Amy Whinehouse: „Back to Black“ (Island/Universal)
Und dann kam diese seltsam angezogene Bienenkorbfrisur-Lady aus England, die ich unbedingt auf der Bühne sehen wollte. Winzig, aber geladen, im Guten wie im Schlechten. Einmal hatte ich ein Ticket ergattert, aber das Konzert fiel, wie öfter, (vermutlich alkohol- oder drogenbedingt) aus. Es blieb aber die großartige Platte: Auf „Back to Black“ sang die noch junge Winehouse mit der Stimme einer reifen Souldiva von Abstürzen, toxischen Beziehungen, besoffenen Sexeskapaden und anschließendem Selbsthass. Die Songtexte schrieb sie natürlich selbst: „What kind of fuckery are we / Nowadays you don’t mean dick to me“, sang sie straßenmäulig – und legte sich doch weinend „on the kitchen floor“ nieder, als sie es wieder einmal vermasselt hatte mit der Liebe.
Der schmelzende Signature-Retro-Sound, den ihr Mark Ronson verpasst hatte, wäre mit einem lieblicheren Frauenstimmchen vermutlich unerträglich gewesen, aber für Amy Winehouse’ Reibeisenstimme und ihre wilden Texte bot er die perfekte Unterlage. „Back to Black“ lief in kürzester Zeit überall: im Radio, im Club, zu Hause, auf allen Dates. Man konnte beschwingt mit „Rehab“ und „Me & Mr Jones“ anfangen und dann bedeutungsvoll zu „Back to Black“ („We only said goodbye with words / I died a hundred times“) wechseln – in meiner Kreuzberger Lieblingsbar konnte es schon mal passieren, dass sich zu „Love Is a Losing Game“ die Stammgäste zu später Stunde in den Armen lagen.
Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft
Dass nach „Back to Black“ mitsamt der von Höhen und Tiefen geprägten Tour nicht mehr allzu viel folgte, ist Musikgeschichte: 2011 starb Amy Winehouse mit gerade 27 Jahren und nach zwei veröffentlichten Alben an einer Alkoholvergiftung. Die Verzweiflung der Fans und ihrer Plattenfirma führte schon 2011 zum ersten Tribute-Album „Lioness: Hidden Treasures.“ Jetzt also noch mehr „verborgene Schätze“, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft?
Klar ist das ein kommerziell motivierter Wiederaufguss. Aber im Gegensatz zur ewig tourenden „Tribute to Amy“-Show, die mit viel Mummenschanz versucht, das „Original“ zu imitieren, auch ein schöner: Das Jubiläumspaket enthält den Riesenhit „Valerie“ von 2007, in einer wunderbar cleanen Liveversion für die BBC. Und noch ein paar andere hübsche Trouvaillen. Etwa die Original-Demos von „I’m no Good“ und „Me & Mr Jones“, das im Original noch „Fuckery“ hieß und mit einem schwer schleppenden Beat und halligen TripHop-Einspielern statt des Motown-Hintergrundchors längst nicht so cool daherkam wie die Albumversion.
Die verworfene Version von „I’ve Been Drinkin’ – Just Friends“ dagegen klingt beschwingter als auf dem Album, aber genauso ausdrucksstark. Überhaupt sind ein paar Perlen dabei, wie die neosouligen Tracks „Close to the Front“ und „Do Me Good“, bei denen Winehouse stimmlich virtuos und beinah unbeschwert klingt. Ein Hörgenuss ist auch das Live-Set aus dem „Paradiso“ in Amsterdam – eins der seltenen Konzerte, auf denen Amy Winehouse ihre unglaublich ausdrucksstarke und wandelbare Stimme voll ausspielen konnte.
Und die vier Ska-Songs? Schon 2008 ätzte der Rolling Stone über eine Winehouse-EP mit Coverversionen: „Überwiegend grauenvoll hören sich die drei Interpretationen der Specials an: ‚Monkey Man‘ könnte zu Folterzwecken missbraucht werden, ‚Hey Little Rich Girl‘ und ‚You’re Wondering Now‘ sind auch nicht viel besser. Deutlich gelungener: Sam Cookes ‚Cupid‘. Aber die Cover-Gestaltung ist toll!“
Ska war vielleicht nicht ihre Stärke. Und dennoch: Lieber lasse ich mich von Amy Whinehouse foltern als von sonst jemand.






