Krawalle in Frankreich: Die verheimlichten Toten der Pariser Unruhen

„Hallo zusammen, ich bin nicht tot!“ Mit schwarzem Humor meldete sich Antoine unter den Lebenden mit einer Videobotschaft zurück. Er war am letzten Samstag an der Demonstration auf der Place de la République in Paris mit seinem weißen Kittel als Sanitäter gut erkennbar und rief auch hörbar, er sei ein „Street Medic“. Wie auf Videos zu sehen und zu hören ist, wurde er von einem Polizisten geschlagen, zu Boden geworfen und weggeschleift, brutal und ohne offensichtlichen Anlass. Viele Netzwerk-User mutmaßten, Antoine sei getötet worden. Das stimmte nicht, doch weshalb ein Polizeibeamter in dieser Weise auf ihn losging, bleibt offen.

Ungeklärt sind auch die Umstände von zwei tatsächlichen Todesfällen bei den Unruhen in Paris am Samstag. Ein 59-Jähriger starb am Samstagabend auf dem zwischen Demonstranten und Ordnungskräften umkämpften Boulevard Magenta, anscheinend an Kreislaufversagen. Etwas später erlag ein 49-Jähriger einem Hirnschlag im Quartier Les Halles, wo es Plünderungen und Zusammenstöße gegeben hatte.

In beiden Fällen konnten die Rettungsmannschaften „keine Einwirkung Dritter“ konstatieren. Nicht auszuschließen ist es aber, dass Tränengas eine Rolle gespielt haben könnte. Die Behörden gaben zunächst weder Bestätigungen noch Dementis, was zur Folge hatte, dass erst recht dramatische Gerüchte in Umlauf gebracht wurden. Mit Verspätung wurde nun eine gerichtliche Untersuchung bekannt gegeben.

Das illustriert, wie sehr gegenwärtig die Stimmung in Frankreich von Anschuldigungen, Alarm und ungeprüften Meldungen angeheizt wird. Und niemand weiß, was am Samstag bei der nächsten Runde des Konflikts bevorsteht. In der Nähe der Place de la Bastille werden Geschäftsinhaber von Vertretern der Stadtbehörden eindringlich gewarnt, sie sollten sich auf Plünderungen vorbereiten. In Lyon und Marseille denken Ladenbesitzer angeblich an organisierte Selbstverteidigung, da das letzte Mal die Polizei nicht in der Lage war, sie zu schützen.

Rechter Aufmarsch in Lyon von der Polizei toleriert

Die Idee einer Bürgerwehr geht in die Richtung der Rechten. Am Dienstag veranstalteten Rechtsradikale in Lyon unbehelligt von der Polizei einen Aufmarsch. Die Perspektive von Straßenkämpfen zwischen Extremisten von links und rechts ist für die Staatsführung extrem beunruhigend. Innenminister Laurent Nunez, dessen Rücktrittsangebot Präsident Emmanuel Macron abgelehnt hatte, verspricht, dieses Mal in Marseille und Lyon genügend Ordnungskräfte einzusetzen. Der Regierung war vorgeworfen worden, sie habe am 17. Oktober die Risiken und die Zahl der Protestierenden total unterschätzt und sei damit mitverantwortlich für die Eskalation gewesen.

Justizminister Gérald Darmanin hat am Mittwoch betont, Straftäter würden mit größter Härte verurteilt. Wer geplündert und gestohlen habe, müssen mit einer Haftstrafe ohne Bewährung rechnen. Und das betreffe auch Jugendliche ohne Vorstrafen. Die ersten Verhandlungen und Urteile zeigen, dass die Justiz diese Anweisung befolgt. Darmanin wies auch darauf hin, dass laut Strafgesetz Plünderungen ähnlich wie Drogenhandel mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden können.

Premierminister Sébastien Lecornu hatte schon zu Beginn der Schülerblockaden auf Repression gesetzt. Angesichts der befürchteten erneuten Provokationen der „Casseurs“ und „Ultralinken“, die er für die Explosion der Gewalt verantwortlich macht, lud er am Mittwoch die politischen Parteien und auch die Gewerkschaftsverbände zu Unterredungen ein. Er hofft auf eine Einheitsfront der Demokraten gegen die Chaoten. Zumindest möchte er mehr Unterstützung für die staatliche Autorität und Ordnungspolitik, die bisher von der linken und rechten Opposition scharf kritisiert wird.

Staatspräsident Macron hatte am Sonntagabend in einer TV-Ansprache die Nation zu Besonnenheit aufgerufen und Transparenz bei der Untersuchung der gewaltsamen Zwischenfälle versprochen. Dann brach er zu einer Reise in die arabischen Golfstaaten auf – mitten in der schweren Krise.

  • informationsspiegel

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