P ilze. Es sind ausgerechnet Pilze, die Volha Hapeyeva gern mag und sammelt, als sie ein kleines Kind ist. Steinpilze, Pfifferlinge, Maronenröhrlinge, andere Arten. Mit ihrer Mutter geht sie in die Wälder am Stadtrand von Minsk, um Tüten mit ihnen zu füllen. Wenn sie jedoch bei ihren Großeltern in der Kleinstadt Wetka bei Homel ist, darf sie nicht in den Wald, denn dort ist etwas nicht in Ordnung mit dem Boden. „Es gab gute Erde, und es gab schlechte Erde“, erinnert sie sich. „Ich habe mir gemerkt: Dort, wo das Moos wächst, ist gesunder Boden, und dort, wo es nicht wächst, ist der Boden krank.“ Als kleines Mädchen habe sie es sich so erklärt. Dass es so einfach nicht ist, lernt sie erst später.
Im Jahr 1986 ist Volha Hapeyeva vier Jahre alt. Ihre Umgebung verändert sich, ohne dass sie genau versteht, was vor sich geht. Neue Dinge und neue Wörter kommen in ihre Welt. Manche Erwachsene haben seltsame eckige Geräte mit einer Schnur in der Hand, an deren Ende ein Zauberstab ist. Sie halten ihn an Gegenstände, an den Boden, manchmal piept das Gerät. Geigerzähler nennen sie das. Im Fernsehen oder in Gesprächen ist die Rede von radyjacyjny fon, Hintergrundstrahlung. Und als ihr Großvater irgendwann einmal auf seine Schuhe blickt, an denen ein bisschen Erde klebt, sagt er fanic, es strahlt. Ein umgangsprachlicher Ausdruck im Belarussischen. Es stört, kann das auch heißen.
Es ist mehr als bloß ein Störfall, der sich am 26. April 1986 in Tschornobyl in der Ukraine ereignet, es ist der erste Super-GAU. Ein Reaktor explodiert in Block 4 des Atomkraftwerks „Vladimir Il’ič Lenin“. Volha Hapeyevas Großeltern leben 160 Kilometer von Tschornobyl entfernt in der Region Homel, die mit am stärksten vom radioaktiven Fallout betroffen ist; die Sommermonate verbringt Hapeyeva als Kind bei ihnen, auch nach der Katastrophe. „Ich weiß noch, dass meine Musiklehrerin entsetzt war, als sie hörte, dass ich immer noch dort hinfahre. ‚Das ist sehr schlecht für deine Gesundheit‘, sagte sie.“ Den Rest des Jahres lebt Hapeyeva damals in Minsk bei ihren Eltern, 340 Kilometer Luftlinie von Tschornobyl.
Belarus war das mit Abstand am meisten von Tschornobyl betroffene Land. Etwa 70 Prozent des radioaktiven Niederschlags landet in der damaligen Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik, nur 5 Prozent über dem Gebiet der Ukraine und 0,6 Prozent über dem heutigen Russland. Die Wolke breitet sich zunächst vor allem über Belarus und Litauen aus, dann Richtung Skandinavien, schließlich in Teilen Mitteleuropas. Rund ein Viertel des belarussischen Territoriums wird verseucht, mehr als in jedem anderen Land.
Die Region Homel ist unter anderem mit radioaktivem Cäsium-137 verstrahlt. Die von Volha Hapeyeva so geliebten Pilze nehmen Cäsium besonders gut auf, die Kontamination der Gewächse lag bei bis zu 200.000 Becquerel pro Kilo. Becquerel ist noch so ein neues Wort, das man lernen muss: die Maßeinheit für Radioaktivität. Der EU-Grenzwert liegt heute bei 600 Becquerel pro Kilo Pilze.
In weiten Teilen rund ums Katastrophengebiet geht das Leben dennoch zunächst weiter, als wäre nichts gewesen. Am 29. April erscheint in der Prawda, der größten sowjetischen Zeitung, eine kleine Meldung: „Im Atomkraftwerk Tschornobyl hat sich ein Unfall ereignet. Einer der Atomreaktoren ist beschädigt. Es werden Maßnahmen zur Liquidation der Folgen des Unfalls unternommen. Den Betroffenen wird Hilfe erwiesen. Eine Regierungskommission ist eingesetzt.“ Fünf Sätze, alle passiv formuliert. Handelnde, Verantwortliche gibt es nicht.
Foto: Thomas Dashuber/laif
Warnungen auch nicht. Volha Hapeyeva wird knapp 40 Jahre später – sie ist nun Autorin – in ihrem Werk „Wörterbuch einer Nomadin“ darüber schreiben, wie ihre Mutter die Katastrophe erlebte: „Mama war über die Feiertage zu ihren Eltern gereist, in den Süden von Belarus, an die Grenze zur Ukraine […]. Die Tage waren sehr warm, und am 1. Mai gingen viele Menschen zu den Kundgebungen für den Tag der Arbeit auf die Straße. Meine Mutter erinnert sich noch heute an einen sehr blauen Himmel und einen starken Wind.“ Ihre Mutter erfährt erst viele Tage später von dem Ausmaß der Katastrophe, weil sie bei ihrer Arbeit in einem Statistikbüro in Minsk Westradio empfängt. Und ZK-Generalsekretär Michail Gorbatschow wendet sich ganze drei Wochen nach dem GAU, am 14. Mai 1986, in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung.
Zwar ist die Phase von Glasnost („Transparenz“) und Perestroika („Umgestaltung“) eingeläutet, doch was Tschornobyl betrifft, griff eher noch die Politik des Verharmlosens, Verschweigens, Vertuschens. Erst im Frühjahr 1989, ziemlich genau drei Jahre nach dem Unglück, erscheinen in den Staatsmedien erstmals Karten, die über die Kontamination informieren.
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Am 26. April 1986 kam es im ukrainischen, damals sowjetischen Tschornobyl (russisch Tschernobyl) zum Super-GAU. Eine radioaktive Wolke verseuchte große Teile Europas. 40 Jahre später blickt die taz in einem Schwerpunkt zurück und nach vorn. Die taz verwendet bei ukrainischen Orten grundsätzlich die Schreibweise in Landessprache, nicht die russische – so auch bei Tschornobyl.
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Dabei sind die dauerhaften gesundheitlichen Folgen längst offensichtlich. Die Raten von Schilddrüsenkrebs bei Kindern, Leukämie, anderen Krebsarten, Atemwegserkrankungen und Immunschwächen nehmen nach dem Unglück schlagartig zu. Eltern aus Brahin bei Homel klagen in einem offenen Brief an Politiker:innen 1989 darüber, „wie miserabel die Gesundheit unserer Kinder ist – die ständigen Kopfschmerzen, die Schwäche, der starke Sehverlust, Ohnmachtsanfälle bei den Fahnenappellen nach den Ferien. […] Sagen Sie, wann hört dieser Albtraum auf?“
Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs werden die Eltern erhört
Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs werden die Eltern nach und nach erhört. Da beginnt man offener über Tschornobyl zu sprechen, da werden großflächig Hilfsprogramme aufgelegt. Die Kinder haben ein erhöhtes Krebsrisiko, sind anfällig für Infektions- und Stoffwechselerkrankungen – sie sollen unbelastete Gebiete besuchen, damit das Immunsystem gestärkt wird. Erholungsaufenthalte für betroffene Kinder werden nun vermehrt eingeführt, Mitte der Neunziger gibt es in der Ukraine und in Belarus sogar einen staatlichen Anspruch darauf.
Doch diese Länder können nicht alles selbst leisten. Deshalb ist die Geschichte der kranken Kinder von Tschornobyl nicht nur die Geschichte einer Katastrophe. Sie erzählt auch vom globalen Zusammenwachsen einer Zivilgesellschaft. Von Austausch, Verständigung und Solidarität. Über Grenzen hinweg.
Über eine Million Kinder aus den betroffenen Regionen reisen in andere Länder, Familien aus aller Welt nehmen sie auf. Die Kinder gelangen nicht nur in die (bis dato) „sozialistischen Bruderländer“ wie Kuba, sondern eben auch in den Westen, nach Italien, Deutschland, in die USA. Dort bilden sich NGOs und Hilfsvereine, kirchliche Initiativen. In den Neunzigern gibt es bis zu 2.000 Tschornobyl-NGOs in Deutschland, einige von ihnen existieren bis heute.
Man kann sich also zum 40. Jahrestag von Tschornobyl auch fragen: Wie nachhaltig hat die Katastrophe das bürgerliche Engagement geprägt, im Westen, aber auch im Osten?
Volha Hapeyeva ist heute 44 Jahre alt, promovierte Linguistin, prämierte Schriftstellerin, sie hat mehrere Bücher auf Deutsch veröffentlicht und lebt in München. Bei einem Treffen in Leipzig spricht sie über Tschornobyl. Damals leben rund 3 Millionen Kinder in den radioaktiv kontaminierten Gebieten, sie selbst ist zeitweise dort. Sie sieht, wie in der Stadt ihrer Großeltern Häuser besprüht und „gereinigt“ werden, wie massenweise Kühe geschlachtet werden. Ob sie selbst oder ihre Eltern gesundheitliche Schäden davontragen werden, was Tschornobyl für die Kinder von Belarus bedeutet, all das ahnt sie als kleines Mädchen nicht. „Es war erst einmal nur ein Gefühl da, dass irgendetwas mit der Natur und der Welt nicht stimmt“, sagt sie.
Auch Hapeyeva hat Anspruch auf einen jährlichen Erholungsaufenthalt wie über eine halbe Million andere belarussische Kinder. Belarus hat damals rund 10 Millionen Einwohner:innen, es gibt wohl kaum eine belarussische Familie, die nicht Kinder, Enkelkinder, Nichten oder Neffen ins Ausland verschickt hätte.
Foto: privat
1993, als Hapeyeva elf Jahre alt ist, kommt sie nach Deutschland. Sie wird mit dem Flugzeug zusammen mit anderen Kindern zunächst nach Hannover gebracht, dann zu Familie Köhn in Heber, einem Ortsteil im niedersächsischen Schneverdingen. Sie bleibt vier Wochen bei „Ingrid und Heinrich“, wie sie sie bis heute nennt. Die Köhns sind gläubig, direkt nebenan ist die Kirche, in der Heinrich Orgel spielt. „Ich durfte die Kirchenorgel auch einmal ausprobieren“, erinnert sich Hapeyeva, „das werde ich nie vergessen.“
Familie Köhn habe sie sehr warm empfangen, ihr eine gute Zeit ermöglicht. „Wir fuhren häufiger ins Schwimmbad. Die Schwimmbäder waren ganz anders als in Belarus, mit Wasserrutschen und Sprungtürmen“, erzählt sie. Sie erinnert sich an Autofahrten, bei denen ABBA im Radio läuft, bei denen sie Proviant verschlingt, viel lacht. „Für mich war es der erste Kontakt mit westlicher Kultur. Es hat sich mir damals eine neue Welt eröffnet“, sagt Hapeyeva. In Belarus sei man dagegen seinerzeit noch „sowjetischer“ mit Kindern umgegangen. „Du musstest hart sein und eine Kämpferin.“
Alexa Hahne, die Tochter der Familie Köhn, erinnert sich daran, dass es enorm viel Engagement in Heber gab. Sie war damals 24 Jahre alt, ihr Sohn spielte mit Volha Hapeyeva. Fünf bis sechs Familien hätten Kinder aufgenommen, in einem Dorf mit nur 700 Einwohner:innen. „Alle Gasteltern wohnten dicht beieinander, daher konnten sich die Kinder jederzeit treffen“, erzählt sie. Ihrem Vater sei als Grundschullehrer ohnehin am Wohl der Kinder gelegen gewesen, „sein 13. Monatsgehalt ging immer an Unicef. Als dann Gasteltern für die Kinder aus der Nähe von Pripyat gesucht wurden, war es für meine Eltern selbstverständlich, dass wir zwei Plätze zur Verfügung stellen.“
Das andere Mädchen, das 1993 bei den Köhns ist, heißt Lena. Ein mageres, fast unterernährtes Kind, blass und ängstlich, wie Hahne sagt. „Sie blieb viel in ihrem Zimmer und hat geweint, weil sie Heimweh hatte.“ Mit den beiden Mädchen unternimmt Familie Köhn Ausflüge – ein Besuch im Heidepark Soltau, eine Hafenrundfahrt in Hamburg. „Ich glaube, das war deren persönliches Highlight“, erzählt Hahne. „Sie klebten an den Fenstern des Schiffes. Als wir den Außenbereich betraten, strahlten sie mit der Sonne um die Wette.“ An das Kind Volha erinnert Hahne sich gut: „Sie war schon damals sehr sprachbegabt. Ich war erstaunt, dass sie schon nach wenigen Stunden in meinem Auto ‚Super Trouper‘ von ABBA mitsingen konnte. Wir haben viel und gerne gesungen.“
Barbara Koll heißt die Frau, die die „Hilfe für Tschernobyl-Kinder“ in Schneverdingen und in der gesamten Landeskirche Hannover über Jahre geprägt hat. Bereits 1991 ist Koll dabei, als die Initiative der evangelischen Kirche sich gründet. Sie organisiert die Unterbringung von 300 Kindern aus Belarus im gesamten Kirchenkreis, Jahr für Jahr, darunter seinerzeit auch Volha Hapeyeva. Koll erinnert sich an ein „schlaksiges, sehr dünnes Mädchen mit langen, geflochtenen Zöpfen“. So erzählt sie es am Telefon. Für zwei Besuche à vier Wochen kommen die belarussischen Kinder in der Regel in die Familien in Deutschland. „Es war natürlich auf der einen Seite gesundheitsförderlich. Ich glaube aber auch, dass es für die Kinderseelen etwas ganz Besonderes war.“
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Barbara Koll erlebt die Jahre nach dem Fall der Mauer rückblickend als Welle des Engagements. „Viele haben sich ehrenamtlich beteiligt, entweder haben sie Kinder aufgenommen, Pakete mit Lebensmitteln oder Medikamenten gepackt, oder sie sind Hilfskonvois gefahren.“ Dass so viele halfen, habe vielleicht auch mit einem schlechten Gewissen zu tun gehabt. Nach der Katastrophe habe man ja nicht sofort den Blick nach Belarus und in die Ukraine gerichtet, sondern zuerst einmal auf die Folgen für die Kinder in der BRD geschaut.
Foto: privat
Viele Familien aus Ost- und Westdeutschland haben nun Kontakt zu Familien aus Belarus oder der Ukraine. Wessis lernen Länder kennen, von denen sie vorher nicht mal wussten, dass sie in dieser Form existierten. Wie groß das Unwissen ist, bringt ein Zitat des ehemaligen Boxers Wladimir Klitschko aus dem Jahr 2012, kurz vor der Fußball-EM in der Ukraine, auf den Punkt: „Right after the Soviet Union, people didn’t know if Ukraine was a city or a country, the easiest way to explain was to say ,,We are the children of Chernobyl‘“ – „Unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion wussten die Menschen nicht, ob die Ukraine eine Stadt oder ein Land war. Am einfachsten ließ sich das erklären, indem man sagte: ‚Wir sind die Kinder von Tschernobyl.‘ “
Auch für Barbara Koll öffnet sich Anfang der Neunziger diese Tür nach Osteuropa. Sie fährt mehrmals nach Belarus, besucht Familien, unter anderem in der Region Homel. 100.000 Menschen wurden dort umgesiedelt, ein Bruchteil der insgesamt Betroffenen. „Viele konnten und wollten nicht weg, selbst wenn sie hätten umgesiedelt werden können. Sie hatten ihre Arbeit in den Dörfern, ihre Häuser. Und ihre Kuh hinterm Haus, die das verseuchte Gras gefressen hat.“ In Belarus merkte Koll, wie wenig greifbar die Atomkatastrophe war. „Man sieht sie nicht, man riecht sie nicht, man schmeckt sie nicht“, erinnert sie sich. „Wenn überhaupt, dann hatte man einen leicht metallischen Geschmack auf der Zunge.“
Melanie Arndt hat wissenschaftlich untersucht, wie die Tschornobylhilfe in Ost und West mindestens eine ganze Generation geprägt hat. Arndt lehrt als Historikerin an der Universität Freiburg, sie hat über die damaligen NGOs und Initiativen das Standardwerk „Tschernobylkinder“ geschrieben, das 2020 erschien. Tschornobyl sei ein historischer Marker für die sozialen Bewegungen gewesen, sagt sie. „Es gibt wohl diese singulären Zeitpunkte in der Geschichte, in denen das Menschliche am stärksten wiegt. Tschornobyl war so ein Moment.“
Deutsches Engagement kam gut an
Das Sowjetsystem sei im Niedergang gewesen, das westliche Modell habe sich als das humanistischere erwiesen. „So entstand dieser unglaubliche Schwung in der Bewegung und die Hilfsbereitschaft. Die Familien haben sich wirklich ins Zeug gelegt, um den betroffenen Kindern eine gute und gesunde Zeit zu schenken.“
Mindestens erstaunlich findet sie, dass das deutsche Engagement so gut angenommen wurde. „Ukrainische, belarussische und russische Familien haben ihre Kinder in deutsche Obhut gegeben, obwohl das nationalsozialistische Morden noch nicht einmal fünfzig Jahre zurücklag. Das war ein hoffnungsvolles Signal“, so Arndt im Zoom-Gespräch. Ausgerechnet Kinder aus den osteuropäischen „Bloodlands“ kamen nach Deutschland, potenzielle Nachfahren der Opfer der Nazis.
Auf der anderen Seite, in Belarus, der Ukraine und Teilen des heutigen Russlands, sei aus der Generation Tschornobyl heraus ein besonderes zivilgesellschaftliches Engagement entstanden, dessen Potenzial sich etwa 2020 während der gescheiterten belarussischen Revolution und auf dem Maidan in Kyjiw gezeigt habe und das auch im Ukrainekrieg eine Rolle spiele. „Mit anderen Kulturen, mit fremden Menschen zu interagieren, andere Sprachen zu hören und zu lernen – das macht etwas mit einem Menschen“, sagt sie.
Es habe sich ein transnational agierendes Netzwerk von nichtstaatlichen Organisationen und Privatpersonen bilden können, wie es das so zuvor nicht gegeben habe. „Man kann von einer Globalisierung der NGOs durch Tschornobyl sprechen“, sagt Arndt, „die Bürger:innen ausländischer Staaten haben die Fürsorge übernommen, die die Nationen selbst nicht leisten konnten.“
Italien war damals das Land, das die meisten Kinder aus den verstrahlten Gebieten aufgenommen hat. Rund 600.000 Kinder allein aus Belarus kamen ins Land. Historikerin Melanie Arndt hat erforscht, warum das so war, ohne eindeutiges Ergebnis. „Es gab und gibt in Italien zwei große gesellschaftliche Strömungen, den Eurokommunismus und den Katholizismus“, erklärt sie. „Beide legen viel Wert auf internationale Solidarität. Das dürfte eine Erklärung sein.“ Zudem hätten Kinder in Italien möglicherweise eine andere Position in Familie und Gesellschaft als in anderen Ländern.
Igor Bialiayeu war als Kind mehrmals in Lucca in der Toskana. Bialiayeu ist ebenfalls Belarusse, er stammt aus der Region Homel. Was für Volha Hapeyeva Ingrid und Heinrich waren, waren für ihn Luigi und Mariangela. „Ich bin 1993 mit 14 Jahren zum ersten Mal als ,Tschornobylkind‘ nach Italien gekommen“, sagt er im Telefongespräch. „Das Programm war offen für alle Kinder, nicht nur für die, die erkrankt waren aufgrund der Katastrophe.“
“Eine ganz wunderbare Familie”
Luigi und Mariangela Viviani, ein Kunstprofessor und eine Lehrerin, hatten selbst keine Kinder. „Eine ganz wunderbare Familie“, sagt Bialiayeu. „Wir machten Spaziergänge durch die wunderschöne Stadt Lucca. Ich erinnere mich noch an die Radtouren entlang der breiten Stadtmauern.“ Eis essen, ans Meer fahren, shoppen – Bialiayeu blickt zurück auf unbeschwerte Sommer als Teenager. „Luigi und Mariangela haben mir auch eine sehr schöne Uhr und eine Polaroid-Kamera gekauft. Damals war das so – wow!“ Insgesamt war er fünf Mal als Jugendlicher in Lucca. Mit den Vivianis blieb er in Kontakt, bis sie vor einigen Jahren starben.
Ein bisschen Belarus blieb in Italien, ein bisschen Italien blieb in Belarus
Bialiayeu ist heute 47, er lebt als Arbeitsvermittler und Schauspieler in Warschau. Die Aufenthalte in Italien hätten ihn nachhaltig geprägt, sagt er, erst im Februar sei er wieder dort gewesen. Viele italienische Vokabeln habe er vergessen, an das Wort mangiare aber erinnere er sich gut und gerne: „In der Sowjetunion war es schwer, Feinschmecker zu sein. In Italien habe ich Meeresfrüchte und Pizza kennengelernt. Die italienische Küche gehört bis heute zu meinen Lieblingsküchen.“
Bialiayeu betont auch die Entlastungsfunktion, die die Kuraufenthalte für die Eltern in Belarus bedeutet hätten. „Es waren schlechte Zeiten damals in der ehemaligen Sowjetunion. Meine Eltern waren froh, dass ich in Italien glücklich war und dass ich dort meine Sommerferien verbringen konnte.“
Melanie Arndt, Historikerin
Ein bisschen Belarus blieb in Italien, ein bisschen Italien blieb in Belarus. Viele italienische Familien haben belarussische Kinder mit Behinderung adoptiert. Austauschprogramme wie das Jahr der Italienischen Kultur oder das Italy-Belarus Business Forum on the Green Economy entstanden. Es gab ein Commitment zwischen beiden Ländern, zumindest so lange, bis das Lukaschenka-Regime immer brutaler agierte und die Revolution im Jahr 2020 niedergeschlagen wurde.
Und was ist insgesamt geblieben von der Welle des Austauschs und der Hilfsbereitschaft?
Einerseits: Enttäuschung. Das meint zumindest Historikerin Melanie Arndt. Die internationalen Netzwerke hätten über Jahre gehalten, bis tief in die zehner Jahre hinein. Doch inzwischen bröckelten sie. „Die in der Tschornobylhilfe Engagierten sind inzwischen oft weit in ihrer zweiten Lebenshälfte“, erklärt sie und meint etwa Gastfamilien und Organisator:innen in Deutschland, Italien und den USA. „Der Generationenwechsel gelingt oft nicht, deshalb gibt es inzwischen weniger Initiativen, der transnationale Austausch wird weniger.“ Es zeige sich, dass das Modell ehrenamtlicher Arbeit heute so nicht mehr funktioniere. Ein weiterer Grund sei die veränderte politische Lage.
Doch es sei auch viel Positives geblieben. „Eine durch Tschornobyl politisierte Generation hat in den betroffenen Ländern maßgeblich eine Zivilgesellschaft mit aufgebaut“, sagt sie. „Das wirkt bis heute nach.“ In Belarus habe sich zudem ein neues Kinder- und Menschenbild entwickeln können. „Kinder mit Behinderung galten dort etwa bis ins 21. Jahrhundert hinein als ‚idioty‘, die man nicht in die Öffentlichkeit ließ. Das hat sich zum Glück geändert.“ Der West-Ost-Austausch von Pflege- und Erziehungskonzepten habe einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet.
Barbara Koll aus Schneverdingen hält den Kontakt nach Belarus bis heute. Bis zur Coronazeit sind jährlich neue Kinder nach Niedersachsen gekommen. Bedarf gebe es immer noch eine Menge, heute sind es die Kinder der Tschornobylkinder, die ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen oder Immunschwächen vererbt bekommen haben.
Koll selbst fährt heute nicht mehr nach Belarus. Nach der Niederschlagung der Revolution durch Lukaschenka, nach Beginn des russischen Angriffskriegs komme das für sie nicht mehr infrage. „Die belarussischen Familien verstehen das manchmal gar nicht“, sagt sie. „Sie fragen uns: ‚Wann kommt ihr wieder? Wir haben den Birkensaft jetzt fertig.‘ “
Volha Hapeyeva hatte den Kontakt nach Heber eigentlich längst verloren, das niedersächsische Städtchen war irgendwo in ihrem Unterbewusstsein verschwunden. Bis sie vor zwei Jahren in einem Radiointerview von ihrer Zeit als Tschornobylkind erzählte. Ein Einwohner aus Schneverdingen hörte die Sendung. Er erzählte Barbara Koll davon.
Im Jahr 2024 kommt es zu einem Wiedersehen. Ingrid und Heinrich sind inzwischen gestorben. Doch Hapeyeva trifft Alexa Hahne, die Tochter der beiden, sowie Barbara Koll. Sie gehen in die Kirche in Heber, singen „Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott“. Das Lied, das Volha als Kind immer so gerne gesungen hat.
Das andere Mädchen, Lena, ist damals kurz nach ihrem Besuch in Heber gestorben, ihre Eltern und ihre drei Schwestern ebenfalls. Sie alle sollen Schilddrüsenkrebs gehabt haben, sagt Alexa Hahne.
Aus den betroffenen Regionen in Belarus, der Ukraine und Russland wurden von 1986 bis 2015 fast 20.000 Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen gemeldet. Greenpeace geht davon aus, dass ein Drittel der Kinder, die zum Zeitpunkt der Katastrophe unter fünf Jahre alt waren, im Laufe ihres Lebens an Schilddrüsenkrebs erkranken werden. Nur 15 Prozent aller Kinder der Region gälten als gesund, schrieb die Umweltorganisation vor vier Jahren. Um die Zahlen gab und gibt es heftige, zum Teil ideologisch motivierte Debatten.
Auch Volha Hapeyevas Mutter hatte Schilddrüsenkrebs, sie hat ihre Schilddrüse inzwischen entfernen lassen. Ihr Großvater hatte Nierenkrebs. Viele andere aus ihrem Umfeld hätten ebenfalls Krebserkrankungen gehabt, erzählt sie.
Volha Hapeyeva selbst hat Glück gehabt. Sie ist gesund geblieben. Sie schwärmt von ihrer neuen Heimat München, der Natur, den Seen der Umgebung. Bayern war vor 40 Jahren von der Strahlung in Deutschland am stärksten betroffen. Beim Pilzesammeln könnte Hapeyeva dort noch heute auf Exemplare stoßen, die stark belastet sind.







