Ausstellung von israelischer Künstlerin: Ausgeliefert ans Diffuse

Berlin taz | Die Biografie von Bracha Lichtenberg Ettinger liest sich auf gespenstische Weise exemplarisch. Denn in ihr fügen sich in bitterer Konsequenz Geschichte und künstlerisch-intellektuelle Entwicklung zu einer beinahe romanhaften Logik. Es ist eine Biografie, auf der das Gewicht der Welt tonnenschwer lastet.

Bracha Lichtenberg Ettinger amalgamiert Psychoanalyse mit feministischem Aktionismus und Kunst und arbeitet sich seit vier Jahrzehnten an den immergleichen Motiven ab, die Zeugnisse eigener und kollektiver Traumatisierungen sind.

Die deutschen Wurzeln der 1948 in Tel Aviv geborenen Künstlerin reichen zurück bis ins 15. Jahrhundert, die meisten der Verwandten von BRACHA, wie sie sich als Künstlerin nennt, wurden während der Shoah ermordet. Ihren Eltern gelang die Flucht ins damals britische Palästina, wo sie wenige Wochen vor der Staatsgründung Israels zur Welt kam.

Als Kind habe sie kaum gesprochen und ohne das Malen wohl nicht überlebt, sagt BRACHA in einem der Interviews vor der Eröffnung ihrer ersten großen Werkschau in Deutschland, die in der Beletage des Düsseldorfer K21 einen Überblick bietet von frühen bis zu aktuellsten Arbeiten.

Innehalten und trauern nach 7. Oktober 2023

In der internationalen Kunstwelt ist BRACHA seit langer Zeit präsent, sie stellte unter anderem mehrfach im Centre Pompidou in Paris aus. Hierzulande sorgte sie bislang vor allem damit für Aufmerksamkeit, dass sie im Herbst 2023 die Findungskommission der Documenta 16 demonstrativ verließ. Man habe ihr „keine Wahl gelassen“, gab sie in einem FAZ-Interview zu Protokoll.

Ausgerechnet fünf Tage nach dem Hamas-Massaker war damals eine Sitzung der Kommission angesetzt und Ettinger hatte darum gebeten, diese Sitzung zu verschieben: „Mir ging es darum, innezuhalten, zu trauern“, wurde die Künstlerin zitiert, die sich für eine friedliche Zweistaatenlösung einsetzt.

Das Trauma der Shoah ist eines ihrer Lebensthemen, die nach wie vor praktizierende Psychoanalytikerin ist als Künstlerin Autodidaktin, erste Arbeiten zeigte sie bereits 1982 in Paris, für die sie eigene Techniken entwickelt hatte: Sie legte Fotografien oder Buchseiten auf einen Fotokopierer, unterbrach aber den Belichtungsvorgang, indem sie den Kopierer öffnete und die unfertige Kopie mit Tusche, Öl und der Asche des noch nicht fixierten Tonerpigments übermalte.

Gute zehn Jahre später begann sie, mit Öl auf Leinwand zu malen. Nach wie vor mischt sie dem Öl Asche zu und braucht mitunter Jahre, um immer wieder neue Schichten aufzutragen sowie feine Linien und winzige Punkte.

Motive zugrunde: Historische Fotos ihrer eigenen Familie im Ghetto von Łódź, Fotos der Olympiade von 1936, frühe deutsche Luftaufnahmen von Palästina, aufgenommen während des Ersten Weltkriegs, und das Foto einer Massenerschießung von Frauen und Kindern durch die Nazis 1942 in der Ukraine. Der Blick einer der Frauen auf den Fotografien wird dabei zum herausgehobenen Leitmotiv, ein Augenpaar, das sich auf zahlreichen der insgesamt 80 ausgestellten Arbeiten wieder und wieder findet.

Andere Arbeiten zeigen wabernde, psychedelische Strukturen, aus denen sich bei genauerem Hinsehen nackte Körper herausschälen, seltsame Zwischenwesen zwischen Engeln und Lichtgestalten scheinen sich zu formieren, aber die Umrisse bleiben durchlässig, diffus. Das Farbspektrum beginnt bei den frühen, mitunter winzig kleinen Arbeiten in dunklen Erd- und Brombeer-Tönen und hellt sich im Laufe der Jahre immer mehr auf.

Im zentralen Raum der Beletage gibt Tageslicht den leuchtenden Rottönen von Rosa über Orange bis Lila ihrer neuesten Arbeiten irritierende Präsenz. Man könnte auch einen optischen Zucker­schock attestieren, denn ohne das Wissen um die darunterliegenden und zur Unkenntlichkeit übermalten Bilder wirken die Arbeiten in ihrer optimistischen Farbigkeit heiter, gelöst und streifen verstörend dekorativ sogar furchtlos den Kitsch.

Die Ausstellung

Bracha Lichtenberg Ettinger. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (K21), Düsseldorf, bis 31. August. Katalog: 29,90 Euro

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Kurator Kolja Reichert hat für BRACHAs optische Zwischenwelt eine griffige Formel parat: „Sie hat ihre Malerei niemals der Figuration oder der Abstraktion ausgeliefert.“ Material für ihre Arbeiten sammelt sich nach wie vor in Notizbüchern, die sie in selbst bestickte und mit Kordeln verzierte Stoffe in den von ihr geliebten Rottönen einnäht. Auch sie sind in Vitrinen ausgestellt, aufgeschlagen sind spontane Skizzen mit kalligrafisch gesetzten, teils hebräischen Buchstaben. Nicht zufällig aufgeschlagen ist eine Seite, auf der zu lesen ist „Stop bombing Gaza“.

Die Titel der diffusen Ölmalereien wie Medusa, Eurydice, Helena oder Rachel verweisen auf Mythisches, Biblisches und feiern das Weibliche, das Mütterliche als allheilendes Prinzip. Bezüge auf jüngere Historie, auf katastrophische Gegenwart und die Kontinuität der Gewalt lösen sich so auf in mythische Distanz.

Je jünger die Arbeiten, desto häufiger bevölkern Engelsgestalten ihre Bildwelt: „Angel of Carriance“ lautet die dafür geschaffene Wortschöpfung aus „care“ (Fürsorge) und „carry“ (Tragen). Das ist zutiefst human, penibel gearbeitet und gut gemeint. Wirklich berührend jedoch sind die frühen, sehr kargen Arbeiten.

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