Nato-Gipfel: Europäischer Kniefall vor Trump

In Den Haag ging es vor allem um eins – den US-Präsidenten zu hofieren. Europa muss sich entscheiden: Auf den Knien bleiben oder sich erheben?

E inen „historischen Gipfel“ nannte Kanzler Friedrich Merz das Nato-Treffen in Den Haag. Historisch, das sind nicht nur die zukünftig exorbitant hohen Verteidigungsausgaben, die die Mitgliedsstaaten nun zusammenkratzen müssen. Nein, historisch waren auch die Bemühungen, einem Mann zu gefallen: Der Nato-Gipfel war ein einziger Kniefall vor Donald Trump. Die 31 Bündnispartner konnten ihr metaphorisches Knie gar nicht schnell genug auf dem blauen Teppich platzieren. Ganz vorn und am tiefsten gebeugt steht Mark Rutte, der Nato-Generalsekretär. Denn dieser hatte, seit klar ist, dass Trump wieder in das Weiße Haus einziehen wird, nur noch eine Aufgabe: Trump mit der Nato zu versöhnen.

Und das ist ihm in den vergangenen zwei Tagen mehr als gelungen. Das Treffen der 32 Bündnispartner war zu 100 Prozent auf den US-Präsidenten ausgerichtet. Bloß keine komplizierten Abschlusserklärungen, lange Besprechungen, kritische Nachfragen. Selbst ein Hotelbett war für Trump nicht genug, er übernachtete auf Einladung des Königs im Schloss. Trumps Dank? Er teilte Ruttes private SMS – ein weiterer schriftlicher Kniefall – im Netz. Wenn jemand Trump so lobt, wie es Rutte per vertraulicher Nachricht tut, warum nicht damit angeben?

Fatale Folgen

Für Rutte mag der Gipfel trotz kleiner Peinlichkeiten wie dieser gut verlaufen sein. Zumal sich die Nato-Länder auf eine Abschluss­erklärung einigen konnten. Und doch hat das Hofieren Trumps fatale Folgen. Denn es wiegt die Europäer in falscher Sicherheit. Sie vergessen, dass es in der US-Regierung starke Antipathien gegenüber den europäischen Bündnispartnern gibt, man erinnere sich an die Rede des Vizes J. D. Vance auf der Münchener Sicherheitskonferenz. Unklar ist auch nach einem friedvollen Gipfel mit Trump, wie ernst sein Bekenntnis zu Artikel 5 wirklich ist. Auf dem Flug nach Den Haag sprach er davon, dass die Beistandsklausel verschieden zu interpretieren sei.

Und auch wenn Staatschefs wie Friedrich Merz nicht müde werden zu betonen, dass die höheren Verteidigungsausgaben keinen Gefallen darstellen, sondern aus dem Bewusstsein einer ernsteren Bedrohungslage heraus entschieden worden sind, ist das zumindest nicht die komplette Wahrheit.

Die Europäer müssen sich jetzt entscheiden: Bleiben sie auf den Knien oder erheben sie sich, um über eine souveräne Nato mit Mittelpunkt in Europa zu sprechen?

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