Verdeckt wohnungslos: Von Couch zu Couch

Niemals hätte ich gedacht, dass es auch mich treffen kann. Dass ich auf der Straße landen würde. Doch jetzt stehen mein Freund und ich in Berlin-Treptow auf dem Parkplatz vor dem Selfstorage, in dem wir gerade die Kisten mit unserem Hab und Gut verstaut haben. Und sind wohnungslos. Beide berufstätig, keine Mietschulden, keine Haustiere, bei einem gemeinsamen Mietbudget von 1.200 Euro im Monat.

Vor knapp zwei Jahren war ich zu ihm gezogen, kurz darauf meldete der Wohnungseigentümer Eigenbedarf an. Wir hangelten uns von Zwischenmiete zu Zwischenmiete, mal für ein halbes Jahr, mal für zwei Monate. In einer der Wohnungen, zwei Zimmer, bezahlbar, war es „ziemlich sicher“, dass wir sie übernehmen könnten. Das meinte jedenfalls unser Untervermieter bis sechs Wochen vor Auslaufen des Vertrags. Dann beschloss er, doch selbst wieder einzuziehen. Wir hatten also nur diese sechs Wochen, um uns was Neues zu suchen. Utopisch.

Und nun stehen wir auf diesem Parkplatz. Ich rufe einen Freund an und frage ihn, ob er uns für ein paar Tage Unterschlupf bei sich auf der Couch gewährt. Natürlich macht er das. Anschließend ziehen wir zur nächsten Freundin in ein leer stehendes WG-Zimmer, dann weiter zu einem befreundeten Paar, auf zwei Matratzen im Wohnzimmer.

Offiziell gelten wir jetzt als „verdeckt Wohnungslose“. Laut der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e. V. fallen darunter die „Menschen, die durchgängig weder institutionell untergebracht sind noch zu den Wohnungslosen ohne Unterkunft zählen“, aber, da sie keine Miet- oder Eigentumswohnung haben, „vorübergehend Zuflucht bei Bekannten oder Familienangehörigen suchen“. Der vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in Auftrag gegebene Wohnungslosenbericht 2024 zählt deutschlandweit rund 60.400 solche verdeckt wohnungslose Personen.

Wir fallen nicht auf

Die Dunkelziffer müsste deutlich höher liegen. Allein in Berlin erzählen mir viele, dass sie schon mal Ähnliches erlebt hätten. Wenn es nicht die Couch eines Freunds war oder die ein oder andere Nacht im Büro, dann waren es mehrere einmonatige Zwischenmieten nacheinander. Ist das nicht auch verdeckte Wohnungslosigkeit? Vor allem, wenn die Miete bar auf die Hand gezahlt wird und eine Anmeldung nicht möglich ist?

Während unserer Zeit als verdeckt Wohnungslose fallen wir nicht als solche auf. Wir bleiben gemeldet an alten Adressen, die Post lassen wir uns über einen Nachsendeauftrag auf die Arbeit schicken. Jeden Morgen fahren wir zur Arbeit, abends wieder ins aktuelle Zuhause und fragen uns, ob wir das bald wieder haben werden: ein Zuhause.

Es ist zum Verzweifeln. Wir sind durchgehend müde vom Schlafen auf dem Boden und davon, immer zu unserem Lagerraum rausfahren zu müssen, wenn wir mal die Klamotten wechseln wollen. Die restliche freie Zeit verbringen wir auf Wohnungsportalen. Wir zahlen Geld für Premiumaccounts und für die Schufa. Wir schreiben Hausverwaltungen an, wenn wir hören, dass irgendwo eine Wohnung leer stehen soll.

Davon gibt es genug: mehr als 40.500 allein in Berlin. Hinzu kommen die Wohnungen, die als Airbnb oder Ähnliches zweckentfremdet werden. Auch der Leerstand von Büros ist riesig, in Berlin sind es heute 1,6 Millio­nen Quadratmeter. Das entspricht 32.000 Zweizimmerwohnungen mit 50 Quadratmetern Wohnfläche.

Auf unsere Hunderte Anfragen bekommen wir vielleicht bei jeder fünften eine Rückmeldung, ab und an werden wir zu einer Besichtigung eingeladen. Unsere Ansprüche sinken immer weiter. Den ein oder anderen Mietvertrag könnten wir bekommen, fehlten uns da nicht die 5.000 Euro Abschlag für die drei Möbelstücke vom Vormieter. Bei einer Besichtigung fragt man uns, wie viel Provision wir zu zahlen bereit wären, ein anderes Paar habe schon 8.000 Euro geboten.

Wir gehen, zurück zu unserem Matratzenlager, frustriert, wütend über die unangenehme Situation, „bedürftig“ zu sein und unseren Freunden auf die Pelle zu rücken. Und dabei haben wir das Glück, Menschen zu haben, die uns aufnehmen, ganz ohne Hintergedanken. Es gibt so viele verdeckt und auch offen Wohnungslose, die das nicht haben.

Nach zwei Monaten auf fremden Sofas finden wir eine bezahlbare Ein­zim­mer­woh­nung mit unbefristetem Mietvertrag: 40 Quadratmeter, Hochbett, Küche, Bad. Keine Dauerlösung, aber immerhin ein eigenes Zuhause.

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