Lahav Shapira im Prozess gegen Burak Y.: Ein wehrhafter Jude, der nicht nur für sich kämpft

D as erste Bild, das der Lehramtsstudent Lahav Shapira nach der Gewalttat im Februar 2024 postete, war unmissverständlich: Er liegt im Krankenhaus, das Gesicht geschwollen, verbunden – und er zeigt den Mittelfinger.

Kein Opferbild, sondern Ansage: Nicht mit mir. Ich lasse mich nicht einschüchtern. Shapira hatte sich zuvor an seiner Uni israelsolidarisch positioniert und war daraufhin vor einer Bar von einem Kommilitonen schwer verletzt worden.

Diese Haltung zieht sich durch alles, was er seither tut. Er hat Interviews gegeben, als Nebenkläger gegen seinen Angreifer ausgesagt, die Freie Universität Berlin verklagt. Weil sie ihn – so sein Vorwurf – nicht geschützt hat. Weil sie zugesehen habe, wie Antisemitismus auf dem Campus zur alltäglichen Bedrohung wurde.

An diesem Donnerstag saß er wieder im Gerichtssaal. Wieder als Nebenkläger. Der Angeklagte: Burak Y., in Palästinafarben und mit Kufiya um die Hüfte – ein israelfeindlicher Aktivist der trotzkistischen Gruppe „Klasse gegen Klasse“. Vorgeworfen wurde ihm, Shapira bei einer Besetzung an der FU im Dezember 2023 den Zugang zu einem Hörsaal verweigert zu haben. Am Ende: Schuldspruch wegen Nötigung, 30 Tagessätze Geldstrafe zu je 15 Euro, also insgesamt 450 Euro.

Klar, wer das Opfer ist

Als der Verurteilte das Gerichtsgebäude verließ, warteten draußen seine Unterstützer. Eine Demo der israelfeindlichen Szene, im Vorfeld mehrsprachig mobilisiert. Sie begrüßten ihn mit Applaus, überreichten rote Rosen. Dann skandierten sie „Free Palestine“ und stellten sich zum Gruppenbild auf – mit einer riesigen Palästinafahne, gespannt vor dem Amtsgericht. Es war eine Geste der Solidarität, eine Pose. Und zugleich: Verweigerung, Umkehr.

Denn in dieser Szene ist klar, wer Opfer ist und wer nicht. Burak Y. ist der Held, der Prozess angeblich Teil einer Kampagne. Und Shapira? Laut Y. einer „der medienwirksamsten Israel- und IDF-Verteidiger Deutschlands“, wie dieser auf Instagram schrieb. Also: das pure Böse.

In dieser Weltsicht ist das Urteil nebensächlich. Wird er verurteilt, ist das der Beweis für den repressiven Staat. Wird er freigesprochen, triumphiert seine Wahrheit. Eine Wahrheit, der es nicht um Widersprüche geht. Nur ums Lagerdenken.

Neu ist diese Dynamik nicht. Neu ist, wie wenig sie noch stört. Antisemitismus? Ja, schlimm. Aber auch kompliziert. Und: Was ist mit Gaza? Und Meinungsfreiheit? Und: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen?

Klagen, benennen, bleiben

So verschiebt sich der Fokus – weg von der Stimmungsmache gegen ihn, dem Klima an den Universitäten, hin zum Zweifel an der jüdischen Perspektive.

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Antisemitismus lebt auch an Unis, auch in linken Räumen

Zur selben Zeit der Prozesse in dieser Woche fand an der FU Berlin eine Veranstaltung statt, die darüber sinnierte, wie man die „Intifada globalisieren“ könne.

Eine Universität, an der sich jüdische Studierende seit dem 7. Oktober nicht mehr sicher fühlen. Shapira sagt, viel schlimmer als der Vorfall selbst seien die Onlinekampagnen gegen ihn gewesen, angeheizt von Burak Y. Eine Diffamierung, die ihn an das Klima erinnerte, in dem ihn jemand „fast umgebracht“ hätte.

Lahav Shapira ist unbequem. Weil er nicht der leidende, leise Jude ist. Weil er klagt, benennt, bleibt. Weil er sich nicht duckt. Und nicht schweigt. Was er tut, ist mehr als ein persönlicher Kampf. Es ist eine Erinnerung. Dass Antisemitismus auch in linken Räumen lebt. An Universitäten. Dass er sich anders kleidet, aber nicht weniger gefährlich ist. Und dass rote Rosen keine Unschuld beweisen.

Ich habe diese Haltung immer bewundert. Schon auf dem Krankenhausfoto. Und heute noch mehr. Weil er nicht nur für sich kämpft. Sondern dafür, dass jüdische Studierende sich nicht ducken, nicht allein stehen müssen. Sondern aufrecht. Wie er.

  • informationsspiegel

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