Vorstoß zu Bürgergeld-Aus für Ukrainer: Söder’sche Schrottidee

Der CSU-Vorsitzende Markus Söder fordert, dass geflüchtete Ukrai­ne­r*in­nen kein Bürgergeld mehr erhalten. Sein Vorschlag ist völlig substanzlos.

M arkus Söder hat mal wieder etwas gefordert: Alle geflüchteten Ukrai­ne­r*in­nen sollten hierzulande nur noch Asylbewerberleistungen erhalten statt wie bislang Bürgergeld. Das wären für jede und jeden Erwachsenen 441 statt 563 Euro monatlich. So weit, so gut. Neu ist an der Forderung allerdings nur, dass die Kürzung bei Söder jetzt auch Ukrai­ne­r*in­nen treffen soll, die schon länger hier sind. Diejenigen, die neu ankommen, will die Bundesregierung ohnehin bei den Sozialleistungen schlechter stellen.

Sowohl die Idee der Bundesregierung als auch Markus Söders Vorstoß sind, sorry, Schrott. Das zeigt allein ein schneller Gedanke an eine mögliche Umsetzung. Asyl­be­wer­be­r*in­nen bekommen nur so lange reduzierte Sozialleistungen, bis ihnen ein Schutzstatus zuerkannt wird. Danach gibt es das Bürgergeld. Auch wenn über ihren Asylantrag nach drei Jahren noch nicht entschieden wurde, haben sie Anspruch auf Leistungen in Höhe des Bürgergelds. Die Zeit mit niedrigeren Sozialleistungen ist bei Asyl­be­wer­be­r*in­nen also stets klar begrenzt.

Bei Ukrai­ne­r*in­nen wäre das anders. Sie erhalten Schutz über die Massenzustromrichtlinie der EU und müssen deshalb keinen Asylantrag stellen. Damit fehlt der Ausweg aus den niedrigen Asylbewerberleistungen. Bliebe lediglich die Frist von drei Jahren, die bei Asyl­be­wer­be­r*in­nen greift, deren Asylantrag länger unentschieden bleibt. Auch bei den ukrainischen Geflüchteten auf die Frist zu setzen, hätte allerdings zur Folge, dass Söders Vorstoß komplett ins Leere geht. Denn sehr viele der Ukrai­ne­r*in­nen sind Anfang 2022 gekommen, sind also schon länger hier als drei Jahre.

Und würde man den Ukrai­ne­r*in­nen dauerhaft nur die niedrigeren Leistungen zahlen, würde man sie so nicht nur schlechter behandeln als Leute mit deutschem Pass oder EU-Ausländer, sondern auch als alle anderen Geflüchteten. Das wäre moralisch falsch – und absurd im Angesicht der sonstigen deutschen Ukrainepolitik. Wie wollen deutsche Po­li­ti­ke­r*in­nen in Zukunft noch ihre Unterstützung der Ukraine bezeugen, wenn sie den Opfern des Krieges noch die ohnehin spärlichen Sozialleistungen kürzen?

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

=”” div=””>

Richtig wäre es, Markus Söders Idee auf den Kopf zu stellen. Statt die Leistungen für Ukrai­ne­r*in­nen abzusenken, sollten die Leistungen aller übrigen Asyl­be­wer­be­r*in­nen angehoben werden. Die Logik, Geflüchteten noch weniger zuzugestehen als den ärmsten Deutschen, war immer schon abstoßend. Söder sollte diese Ungleichbehandlung in Frage stellen, statt ihre Ausweitung zu fordern.

taz lesen kann jede:r

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei!

Jetzt unterstützen

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Russischer Drohenangriff auf Luzk: Terror gegen Zivilbevölkerung in der Westukraine
    • April 1, 2026

    Russische Drohnen griffen am Mittwoch die Stadt Luzk an. In einem Industriegebiet brachen Feuer aus, auch Wohnungen wurden zerstört. mehr…

    Weiterlesen
    Boxset der Beach Boys: Als Brian für kurze Zeit zurück war
    • April 1, 2026

    Mit „We Gotta Groove – The Brother Studio Years“ erscheint eine Box unveröffentlichter Sessions der Band aus den 70ern. Sie zeigt das Kompositionsgenie von Brian Wilson. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Russischer Drohenangriff auf Luzk: Terror gegen Zivilbevölkerung in der Westukraine

    • 8 views
    Russischer Drohenangriff auf Luzk: Terror gegen Zivilbevölkerung in der Westukraine

    Boxset der Beach Boys: Als Brian für kurze Zeit zurück war

    • 7 views
    Boxset der Beach Boys: Als Brian für kurze Zeit zurück war

    Outfits zur Fußball-WM: Neuer Farbanstrich

    • 7 views
    Outfits zur Fußball-WM: Neuer Farbanstrich

    Deutsche Wirtschaft in der Krise: Die Regierung muss gegensteuern – und hat drei Optionen

    • 7 views
    Deutsche Wirtschaft in der Krise: Die Regierung muss gegensteuern – und hat drei Optionen

    Wahlrechtsreform in Italien: Melonis Trump’sche Züge

    • 8 views
    Wahlrechtsreform in Italien: Melonis Trump’sche Züge

    Shelly Kittleson: Journalistin in Irak entführt

    • 7 views
    Shelly Kittleson: Journalistin in Irak entführt