Krieg in der Ukraine: Bomben bis zum Morgengrauen

Kyjiw taz | „Man kann sich an Nächte ohne Luftalarm und Explosionen gewöhnen“, meint Ihor, ein Polizist im Ruhestand, der unweit des Zentrums von Kyjiw wohnt. Schon lange sei es in der ukrainischen Hauptstadt nicht mehr so ruhig gewesen, wie in der letzten Woche. „Da habe ich mal so richtig durchschlafen können“, schwärmt er. „Doch mit dieser Nacht ist es mit ungestörten Träumen wieder vorbei,“ sagt er.

Nachdem die schrillen Sirenen über eine Woche in Kyjiw geschwiegen hatten, heulten sie in der Nacht zum Donnerstag wieder auf. Wieder überschlugen sich in den einschlägigen Telegram-Kanälen die Nachrichten von Drohnen, Kinschal-Raketen, Marschflugkörpern, Ballistik, Detonationen und auch Todesopfern.

In Lwiw, nahe der Grenze zu Polen, wurden mehrere Brände und Explosionen registriert. Ein Mensch kam ums Leben, ein Dutzend Personen wurde verletzt. Auch die westukrainischen Städte Luzk, Riwne und Dubno litten unter den Drohnen- und Raketenangriffen.

Angegriffen wurden aber auch Sumy im Norden und die ostukrainischen Städte Dnipro und Saporischschja. Auch ein US-amerikanisches Unternehmen in den Karpaten wurde durch die Angriffe schwer beschädigt. Nach Angaben des Journalisten Witalij Hlahola trafen zwei Raketen das Gelände des Elektronikherstellers Flex.

Ehrerbietung für Putin

Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj äußerte sich zu diesem Angriff. „Russland hat mehrere Marschflugkörper auf ein amerikanisches Unternehmen in Transkarpatien abgefeuert – ein ganz gewöhnliches ziviles Werk mit amerikanischen Investitionen“, sagte Selenskyj.

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Frieden muss her, ansonsten machen sie uns alle fertig

Post auf Social Media

Die nächtlichen Angriffe, so der Kolumnist Sergi Fursa in der ukrainischen New Voice, seien nicht nur gegen die Ukraine gerichtet gewesen. Sie hätten auch US-Präsident Trump beschädigt – eine Woche nachdem dieser Russlands Präsidenten Wladimir Putin auf einem roten Teppich die Ehre gegeben habe.

„Das, was in der Nacht passiert ist, erleben wir in Charkiw jeden Tag“, schreibt ein Serzh Suroezhin auf dem Telegram-Kanal von Serhi Jagodsinski, seines Zeichens Vizerektor an der Europäischen Universität Kyjiw. Und eine Svitlana Gnatjuk meint an gleicher Stelle: „Wir brauchen Frieden zu jedem Preis, ansonsten machen sie uns alle fertig.“

Auch Russland war in der vergangenen Nacht von Drohnen angegriffen worden – und die kamen aus der Ukraine. Betroffen waren vor allem die Gebiete Rostow und Woronesch und die von Russland besetzte Krim. In Nowoschachtinsk (Gebiet Rostow) gab es mindestens fünf Explosionen. Das Ziel war offenbar eine dortige Ölraffinerie. Dort brach ein Großbrand aus, in mehreren Dörfern fiel der Strom aus. Im AKW Nowoworonesch musste wegen der Angriffe Block 7 vom Netz genommen werden.

Zwei Knackpunkte

Zwar wird in der jüngsten Zeit fieberhaft um einen Waffenstillstand und einen Frieden gerungen. Doch da hakt es vor allem an zwei Punkten: den von der Ukraine geforderten Sicherheitsgarantien und einem ebenfalls von Kyjiw erwarteten Putin-Selenskyj-Gipfel. Hatte die Ukraine in der Vergangenheit Kontakte zu Putin strikt abgelehnt, ist nun das ukrainische Interesse an einem Gipfel größer als auf der Gegenseite.

Offensichtlich hat es Putin geschafft, Trump in der Frage der Reihenfolge von Waffenstillstand und Verhandlungen auf seine Seite zu ziehen. Nun ist auch Trump nicht mehr der Auffassung, dass ein Waffenstillstand Voraussetzung von Verhandlungen sein müsse.

Besonders „kreativ“ ist die Abgeordnete der Selenskyj-Partei Diener des Volkes, Anna Skorochod. Sie hat einen Gesetzentwurf eingebracht, der diejenigen Teile der Gebiete Luhansk und Donezk, die die Ukraine kontrolliert, den Gebieten Char­kiw und Dni­pro­pe­trowsk zuschlägt. Dieser Schachzug würde Putin den von ihm geforderten gesamten Donbass überlassen – ohne dass die Ukraine von ihr kontrollierte Gebiete räumen müsste.

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