Clowns gegen die IAA: Die roten Nasen des Protests

München taz | Den Socken umzustülpen, das ist dann schon die höhere Kunst. Aber auch das – wir werden noch darauf zu sprechen kommen – gehört natürlich dazu, wenn man Clown werden will. Und so gehört auch das Sockenumstülpen in den Lehrplan des Crashkurses für angehende Clowns an diesem Donnerstagvormittag. Es ist freilich nicht der Zirkusnachwuchs, der hier im Münchener Luitpoldpark geschult wird. In dem Workshop geht es um Rebel Clowning, Clowning als Protestform.

Der Luitpoldpark, eine Grünanlage im Norden Schwabings, liegt noch eher verschlafen da. Vereinzelt ziehen Polizisten im Duo durch den Park, auch Joggerinnen und ein paar Hunde mit ihren Menschen. Auch in das „Mobilitätswende Camp München“, das sich auf einer der Wiesen im Park breitgemacht hat, kommt erst langsam Leben.

Das Mobilitätswendecamp findet parallel zur IAA statt. Ziel der Veranstalter: „der profitgetriebenen Autoindustrie nicht die Deutungshoheit über die Zukunft der Mobilität überlassen“. Die IAA missbrauche die Stadt München und ihren öffentlichen Raum als billiges Schaufenster. So möchten die Protestler zumindest ein paar Warnhinweise an diesem Schaufenster anbringen. So wie tags zuvor etwa das Grüppchen Clowns, das mit zwei Bobbycars zum Marienplatz zu einer IAA-Ausstellungsfläche gezogen war.

Bälle und Zombies

Um 10 Uhr beginnt das Tagesprogramm, auch der dreistündige Clowning-Kurs. Die Clowns vom Marienplatz sind auch dabei. Wer bei dem Workshop Leiter und wer Teilnehmer ist, lässt sich anfangs nicht klar erkennen, was Absicht sein dürfte. Der Andrang jedenfalls ist groß, etwa zwei Dutzend Menschen sind gekommen, der Workshop findet daher nicht wie geplant im Grünen Zelt, welches ein kleines weißes Zelt mit der Aufschrift „Grünes Zelt“ ist, statt, sondern in dem großen offenen Zelt in der Mitte des Platzes. „In einer Welt, voll von Schreckensbotschaften“, so heißt es in der Ankündigung, „machen wir uns einfach mal darüber lustig – zumindest über die Mächtigen und Reichen. Mit unseren roten Nasen tanzen wir auf ihren Nasen herum.“ Vorkenntnisse im auf der Nase Herumtanzen: nicht nötig.

Das Rebellische dieser besonderen Art des Clown-Daseins kommt zunächst nicht zu tragen. Die Übungen der ersten anderthalb Stunden könnten einem „gewöhnlichen“ Schauspielkurs entnommen sein, mitunter auch einem Seminar für Führungskräfte der Automobilbranche. Man wirft sich Bälle zu, schaut sich in die Augen, mimt einen Zombie, bestreitet lange Konversationen mit ausschließlich den Wörtern „Yes“, „No“, „You“ und „Me“, kopiert Mimik und Verhalten des Gegenübers. Interessant dabei die nicht immer klar zu beantwortende Frage: Wer führt wen?

Das Programm des Mobilitätswendecamps ist weit gefächert, viele der Veranstaltungen haben überhaupt keinen direkten Bezug zum Thema Mobilität. Es gibt jede Menge Vorträge, etwa über die Ästhetik der Rechten, den Güterverkehr oder den Bergbau in Peru. In einem Workshop geht es um „Critical Whiteness“. Ein Planspiel soll den Zusammenhang zwischen Staatsschulden und Imperialismus verdeutlichen. Und der Attac-Chor singt.

Ursprünglich waren sie eine Armee

Im Nachbarzelt hält gerade ein Männerforscher einen Vortrag über toxische Männlichkeit. Wortfetzen von nebenan mischen sich immer wieder unter die Clownereien. „Darth Vader“, „Todesstern“, „Vaterfigur“ – aber Moment! Jetzt bloß nicht ablenken lassen, sich jetzt bloß nicht über das Männerbild von George Lucas den Kopf zerbrechen. Denn sehr wichtig sei es, erklärt einer der lehrenden Clowns, nicht den Fokus zu verlieren, nie die Verbindung zu seinen Mitclowns abreißen lassen. Denn beim politischen Clowning ist man nie allein. Die One-Man-Show – oder seltener One-Woman-Show –, die bei Clowns in der Manege oder auf der Bühne durchaus verbreitet ist, funktioniert im satirischen Straßenkampf nicht.

Das clownische Rebellentum – oder wahlweise die rebellische Clownerie – ist mittlerweile schon ein Trend. Seinen Ursprung hat er in einer Clownsarmee, der Clandestine Insurgent Rebel Clown Army, kurz Circa. Die Gruppe hat sich 2003 in Großbritannien aus der Protestbewegung gegen den Irakkrieg heraus formiert. Heute gibt es weltweit viele Gruppen, ihr Ansatz ist unterschiedlich. Für den Workshop haben sich Vertreter aus Österreich, Tschechien und der Schweiz zusammengetan.

Aber warum mit einer roten Nase auf die Straße gehen anstatt mit einem Transparent? Demonstrationen beispielsweise hätten auf viele eine einschüchternde Wirkung, sagen die Clowns. Sie dagegen seien harmlos und nähmen oft die Konfrontation aus dem Ganzen. Clowning hat also im besten Fall eine deeskalierende Wirkung. Der größte Erfolg sei, wenn man es schaffe, sogar Polizisten zum Lachen zu bringen, sagt ein Schweizer Clown, der seinen Namen nicht verraten möchte. In der Schweiz sei ihm das schon gelungen. In Bayern dagegen sei es absolut unmöglich.

Sie wollen den Hofnarr spielen

Den Hofnarren zu spielen, auch darum geht es, der den Mächtigen die Wahrheit sagen, ihnen den Spiegel vorhalten darf – aber eben nur in der Rolle des Spaßmachers. Nein, ein Lernziel habe man sich nicht überlegt, sagt Lennon, einer der Clowns. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „Rhabarber“. Es gehe einfach nur ums Ausprobieren, darum, neue Formen des Aktivismus kennenzulernen. Aber letztlich wolle er vor allem eines vermitteln: „dass Politik auch Spaß machen kann.“

Ach ja, da war noch die Sache mit den Socken. Socking nennt sich eine spezielle Methode des Clownings, die die Teilnehmer zum Schluss noch üben: Eine Gruppe von Clowns, vielleicht sechs oder sieben, nähert sich der Polizei. Die Clowns bleiben ganz dicht beisammen, bewegen sich vorwärts, indem jeweils die hintersten nach vorne kommen – eben so, als ob man einen Socken umstülpte. Dabei machen sie den Polizisten Avancen, begegnen ihnen mit Neugier, mit Begeisterung. Kommt dann unweigerlich die Zurückweisung, folgt auf demselben Wege der Rückzug, diesmal mit demonstrativer Enttäuschung.

Den Teilnehmern, man sieht es, aber sie werden es hinterher auch sagen, machen die ersten Clowning-Versuche großen Spaß. Könnte also gut sein, dass die Polizei auf Demos demnächst noch mehr zu lachen hat. Für die große Anti-IAA-Demo am Samstag hat man sich zumindest schon mal verabredet.

In einer weiteren Form des subversiven Autoprotests versuchte sich das „Widerstandskollektiv“ in Berlin: „Engagierte Mitbürger:innen“ hätten in der Nacht zum Freitag 30-40 SUVs in Berlin-Moabit friedlich stillgelegt und sich so Zerstörung und Gewalt in den Weg gestellt“, heißt es in einer Mitteilung. „Mittels kleinen Linsen in den Ventilen ließen sie die Luft aus Reifen von sehr großen Automodellen des Typs SUV (Sport Utility Vehicle)“. Die „Stilllegung der SUVs in Berlin“ unterstütze den „Widerstand, der diese Woche in München gegen die IAA und die Profitmaximierung der Autoindustrie auf die Straße getragen wird“.

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