Klimakrise eskaliert: Die Angst vor drei Grad Erderhitzung

Berlin taz | Das hat für Furore gesorgt: „Bereits bis 2050 besteht das Risiko einer Erwärmung um 3 Grad“, warnten die Deutsche Meteorologische Gesellschaft und die Deutsche Physikalische Gesellschaft in einem gemeinsamen Aufruf vom Donnerstag. Es mehrten sich die Anzeichen, dass die globale Erwärmung schneller als bisher erwartet fortschreitet. „Daher ist dringendes Handeln geboten.“

Eine Erderhitzung um 3 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau hätte katastrophale Auswirkungen: Im Sommer würden Hitzewellen mit unerträglichen und gesundheitsgefährdenden Temperaturen die Regel. Manche Regionen der Welt, in denen es jetzt schon heiß ist, dürfte der weitere Temperaturanstieg unbewohnbar machen. Zudem wären alle Küstenregionen weltweit bedroht, weil mit einem enormen Meeresspiegelanstieg zu rechnen wäre.

Der Anbau von Lebensmitteln wäre deutlich erschwert, etwa durch die Ausbreitung von Wüsten oder das Verschwinden der Gletscher, deren natürliches Schmelzwasser bislang zur Bewässerung von Feldern und Äckern beiträgt. Heftigere Sturmfluten wären zu erwarten. Die Liste an schweren Folgen für alle Lebewesen ließe sich noch lange fortführen.

Deshalb hat sich die internationale Gemeinschaft mit dem Pariser Weltklimaabkommen das Ziel gesetzt, die Erderhitzung auf „deutlich unter 2 Grad“ und möglichst sogar bei 1,5 Grad zu begrenzen.

2024 schon über der 1,5-Grad-Grenze

Die nötigen Schlussfolgerungen, nämlich ein schnelles Ende der fossilen Energienutzung einzuleiten, hat aber bislang kaum eine Regierung wirksam gezogen. Deshalb sind Warnungen über eine Erderhitzung von durchschnittlich 3 Grad nicht neu – bezogen sich aber bisher meist auf 2100.

Der Climate Action Tracker, ein Projekt der Thinktanks Climate Analytics und New Climate Institute, kommt beispielsweise zu dem Schluss: Wenn es bei den klimapolitischen Maßnahmen bleibt, die bisher umgesetzt sind, ist die Erde bis 2100 um 2,7 Grad heißer als vor der Industrialisierung. Wäre der Punkt schon ein halbes Jahrhundert vorher erreicht, nämlich in nur 25 Jahren, bliebe viel weniger Zeit für die Anpassung an die neuen Gegebenheiten.

Die Frage, ob und wie stark sich die Klimakrise gegenüber vorherigen Annahmen beschleunigt, wird in der Fachwelt allerdings kontrovers diskutiert. Auf ein erhöhtes Tempo weisen vor allem die Temperaturrekorde der vergangenen Jahre hin. 2024 war beispielsweise das erste Kalenderjahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, das durchschnittlich mehr als 1,5 Grad heißer war als das vorindustrielle Niveau.

In der Klimaforschung gilt erst ein Zeitraum von 30 Jahren als ausreichend, um statistisch robuste Aussagen über das Klima treffen zu können. Das ist also schlicht noch nicht möglich. Was sagen Fach­kol­le­g*in­nen aus der Klimaforschung zu der Warnung vor einer Erderhitzung um 3 Grad schon im Jahr 2050?

Christian Franzke, Klimaphysiker an der südkoreanischen Universität Busan, weist darauf hin, dass Kli­ma­for­sche­r*in­nen mindestens 30 Jahre brauchen, um sicher über Trends reden zu können. „Andererseits sehen wir keine Anzeichen, dass sich die Erwärmung abschwächt“, so der Wissenschaftler. „Von daher können wir 2050 einer Erwärmung von drei Grad Celsius nah sein, da die meisten Länder – auch Deutschland – nicht schnell genug ihre Treibhausgasemissionen auf null reduzieren; eher emittieren wir immer mehr.“

„Kein wissenschaftlicher Konsens“

Andere sind deutlich skeptischer. „Aus meiner Sicht gibt es keine fundierte wissenschaftliche Grundlage für die Annahme, dass sich die Welt bis 2050 um drei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Niveau erwärmen könnte“, sagt Bjorn Stevens, der die Abteilung Klimaphysik am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie leitet. „Aus historischen Aufzeichnungen wissen wir, dass die Temperatur nicht von Jahr zu Jahr gleichmäßig ansteigt, sondern oft größere Sprünge erlebt, auf die eine geringere Erwärmung oder eine Erwärmungspause folgt.“

Die globale Erwärmung verlaufe ziemlich genau wie vorhergesagt. „Ein großer Unterschied zur Vergangenheit besteht darin, dass sie nun einen Punkt erreicht hat, an dem die Veränderungen deutlicher spürbar werden“, so der Wissenschaftler. Es gebe keinen wissenschaftlichen Konsens darüber, dass sich die Erwärmung beschleunigt.

„Nicht für unmöglich, aber doch für sehr unwahrscheinlich“ hält Helge Gößling, Klimaphysiker am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, eine Erwärmung um drei Grad Celsius bis 2050. „Dazu müssten wohl mehrere ‚worst cases‘ zusammentreffen: Ein starker weiterer Anstieg der Treibhausgaskonzentrationen durch starke Emissionen und schwache Kohlenstoffsenken kombiniert mit einer Klimasensitivität am oberen Ende des Unsicherheitsbereichs, sowie ein starker weiterer Rückgang der Aerosolkonzentrationen kombiniert mit einer stark kühlenden Aerosol-Wirkung – welche dadurch wegfällt.“

Mit Aerosolen sind Kleinstpartikel in der Luft gemeint. Sind sie dunkel, zum Beispiel Ruß, absorbieren sie Sonnenlicht und tragen zur Erderhitzung bei. Hellere Teilchen reflektieren das Sonnenlicht hingegen und kühlen die Erde so. Wie stark, ist noch Gegenstand der Forschung. Aerosole landen auf natürlichen Wegen in der Atmosphäre, etwa bei Vulkanausbrüchen.

Sie entstehen allerdings auch bei der Verbrennung fossiler Energieträger, zum Beispiel in der Industrie, in Autos, Schiffen und Flugzeugen. Nutzt man diese weniger oder stellt sie auf sauberere Technologien um, fällt neben dem (überwiegenden) erderhitzenden Effekt von Kohle, Öl und Gas auch der kühlende weg.

Dass sich die Erderwärmung beschleunigt, hält Gößling aber grundsätzlich für plausibel. „Die längerfristige Erwärmungsrate lag seit den 70er Jahren bei ungefähr 0,2 Grad Celsius pro Dekade, wohingegen sie in den letzten 10 bis 20 Jahren eher im Bereich von 0,25 bis 0,3 Grad Celsius pro Dekade lag“, so der Wissenschaftler.

„Kein Grund zum Zurücklehnen“

Auch Karsten Haustein vom Institut für Meteorologie an der Universität Leipzig sieht „valide Indizien“ dafür, dass sich die Erderwärmung möglicherweise beschleunigt. Aber: „Die drei Grad Celsius bis 2050 halte ich für etwas schwieriger, da der Temperaturanstieg sich auf deutlich über 0,5 Grad pro Dekade erhöhen müsste, was die derzeitige Tendenz von 0,3 Grad pro Dekade nicht hergibt.“

Haustein warnt aber davor, aus dieser Unsicherheit das falsche politische Fazit zu ziehen: „Selbst 2 bis 2,5 Grad im Jahr 2050 sind kein Grund zum Zurücklehnen.“

Der Feststellung der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in ihrem Aufruf, dass dringendes Handeln geboten sei, widerspricht keiner der Experten.

  • informationsspiegel

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