Kanye entschuldigt Antisemitismus: Oh, Ye!

6 ,5 Millionen Klicks innerhalb von zwei Tagen auf X. Mehrere Hunderttausend Klicks auf Youtube. Diverse Memes, Videos und Remixes mit Millionen von Klicks auf Instagram. Viele Posts mit dem Originalaudio des Songs „Heil Hitler“, den der früher als Kanye West bekannte Rapper Ye im Mai 2025 veröffentlichte, sind bis heute online.

Der Song ist nicht die einzige seiner antisemitischen Aktionen der vergangenen Jahre. Über Jahre sagte Ye, dass er Hitler verehre, verglich sich selbst mit ihm, sprach von jüdisch gesteuerten Medien, leugnete den Holocaust. Am Montag hat er sich nun für seinen Antisemitismus entschuldigt.

Wie grausam Kanye Wests Verhalten und seine Überzeugungen der letzten Jahre waren, ist offensichtlich. Offensichtlich ist aber auch – und das soll nicht als Rechtfertigung dienen – dass der 48-jährige Rapper krank ist. Bereits 2016 wurde er laut eigenen Angaben mit einer Bipolaren Störung diagnostiziert. Die schob er jetzt auch als Grund für sein Verhalten vor.

In der Entschuldigung, die er als ganzseitige Anzeige im Wall Street Journal am Montag veröffentlichte, spricht er von einem schweren Unfall vor 25 Jahren, der zu der bipolaren Störung geführt habe. „In diesem zerrütteten Zustand“, so schreibt er, „fühlte ich mich zu dem zerstörerischsten Symbol hingezogen, das ich finden konnte: dem Hakenkreuz“. Eigentlich sei er aber kein Nazi, kein Antisemit. „Ich liebe Juden.“

Wie konnte es so weit kommen?

Dass Kanye West instabil ist, beweist gerade dieser überkorrigierende letzte Satz einmal mehr. Genau deswegen sollte die Frage jetzt nicht lauten, wie genuin seine Entschuldigung ist, sondern wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass er seinen Antisemitismus über Jahre hinweg versprühen und in der Rap-Szene salonfähig machen konnte. Zur Verantwortung gezogen muss nicht nur West, sondern auch die Medien- und Musikindustrie, die das ermöglichte.

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Einige Plattformen wie Spotify, Youtube und Soundcloud bemühten sich zwar, den antisemitischen Song schnell offline zu nehmen. Dennoch bleiben einige Fragen offen.

Warum sind Originalvideo und -audioclips des „Heil Hitler“-Songs auf Meta weiterhin verfügbar, obwohl in den Meta-Richtlinien festgelegt ist, dass die Plattform „Inhalte, die Ideologien verherrlichen, unterstützen oder darstellen, die Hass fördern, wie Nazismus und White Supremacy“ entferne?

Warum war es Ye möglich, eine Super-Bowl-Werbung zu kaufen, in der er die KI-generierten Abbilder jüdischer Hollywoodstars mit einem Shirt ankleidete, auf dem ein Davidstern, ein Mittelfinger und „Kanye“ stand, um so seine eigenen Shirts zu bewerben? Weiße Shirts für 20 US-Dollar, auf denen lediglich ein schwarzes Hakenkreuz abgebildet ist?

Wie konnte er diese Shirts auf seiner Website yeezy.com über die E-Commerce-Plattform Shopify verkaufen, wenn auch nur für wenige Tage? Warum konnte jemand, der sich öffentlich als Nazi bezeichnete, diese Plattform überhaupt nutzen?

Weil Menschen damit Geld verdienen, ist die Antwort. Dass Kanye West all das konnte, ist in einer kapitalistisch getriebenen Musik- und Medienindustrie nur folgerichtig. Dass es außerdem ausgerechnet eine Werbeanzeige ist, durch die er sich jetzt für seine Entschuldigung wieder eine Plattform erkauft, ist zumindest bedenkenswert.

  • informationsspiegel

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