Stürme über dem Mittelmeer: Mehr als tausend Menschen auf See vermisst

Seit Wochen zieht ein schweres Sturmtief nach dem anderen über das südliche Mittelmeer und Nordafrika. Aktuell stehen mehrere Innenstädte in Marokko unter Wasser, 100.000 Menschen mussten ihre Wohnung und Häuser vorübergehend verlassen. Auf Sizilien und in Tunesien haben sind Armee und Zivilschutz im Einsatz, um die massiven Trümmer zu räumen, die Zyklon „Harry“ am 20. Januar und den Tagen danach hinterlassen hatte.

Auf dem Mittelmeer läuft gleichzeitig eine verzweifelte Suchaktion, deren bisheriger Verlauf darauf deutet, dass „Harry“ nicht nur der stärkste Sturm seit 70 Jahren, sondern auch einer der tödlichsten gewesen ist.

Aus von der Flut fortgerissenen Autos wurden in Tunesien fünf Tote geborgen. Nach Ablaufen des Sturms riefen dann Angehörige von 380 mit Booten aus Tunesien abgefahrenen Mi­gran­t:in­nen die Küstenwachen Italiens und Maltas um Hilfe. Von den Passagieren gibt es bis heute kein Lebenszeichen. Der einzige Überlebende könnte Ibrahim Conthe sein, den die Besatzung des ägyptischen Frachtschiffs „Star“ vor Malta am 24. Januar im Meer treibend im Meer entdeckte und rettete.

Conthe hatte zusammen mit 50 weiteren Passagieren in einem Metallboot gesessen, das von Sfax aus losgefahren war. Nachdem es innerhalb von Minuten gesunken war, klammerte er sich 24 Stunden lang an einen zum Rettungsring umfunktionierten Schlauch eines Autoreifens.

Mehr als tausend Menschen unterwegs

Nun zeigen Recherchen der NGO „Mediterranea Saving Humans“ und Zeugenaussagen aus Libyen, dass im Seegebiet zwischen Malta, Libyen, Tunesien und Lampedusa insgesamt mehr als tausend Mi­gran­t:in­nen und Geflüchtete unterwegs waren.

Die Präsidentin der italienischen Organisation, Laura Marmorale, zeigte sich nach den Befragungen von suchenden Angehörigen in Libyen und Tunesien entsetzt. „Die Konturen der größten Tragödie der letzten Jahre entlang der zentralen Mittelmeerrouten zeichnen sich ab. Die Regierungen Italiens und Maltas schweigen und unternehmen nichts.“

Die für das Gebiet zuständige Seenotleitstelle (MRCC) in Rom leitete am 24. Januar die Zahl von 380 Vermissten an sämtliche in dem Gebiet operierende Marine- und Küstenwachenschiffe weiter, mittlerweile sind auch die genauen Abfahrtszeiten und -orte weiterer Boote bekannt.

Weil bisher weder Überreste von Booten, Leichen oder weitere Überlebende gefunden wurden, schwinden die Hoffnungen, dass es neben Ibrahim Conthe noch weitere Überlebende geben könnte.

Meterhohe Wellen

Die taz sprach in Tunesien mit mehreren Migranten, die auf ein Lebenszeichen von Mitreisenden warten, die in Boote gestiegen waren. In den informellen Zeltstädten nördlich der Hafenstadt Sfax, dort wo zehntausende Menschen aus Subsahara-Afrika leben, wurden die bisher unbekannten Abfahren bestätigt. Zudem waren einige Boote aus dem libyschen Küstenort Zuwara und Tripolis unterwegs, berichten Mitarbeiter des Roten Halbmonds.

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Die Wellen waren 9 Meter hoch, sie haben die Boote mitsamt den Passagieren wohl einfach überrollt

Tunesischer Fischer

Keines der Handys der Passagiere ist erreichbar, es wurden auch keine Notrufe abgesetzt. Ein tunesischer Fischer, der nach drei während des Zyklons vor Sfax vermissten Kollegen sucht, ist sich sicher: „Die Wellen waren 9 Meter hoch, sie haben die Boote mitsamt den Passagieren wohl einfach überrollt.“

Einmotorige Überwachungsflugzeuge der tunesischen Nationalgarde, Drohnen und private Rettungsschiffe wie die „Ocean Viking“ und „Life Support“ suchen weiter nach den Vermissten.

„Überlebende hätten sie längst finden müssen“, sagt Abubakr Bangui, ein Familienvater aus Sierra Leone, dessen Cousin sich spontan entschlossen hatte, einen Platz an Bord eines der Boote zu buchen. Bangui wollte ihn von der Entscheidung abhalten. „Aber der Organisator der Fahrten, ein Mann aus Mauretanien, hatte den Preis wegen des Sturms auf 200 Euro gesenkt.“ Viele an Bord seien bereits mehrmals in die Sahara deportiert worden, berichtet Bengui. „Ihre Verzweiflung hat sie nun in den Tod getrieben.“

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