Iran, Trauer, Schmerz und Jubel: Gefühlebewerten als Volkssport

I ch saß kürzlich in meinem Lieblingscafé in der Sonne, als ich auf meinem Handy einen Anruf aus Iran bekam. Hastig ging ich dran – seit Beginn des Kriegs hatte ich aufgrund der Internetsperre mit niemandem im Land sprechen können. Im Gespräch überwältigten mich all die Gefühle, die ich bis dahin nicht zugelassen hatte: Trauer, Angst, Sehnsucht. Ich begann zu weinen, das Handy am Ohr. Ein Mann lief gerade mit seinem Fahrrad vorbei und sah mich. Er hielt an, griff in seine Hosentasche und holte eine halb gefüllte Packung Tempos hervor. Wortlos legte er sie auf den Tisch vor mich, lächelte mir zu und lief weiter.

Ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus. Er hatte nichts gesagt, mich nicht gefragt, was los sei, mich nicht bemitleidet – er respektierte meine Grenzen. Er wusste nicht, warum ich weinte. Er zeigte mir einfach nur: Ich sehe deinen Schmerz, ohne ihn zu bewerten. In diesen Tagen der Dunkelheit war dieser Moment ein kleines, strahlendes Licht.

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Wer Schmerz relativiert, verstärkt ihn. Wir Menschen wollen, dass unser Schmerz gesehen und geehrt wird

Es ist selten, dass Schmerz nicht bewertet wird. Allzu oft wird er verurteilt, verglichen, relativiert. Ganz besonders, wenn es ein „politischer“ Schmerz ist. Und ganz besonders, wenn Israel involviert ist. Je polarisierter eine Debatte, umso mehr werden Gefühle bewertet. Je stärker Kategorien von „gut“ und „böse“ eine Rolle spielen, umso tiefer fällt die Empathie.

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Bild: Hannes Leitlein

Gilda Sahebi

ist Ärztin und Politikwissenschaftlerin, fand dann den Weg in den Journalismus. Sie beschäftigt sich mit Rassismus, Antisemitismus, dem Nahen Osten, Medizin und Wissenschaft.

Im Krieg in Iran und in der Region fällt das wieder einmal besonders auf. Als Videos aus Iran hinausdrangen, die Menschen zeigten, die lachten, tanzten und vor Freude schrien, weil Ali Chamenei getötet wurde, empörten sich so manche auf Social Media – darunter auch Ira­ne­r:in­nen in der Diaspora –, dass sich Menschen über einen Krieg freuen können. Auch Menschen außerhalb Irans wurden als moralisch verkommen dafür verurteilt, dass sie Bomben feierten. Die Moral wird ohnehin oft ausgepackt dieser Tage.

Überall Rechthaber

Gleichzeitig werden Menschen verurteilt und in die „linke“ Ecke gestellt, die sich nicht über die Bombardierungen Irans freuen, die diese nicht feiern. Sie müssten, so der Schluss, also auf der Seite des iranischen Regimes stehen, gar auf der Seite Ali Chameneis. Auch hier wird mit moralischen Urteilen um sich geworfen. Und natürlich sind alle überzeugt, dass sie auf der moralisch „richtigen“ Seite stehen. Dass sie recht haben. Gefühle zu bewerten, ist Volkssport. Ganz besonders auf Social Media, aber auch außerhalb aller Kommentarspalten.

Menschen sind dankbar, sie freuen sich über den Tod von Ali Chamenei, weil dieser Mann über die Menschen in Iran eine Welt voller Schmerz gebracht hat: Tod, Folter, Gewalt, jahrzehntelang. In einem Staat, in dem Straffreiheit System hat, war die Tötung des kaltblütigen Revolutionsführers ein kleiner Moment der Gerechtigkeit. Ein Moment, in dem viele Ira­ne­r:in­nen endlich einmal ausatmen, durchatmen durften. Viele dachten an getötete Angehörige, an getrennte Familien, an ihre inhaftierten Liebsten.

Menschen, die nicht feierten, dachten an die Opfer, die dieser Krieg bringt, jeden Tag. Bombardierungen treiben Menschen nicht nur in die Flucht; sie zerstören Leben und Existenzen. Menschen werden getötet, verletzt, vertrieben. Supermärkte werden getroffen, Bäckereien und Büroräume. Die Lebensgrundlage unzähliger Menschen wird zerstört. Wer an diese Menschen denkt und trauert, steht deswegen nicht auf der Seite des Regimes.

Bei einer Veranstaltung in der ersten Kriegswoche fragte mich eine Frau aus dem Publikum, was ich denn nun von diesem Krieg halte. Soll man gegen ihn demonstrieren oder nicht? Ich war nicht erstaunt über diese Frage, sind doch viele Menschen auf der Suche nach einer Art moralischer Gewissheit. Die gibt es nicht. Ich jedenfalls habe sie nicht, auch wenn viele andere sie zu besitzen scheinen.

Was Klugheit bedeutet

Ich bin keine moralische Instanz und will eine solche auch niemals sein. So wie manche überzeugt zu sein scheinen, dass dieser Krieg den Menschen in Iran Freiheit bringen wird, so sicher sind manche andere, dass dieser Krieg in der Katastrophe enden wird. Ich frage mich, woher manche Menschen diese Gewissheiten nehmen.

Gleichzeitig rührte mich die Frage der Frau, weil sie sich Gedanken darüber machte, wie sie den Menschen in Iran helfen kann. Denn um sie schien es ihr zu gehen. Ich hätte ihr antworten sollen, dass sie eine Demo für die Bevölkerung in Iran organisieren soll – einfach nur für sie. Und gegen nichts und niemanden.

Für mich bedeutet Klugheit, nicht in Seiten zu denken. Die Welt in all ihrer Komplexität sehen zu wollen. Wer Matheaufgaben lösen kann oder einen Doktortitel hat, mag einen hohen IQ haben. Klug ist man deswegen nicht. Klugheit erfordert Demut, die Fähigkeit zu zweifeln und sich immer wieder die Frage stellen zu können: Was, wenn ich Unrecht habe?

Ansonsten wird man Gefühle verurteilen und Schmerz dadurch perpetuieren. Wer Schmerz relativiert, verstärkt ihn. Wir Menschen wollen, dass unser Schmerz gesehen und geehrt wird; wir sind im Grunde auf der ständigen Suche nach Menschen, die unseren Schmerz anerkennen.

Wir bewerten Schmerz nach seiner „Größe“, danach, wer ihn zugefügt hat und wer ihn spürt. Ist Israel schuld oder die Islamische Republik? Sind die Toten Opfer Israels oder der Islamischen Republik? Oft werden diese Fragen nicht explizit gestellt, sondern implizit. In diesen Fragen steckt ein Maß an Menschenverachtung, das Krieg auf dieser Welt erst möglich macht.

Dabei ist es nur eine Minderheit der Menschen, die dermaßen menschenverachtend denkt und handelt. Sehr viele, womöglich die meisten Menschen, können sehr wohl mehrere Wahrheiten gleichzeitig halten. Mir gefällt das Wort „Ambiguitätstoleranz“ überhaupt nicht. Es ist ein technisches Wort, viel zu intellektuell. Es geht einfach nur darum, nicht in Seiten zu denken. Zu wissen, dass die Wahrheit meines Gegenübers genauso existieren darf wie meine.

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