
L angsam traue ich mich zu sagen: Wir haben den Winter überstanden. Dieses Jahr war hart. Aushaltbar war er für mich nur mit einer kurzzeitigen Sportobsession: Ice Skaten. Ausgelöst von „Heated Rivalry“, dieser queeren Eishockeyserie. Mein Saisonergebnis: eine halbe, wacklige Drehung auf beiden Füßen schaffe ich jetzt auch. Mit den steigenden Temperaturen fällt dieser Sport allerdings weg. Seltsamerweise sehe ich mich null Rollschuh fahren, was ja eine naheliegende Alternative wäre. Stattdessen lieber einen Sport, der zu den kollektiven Frühlingsgefühlen passt. Zum Glück nehmen mir andere die Suche ab und kriechen schon wie bescheuert aus ihren Löchern mit ihrem Equipment: Es ist Pingpong.
Und damit meine ich nicht das kompetitive Tischtennis, das Timothée Chalamet in „Marty Surpreme“ verkörpert– ein Film über ein männliches Genie mit viel Rumgeschreie. Ich meine das lässige Tischtennis. Das Bar-und-Getränk-in-der-Hand-Tischtennis. Rundlauf, Umlauf, Ringel oder wie auch immer man es nennt, wenn Leute um die Platte hetzen.
Man muss auf Hinge keine dreimal swipen, bis jemand ein Tischtennisschläger-Emoji in der Bio hat. Die ganz Entspannten posten sogar Actionfotos mit Kelle. Es ist der jedes Jahr aufs neue aufblühende Frühlingshabitus der urbanen Mittelschicht: Man zeigt, dass man draußen ist und Sport macht. Aber Obacht, nicht zu viel, man will ja nicht schwitzen.
Keine Frage: Tischtennis kann Spaß machen. Und es ist anstrengender, als man von außen denkt. Trotzdem beschäftigte mich auf dem Weg zu meinem ersten Match der Saison eine Frage, die eigentlich eindeutig geklärt sein müsste: Ist Tischtennis sexy?
Ein Sport mit viel logistischem Verantwortungsgefühl
Dagegen spricht einiges. Erstens: Man spielt meistens draußen auf unwegsamem Gelände. Der Ball springt kreuz und quer, rollt unter Parkbänke und verschwindet in Büschen. In der Folge muss man ihm komisch hinterherrennen. Ich habe dafür allerdings einen sehr guten Trick entwickelt: erst mal stehen bleiben und schauen. Das gibt einem Zeit – und manchmal holt ihn dann die andere Person.
Zweitens: Man muss Schläger und Bälle besitzen. Und sie mit sich herumtragen. Und sie nicht verleihen, weil sie dann weg sind. Und sie auch nicht irgendwo liegen lassen, weil das auf dasselbe hinausläuft. Ein Sport, der überraschend viel logistisches Verantwortungsgefühl verlangt – und na ja, davon habe ich im Büroalltag schon genug.
Drittens – und das gilt leider für fast jeden Sport – gibt es immer Typen, die sich aufspielen. Nichts ist unattraktiver als jemand, der schadenfroh den Ball in die linke Ecke pfeffert und dabei so tut, als sei er Olympia Gold.
Sexy Infrastruktur und passende Exitstrategie beim Flirten
Aber es spricht auch was dafür. Zum Beispiel: Beim Tischtennis geht es überhaupt nicht um protzige Muskeln. Die helfen nämlich erstaunlich wenig. Der Sport belohnt eher Koordination, Timing und eine gewisse Gelassenheit – Eigenschaften, die ohnehin attraktiver sind als jemand, der ständig davon erzählt, wie viel er schon im Gym pushen kann. Außerdem ist Tischtennis gesellig. Viele können mitmachen, besonders beim Rundlauf. Und das ist auch flirttechnisch praktisch: Wenn sich im Gespräch herausstellt, dass die Person doch nicht so toll ist, kann man sich einfach woanders einreihen. Kaum ein Sport bietet so elegante Exitstrategien.
Sexy ist auch die Infrastruktur: Man kann es wirklich fast überall spielen. Gut, manchmal muss man auf Spielplätzen erst ein paar Halbstarke von der Platte vertreiben. Beweist dem Date dann aber ja auch Willensstärke.
Und dann sind da natürlich die kleinen Flirts an der Platte. Der zufällige Blickkontakt nach einem guten Ballwechsel. Das gemeinsame Lachen, wenn der Ball mal wieder absurd vom Metallrand springt. Der kurze Moment, in dem zwei Menschen den Trick mit dem lässigen Stehenbleiben anwenden und dann niemand den Ball holt. Vielleicht ist Tischtennis also nicht auf die klassische Art sexy. Eher auf eine solidarische, leicht chaotische Frühlingsweise. Das passt sowieso besser zu mir.






