Dokumentarfilm „Blame“: Jemand muss doch schuld sein

Dieser Film ist eine augenöffnende Nachhilfelektion in vielerlei Hinsicht. Nebenbei lernt mensch Wissenswertes über Fledermäuse; zum Beispiel, dass sie, neben den Flughunden, die einzigen fliegenden Säugetiere sind (na gut, darauf wäre man mit etwas Nachdenken vielleicht selbst gekommen). Oder, weit wichtiger, dass sie über ein absolut einzigartiges, aus unserer Sicht beneidenswertes Immunsystem verfügen. Fledermäuse sind immun gegen praktisch alles und können daher eine Vielzahl von Erregern in ihrem Organismus beherbergen, ohne daran zu erkranken – im Gegensatz zu anderen Lebewesen, die mit ihnen oder ihren Ausscheidungen in Berührung kommen.

Letzteres passiert häufig, denn Fledermausguano wird in ganz Ostasien gesammelt und als Dünger eingesetzt. Eine eindrucksvolle Einstellung gegen Ende des Films zeigt eine Fledermaushöhle, in der zwei sehr verschiedene Gruppen von Menschen parallel ihrer Arbeit nachgehen: eine Gruppe von VirologInnen in Ganzkörper-Schutzanzügen und Atemmasken – und eine Gruppe von Guanosammlern, ungeschützt in Alltagskleidung.

Der Schweizer Dokumentarfilmer Christian Frei hat für seinen Film drei WissenschaftlerInnen begleitet beziehungsweise befragt: Linfa Wang, Experte für zoonotische Krankheiten,aus Singapur. Den britischen Zoologen und Krankheitsökologen Peter Daszak, der mit seiner (wegen gestrichener US-Subventionen inzwischen aufgelösten) EcoHealth Alliance den Zusammenhang zwischen tierischer und menschlicher Gesundheit erforschte. Und die chinesische Virologin Zhengli Shi, der staatlicherseits die Mitwirkung am Film untersagt worden war, weshalb sie nur in Zoom-Gesprächen und Archivmaterial präsent sein, aber nicht direkt vor Freis Kamera auftreten kann. Zhengli leitete das Institut für Virologie in Wuhan, als es in der Zeit der coronabedingten Lockdowns als potenzieller Ursprungsort des Sars-CoV-2-Virus durch die Medien gereicht wurde.

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Der Film

„Blame“. Regie: Christian Frei. Schweiz 2025, 123 Min.

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Freis Film zerpflückt diese sogenannte Laborhypothese (die letztlich sogar von einem ausführlichen CIA-Bericht zurückgewiesen wurde) sehr gründlich. Er zeigt, wie die VirologInnen, allen voran Zhengli, die seit Jahrzehnten an durch Fledermäuse übertragenen Coronaviren forschte, und Daszak, der nach der ersten Sars-Epidemie vor zwanzig Jahren einen ähnlichen Ausbruch in den nächsten Jahrzehnten vorausgesagt hatte, von Teilen der (nicht nur sozialen) Medien als Seuchenbringer dämonisiert und zu Akteuren in diversen Verschwörungsmythen fiktionalisiert wurden.

Vor allem in den USA – KonsumentInnen seriöser europäischer Nachrichtenmedien haben davon wenig mitbekommen – wurden einschlägige Fake News von politischer Seite befeuert und finanziert. Auf der anderen Seite des Einflussspektrums taten die chinesischen Behörden alles, um zu verschleiern, dass auf dem Markt in Wuhan entgegen geltender Gesetzeslage lebende Tiere verkauft wurden. Unter, wie Bilder eines unabhängigen Fotografen zeigen, die Frei in seinem Film verwendet, teils entsetzlichen hygienischen Verhältnissen. Bodenproben aus dem geschlossenen Markt wurden später im Labor an mehreren Stellen positiv auf den Corona-Erreger Sars-CoV-2 getestet.

Prekäres Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit

Es geht Frei um mehr als um die mediale Rehabilitation der zu Unrecht angegriffenen WissenschaftlerInnen. Sein Film ist auch eine Reflexion darüber, wie und warum wir Menschen dazu neigen, hinter allem Unheil, das uns zustößt, eine Absicht erkennen zu wollen. Das prekäre Verhältnis der Wissenschaft, mit ihren nicht leicht zugänglichen und oft unbefriedigenden Erkenntnissen, zur allgemeinen Öffentlichkeit thematisiert er im Gespräch mit dem Schweizer Wissenschaftsblogger Philipp Markolin und der chinesischen Journalistin Jane Qiu.

Insbesondere Qiu lässt deutlich erkennen, dass sie auch Frei gegenüber ihre kritische Haltung bewahren will und zudem dem Seuchenexperten Peter Daszak misstraut, der in der öffentlichen Kommunikation Fehler gemacht habe. Der Off-Kommentar bestätigt diese Einschätzung prinzipiell; detaillierter steigt Frei an diesem Punkt aber nicht ein, was schade ist.

„Blame“ ist kein Popcorn-Movie; die vielen talking heads und der reichhaltige Info-Input erfordern geistige Mitwirkung bei den ZuschauerInnen. Die mentale Arbeit wird belohnt durch eindrucksvolle visuelle Exkurse. Impressionen aus asiatischen Großstädten, aufgenommen mit der Autokamera bei der Fahrt durch vegetationslose Häuserschluchten, illustrieren die Naturferne menschlicher Existenzformen. Im Kontrast dazu spenden grüne Urwälder, in denen die Forschenden auf Fledermauskotjagd gehen, Balsam fürs Auge.

Ein anderer, denkbar scharfer Kontrast, besteht zwischen Fledermausdarstellungen in der europäischen Kunstgeschichte, wo die geflügelten Säuger meist als Sendboten des Bösen dargestellt wurden, und Filmaufnahmen realer Fledermäuse, die im Labor aus Pipetten gefüttert werden. Wenn ihr Schnäuzchen so niedlich zwischen behandschuhten Menschenhänden hervorschaut, erinnern sie mit ihren kleinen Öhrchen und großen Augen an kleine Hundewelpen. Kaum vorstellbar, dass diese grazilen Tiere uns das Sars-CoV-2-Virus beschert haben sollen. Aber bis heute ist es immer noch die wahrscheinlichste Erklärung.

  • informationsspiegel

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