taz: Frau Urner, Sie fordern in Ihrem Buch „Radikal Emotional“, dass in der Politik die Gefühle der Menschen mehr berücksichtigt werden. Aber sind heutzutage nicht so gut wie alle politische Debatten durch eine hohe Emotionalität geprägt?
Maren Urner: Nach meiner Meinung ist jede politische Debatte emotional. Sie muss aber nicht emotionalisierend sein. In der Politik geht es ja darum, dass wir versuchen auszuhandeln, wie wir zusammenleben wollen. Und das ist natürlich immer eine emotionale Frage, weil es ja im Kern darum geht, welche Werte, Vorstellungen und Wünsche wir haben. Es ist also wichtig, zwischen emotional und emotional aufgeladen zu unterscheiden.
taz: Und warum glauben Sie als Neurowissenschaftlerin, dass es in ihrem Fachgebiet Lösungen dabei geben kann?
Urner: Aus den Neurowissenschaften wissen wir schon lange, dass Emotionen immer eine Rolle spielen, weil wir ja nur durch sie überhaupt Einscheidungen treffen können. Aber das wurde in den gesellschaftlichen Debatten lange Zeit ignoriert. Spätestens seit der Aufklärung wird ja gefordert, dass rational und möglichst objektiv geurteilt werden soll. Aber das können wir gar nicht.
taz: Ist es nicht so, dass Emotionen die unterdrückt werden, irgendwann unkontrolliert ausbrechen?
Urner: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. In der Emotionsforschung benutzen wir dafür das Bild von einem Ball, den man versucht unter die Wasseroberfläche zu drücken. Das kann man vielleicht sogar eine Zeitlang schaffen, aber spätestens wenn noch mehr Bälle dazukommen, ploppen die plötzlich hoch.
taz: In dem Zusammenhang wird ja auch von einer „emotionalen Intelligenz“ gesprochen.
Urner: In den USA gab es eine Umfrage, in der viele tausend Menschen die Emotionen benennen sollten, die ihnen spontan gerade einfielen. Und im Durchschnitt waren das nur drei: „happy, sad and pissed off“. In der Emotionsforschung sprechen wir davon, dass da eine emotionale Granularität, also eine feinere Abstufung der Gefühle, fehlt.
taz: Nun scheinen ja zurzeit negative Gefühle wie die Angst nicht nur in der Politik dominant zu sein.
Urner: Und das ist ein riesiges Problem, denn die Angst versetzt uns in eine Unsicherheit, durch die wir schlecht langfristige Entscheidungen treffen können. Wenn in unserem Körper der Alarmmodus zum Dauermodus wird, handeln wir nach den Grundprinzipien „kämpfen, flüchten, erstarren“. Das in einer akuten Bedrohungssituation ja auch ein gutes Überlebensprogramm. Aber wenn die Angst zum Dauerzustand wird, hält der Körper das irgendwann nicht mehr aus, und dann kippt das System. So sinkt etwa unser IQ signifikant, wenn wir in Angstzuständen sind.
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„Radikal emotional – Wie Gefühle Politik machen“, 12.05., 18:30, MQ4 – Museumsquartier Osnabrück
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taz: Kann man Menschen, die Angst haben, besser manipulieren?
Urner: Genau! Auf der politischen Ebene sehen wir, dass Populisten und Populistinnen, inklusive Diktatoren und Autokraten, dies ausnutzen, weil sie wissen, dass Menschen, die in Angst und Unsicherheit leben, nach vermeintlich einfachen Antworten suchen.
taz: Geraten politische Bewegungen und Parteien, die nicht so mit den Gefühlen der Menschen arbeiten können oder wollen, ins Hintertreffen?
Urner: Je lauter die Forderungen nach rationalen Diskursen, desto überforderter sind viele Menschen. Und sie haben dann zum Teil ja auch berechtigt das Gefühl, von denen nicht verstanden zu werden, wodurch ein Vertrauensverlust stattfindet.
taz: Wenn ich zu den Menschen sage, sie sollen doch mal vernünftig sein, unterstelle ich ja, dass sie irrational denken. Und so kann man niemanden überzeugen.
Urner: Richtig – weil sie das Gefühl haben, gar nicht gesehen zu werden. Ein wichtiges Mittel bei der politischen Arbeit sollte das Zuhören sein. In der Psychologie sprechen wir von „active listening“, bei dem man versucht, den anderen zu verstehen und herauszufinden, wo er steht, welche Wünsche und Hoffnungen, aber eben auch welche Ängste er hat.






