Alles muss raus: „50 Prozent auf alle Bücher“, steht in roter Schrift an der Glasfront der SPD-Bundeszentrale in Berlin. Hinter der Scheibe befindet sich die Buchhandlung „Vorwärts“. Es ist still, nur gelegentlich klackert eine Tastatur. Eine junge Frau schaut sich vor den meterhohen Bücherregalen im Laden um – einige der oberen Fächer sind schon leer.
An der Kasse sitzt Katharina Weber, die Geschäftsführerin der Buchhandlung im Erdgeschoss des Willy-Brandt-Hauses. Sie tippt noch schnell eine Anzeige für das zum Verkauf stehende Ladeninventar fertig, dann hat sie Zeit. „Es bricht mir ein bisschen das Herz“, sagt sie geknickt. Denn zum 30. Juni macht der einst SPD-eigene Laden dicht. Seit vier Jahren hält die Partei über ihre Medienholding nur noch 20 Prozent.
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Es seien noch viele antiquarische Schätze da, etwa Flugblätter aus dem 19. Jahrhundert, sagt Weber. Sie hofft, dass in den kommenden Wochen bis zur Schließung noch jemand diese Fundstücke entdeckt. Die Buchhandlung, zugleich Antiquariat, ist spezialisiert auf die Themen Sozialdemokratie, Sozialismus, Arbeiterbewegung, ein ganzes Regal füllen – noch – Titel über Helmut Schmidt, Willy Brandt oder Egon Bahr.
Katharina Weber, Geschäftsführerin
Vom heutigen Spitzenpersonal der Partei, das ein paar Etagen höher sitzt, sei noch nie jemand vorbeigekommen, berichtet Katharina Weber. Für Ex-Kanzler Olaf Scholz, der als Vielleser gilt, habe immerhin mal ein Assistent bei ihr eingekauft. Auch an diesem Frühlingstag ist die Buchhandlung ziemlich leer. Ein Mann betritt den Laden – der Nachbar von gegenüber. Er kauft nichts, nutzt den Laden nur als Copyshop und geht wieder.
Überwiegend ältere Kundschaft
Pro Tag kämen manchmal drei, an einem guten Tag zehn Kund:innen in ihre Buchhandlung, sagt Weber: „Also es hat sich nie rentiert, wir haben immer nur Miese gemacht.“ Böse Zungen könnten behaupten, Sozialdemokratie läuft einfach nicht mehr. Stimmt ja auch: Die SPD liegt in Umfragen aktuell bei 11 bis 13 Prozent.
Eine Rolle spielt aber auch die Lage an der Stresemannstraße im eher unspektakulären Teil von Berlin-Kreuzberg. Hier gibt es kaum Laufkundschaft. Auch die angrenzende Großwohnsiedlung mit hoher Armutsquote dürfte nicht für Umsatz sorgen. Zudem höre Weber manchmal, dass Menschen sagen: „Du willst doch nicht bei der SPD einkaufen.“ Die Kundschaft sei überwiegend älter – eine Parallele zur SPD, die bei der letzten Bundestagswahl vor allem von über 60-Jährigen gewählt wurde.
Weber kassiert kurz eine junge Frau mit Lederjacke ab, die einen Stapel Bücher für die Uni auf den Tresen legt. Die 21-Jährige sagt über den Buchladen: „Ich finde es sehr cool, aber ich glaube, ich wäre ohne Rabatt nicht reingekommen.“ Als Studentin sei das Geld immer knapp. Dass der Buchladen parteinah ist, habe sie nicht abgeschreckt. Es sei schade, dass die SPD als Arbeiterpartei verloren gehe, sagt die junge Kundin weiter: „Es gibt viele Menschen, die sie brauchen, damit sie sich für sie einsetzt.“
Aus Kreisen des SPD-Vorstands heißt es, die Lage des Geschäfts sei schon lange herausfordernd gewesen. „Wegen absehbarer weiterer Defizite“ habe man dann entschieden, die Buchhandlung nicht mehr als eigenen Betrieb weiterzuführen. Weber übernahm den Laden 2022. Den Namen „Vorwärts“, angelehnt an die altehrwürdige Parteizeitung der SPD, behielt sie bei.
Sozial wie die Sozialdemokraten sind, habe sie nie Miete zahlen müssen, so Weber. Die Miete wurde – wie zuvor – von der SPD-Medienholding getragen, dem jetzigen Minderheitsgesellschafter. Geholfen hat auch das am Ende nicht. Wer oder was nach dem 30. Juni in die Räume der Buchhandlung „Vorwärts“ einzieht, könne man noch nicht sagen, heißt es aus dem Willy-Brandt-Haus. Die SPD-Zentrale werde zurzeit sowieso „in einigen Bereichen modernisiert“.






