Rechter Film „Citizen Vigilante“: Er besitzt so ein schönes Waffenlager

Vor zehn Jahren schien die Welt noch in Ordnung: Uwe Boll, anerkanntermaßen einer der schlechtesten Filmemacher aller Zeiten, verkündete seinen Rückzug aus dem Geschäft. Er eröffnete ein Restaurant in Vancouver und verschrieb sich der Spitzengastronomie.

Jahr um Jahr hatte er seine Machwerke runtergekurbelt, lange vor allem Videospiele verfilmt, die deren Fans kaum wiedererkannten, hatte Stars von Jason Statham und Ben Kingsley bis Til Schweiger in seine in den Kinos nie reüssierenden Filme gelockt, hatte eine von Hunderttausenden unterschriebene Petition überlebt, die das Ende seiner Regiekarriere verlangte, hatte Kritiker zum Boxkampf geladen, die in Hollywood vergebene Goldene Himbeere für misslungene Filme mehrfach und früh schon für sein Lebenswerk erhalten und auch angenommen.

Dann der Rückzug, dem leider bald der Rückzug vom Rückzug folgte. Ultrakurze Karriere als Bundessprecher der sehr unbedeutenden Partei „Das Haus Deutschland – DHD“. Das Restaurant in Vancouver hat Corona nicht überlebt, und so hatte die Filmwelt zu ihrem Unglück Dr. Uwe Boll allzu bald wieder (ja, er hat in Literaturwissenschaft über „Die Gattung Serie und ihre Genres“ dissertiert).

Der Doktor führt nicht nur gerne Regie, und die Kamera auch, sondern schreibt die Drehbücher zwar nicht immer, doch oft, und spielt hier und da selbst noch mit. Leider ist er auf allen Gebieten ehrfurchtgebietend talentlos. Die einzige echte Begabung des Universaldilettanten ist, wenn man so will, seine absolute Schamlosigkeit.

Uwe Boll als SS-Mann

Wenn einer Videospiele bis zur Unkenntlichkeit verfilmt, ist das nicht schön, aber doch auch ziemlich egal. Boll aber hatte vor allem immer schon eines: den Drang zur Öffentlichkeit. Und weil es mit dem geraden Weg zum Ruhm einfach nicht klappte, dann wird sich eben in sie hineinprovoziert. Schon zum Frühwerk gehört ein Film über den Barschel-Skandal, die bis dato entschieden übelste Verirrung ist sein Film „Auschwitz“ von 2011, die er als „Dokumentation“ deklariert. Erst zeigt er ein paar ahnungslose Jugendliche, die er mit seinen nachgestellten Filmszenen (mit Uwe Boll als SS-Mann) dann aufklären will.

Passenderweise waren die Kulissen der Videospielverfilmung „Bloodrayne: The Third Reich“ noch übrig, in denen hat er seinen Aufklärungsfilm gleich auch noch gedreht. Und natürlich drängte es ihn genau dahin, wohin keiner wollen sollte: zu Erschießungen mit Musik und in die Gaskammer, unter Menschen in Todesangst, dann unter Leichen.

Kurzum: Boll, dein Name ist Troll. Leider hat sich der Troll mit seinem jüngsten Film „Citizen Vigilante“ nun in seine bislang größte Öffentlichkeit reingehackt. Was ihm gelang, weil die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) des deutschen Films, über deren Sinn und Zweck man streiten kann, ihm die Jugendfreigabe komplett verweigert hat. Heißt: Man darf ihn nicht bewerben und quasi nur unter der – auch virtuellen – Ladentheke verkaufen.

Boll schrie Zensur, holte via X Elon Musk ins Boot, der sich über alles freut, was übel und rechts ist und mit einem 48 Stunden gültigen Gratislink dem Troll Gratiswerbung verschaffte. Sein Werk schoss bei Apple TV, wo man es streamen kann, kurzzeitig nach ziemlich weit oben.

Freude und Genuss an Gewalt

Als Film ist „Citizen Vigilante“ tatsächlich unter aller Kritik. Handwerklich sowieso, da ist alles so aufgeregt sinnlos, wie vom Meister vertraut. Aber Boll outet sich nun auch ganz unumwunden als Rechtsradikaler. Der Plot ist schlicht: Der Film schickt den vom #MeToo-Abstellgleis geholten Ex-Star Armie Hammer („The Social Network“, „Call Me By Your Name“) auf Killermission gegen Migranten.

Der Vigilante knallt nicht nur migrantische Vergewaltiger, sondern gleich die ganze dazugehörige Familie einfach ab und schwadroniert in Videobotschaften gegen „Überfremdung“ und „Umvolkung“ und das Versagen von Recht und Politik. Er mäht dann, wo er schon so ein schönes Waffenlager besitzt, auch ein ganzes SEK der Polizei einfach weg, mit viel Blut und platzenden Schädeln; außerdem werden Richter erledigt, deren Urteile ihm nicht hart genug sind.

Bei alledem schauen Boll und der Film mit Freude und Genuss einfach zu. Selbstverständlich wird nun „Citizen Vigilante 2“ folgen, da räumt, hat Boll schon verkündet, sein Killer in den USA unter Migranten mit somalischem Hintergrund auf. Die Verortung von Teil eins dagegen war in breiten Lettern und ganz plakativ einfach „Europe“.

Das Ganze taugt, so vorhersehbar dumm, stumpf, lächerlich und in seiner Vorhersehbarkeit, Dummheit, Stumpfheit, Lächerlichkeit grauenhaft, wie es ist, höchstens als Lehrstück über den aktuellen Stand einer zur sozialmedialen Verhetzung allzeit bereiten Öffentlichkeit. Es muss nur einer von weit genug rechts laut genug „Migration“ und „woke“ und „Zensur“ schreien, schon ist Elon Musk, der alte Hitlergrüßer, zur Stelle und lenkt die Aufmerksamkeitsströme via X in Richtung des großen Geschreis.

Auf die Weise werden auch Typen wie Boll, die man bislang als pathologisch geltungsbedürftige, aber eher harmlose Irre einschätzen durfte, zu scharfen Waffen, und das eben leider nicht nur im metaphorischen Sinn. Es ist ja nicht auszuschließen, dass sich ein junger Mann in den Vereinigten Staaten mit sehr vielen Waffen und mit in den sozialen Medien gründlich frittiertem Hirn durch den „Citizen Vigilante“ inspiriert fühlen könnte. Für Deutschland kommt man zu einem Schluss, zu dem man eigentlich nie kommen wollte: Die FSK hat angesichts des üblen Machwerks das getan, was getan werden musste.

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