
Die Venezolaner lieben ihre Hochhäuser so sehr, dass sie ihnen Namen statt Hausnummern geben: Los Rosales, Coral Park, Mar y Cielo, Maribel. Namen, die nach venezolanischer Telenovela klingen. An diesem 24. Juni wurde aus den architektonischen Träumen Massengräber.
Ronaldo Silva hatte sich insgeheim gefragt, ob sein Hochhaus „Duma“ ein Erdbeben überleben würde. Der 28-jährige Architekt wusste, dass in seinem Stadtviertel Los Palos Grandes bei einem Erdbeben vor 59 Jahren mehrere Hochhäuser eingestürzt waren, weil genau dort eine tektonische Verwerfung läuft.
Die zwei kurz aufeinander folgenden Erdbeben vom 24. Juni trafen Ronaldo dennoch unvorbereitet. Bücher, der Fernseher, Geschirr fielen auf den Boden. „Ich lief auf den Flur und klammerte mich an die Säule neben dem Aufzug“, erzählt er 10 Tage später. „Ich wusste, dass ich vom 9. Stock sowieso nicht rechtzeitig runterkommen würde und bei einem Einsturz mehr Chancen hätte, gerettet zu werden, wenn ich in meinem Stock bleibe“.
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Nach dem verheerenden Doppel-Erdbeben in Venezuela hat sich die Zahl der Todesopfer auf mehr als 3.300 erhöht. Mindestens 3.342 Menschen seien bei dem Unglück am 24. Juni ums Leben gekommen, teilte die venezolanische Regierung am Sonntag mit. Zudem seien mehr als 16.700 Menschen verletzt worden.
Lauf der nichtstaatlichen Webseite venezuelareporta.org, auf der nach Angehörigen und Freund:innen gesuchte werden, gelten noch über 41.000 Menschen noch als vermisst. Nur 6.148 der dort ursprünglich Registrierten, konnte mittlerweile wiedergefunden werden.
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Soweit kam es Gott sei Dank nicht. Das Hochhaus „Duma“ überstand auch sein zweites Erdbeben. Anders das Hochhaus „Petunia“ im selben Viertel. Die Erdwellen ließen es zusammenfallen wie ein Kartenhaus. 35 Menschen wurden in den Trümmern von Petunia begraben, 28 überlebten.
Hilfe statt Trauer
Ronaldo Silva ist mit dem Schrecken davongekommen und hilft nun Erdbebenopfern. Zusammen mit seinen Freundinnen Osdalis und Albany bittet er um Spenden in seinem Freundes- und Bekanntenkreis und kauft damit Lebensmittel, Medikamente und Hygieneartikel. Eine Bekannte im Krankenhaus sagt ihnen, was gebraucht wird. „Es hilft einem, emotional mit dem Unglück fertig zu werden, wenn man etwas tun kann“, sagt Albany, 29, und ebenfalls Architektin.
Die Hilfsbereitschaft der Venezolaner nach dem Erdbeben ist überall zu beobachten. Luis, ein rund 50-jähriger hochgewachsener Mann mit blondem Bart, räumt seit 10 Tagen die Trümmer von Hochhaus Petunia frei. Sein Sohn wohnte im Hochhaus gegenüber. „Ich konnte noch nicht weinen, nur, wenn ich auf meinem Motorrad unterwegs bin, kommen mir wie aus heiterem Himmel Tränen“. Edwin Goitia ist 68 Jahre alt und kommt jeden Tag nach Los Palos Grandes, um Trümmer wegzuräumen. „Ich bin Rettungshelfer, da kann ich doch nicht anders“. Weitere Freiwillige versorgen die Menschen, die nun obdachlos sind, mit Essen und Wasser.
Das Erdbeben hat in der Hauptstadt Caracas mehrere Hochhäuser zum Einsturz gebracht und viele unbewohnbar hinterlassen. Doch das ganze Ausmaß des Erdbebens wird erst in La Guaira sichtbar.
Wie im Krieg
La Guaira ist der Hafen von Caracas, gleich daneben liegt der internationale Flughafen Maiquetía. Eine vierspurige Autobahn führt in 40 Minuten von Caracas hinunter an die Küste. An den Hügeln kleben kleine, selbstgebaute Häuschen, die einen bunt bemalt, die anderen im ewigen Rohbau. Hier in den „barrios“ wohnen die Armen Venezuelas. Ihre Häuschen, obwohl notdürftig selbst gebaut, kleben an den Felsen und haben kaum Schaden erlitten.
Vor 27 Jahren war das anders. 1999 haben zahlreiche Erdrutsche nach Dauerregen in La Guaira bis zu 30.000 Todesopfer auch in den „barrios“ gefordert. Hugo Chavez war damals gerade ein knappes Jahr im Amt und verbat sich ausländische Hilfe. Viele der Menschen, die damals ihre Häuser verloren, wurden in neuen von der Regierung gebauten Wohntürmen an der Küste untergebracht.
Das Erdbeben traf Reiche wie Arme gleich. Sozialwohnungen stürzten ebenso ein wie schicke Hotels oder solide gebaute Hochhäuser.
Die Region La Guaira ist mit Hafen und Flughafen nicht nur ein rühriger Umschlagsplatz für Waren, sondern mit ihren vielen Stränden auch beliebter Ausflugs- und Ferienort. 10 Tage nach dem Erdbeben erinnert nur noch ein stehengebliebenes Riesenrad an den ehemaligen Vergnügungspark. Im Umkreis von vier hohen Getreidesilos riecht es nach süßlicher Verwesung. Auf dem Gelände warten die Leichen, die aus den Trümmern gezogen wurden, auf jemanden, der sie identifiziert. 3.342 Tote hat die Regierung inzwischen bestätigt, vermisst werden noch Tausende, wenn nicht Zehntausende.
Man hat Venezuela ob seiner Dauerkrise mit Hyperinflation, Lebensmittelknappheit und anschließender Massenemigration oft mit einem Land im Kriegszustand verglichen, ohne dass ein Krieg stattgefunden habe. Seit dem 24. Juni sieht Venezuela, zumindest in La Guaira, tatsächlich wie ein Kriegsgebiet aus – eine Trümmerlandschaft und darin herumirrende Menschen.
Menschen im Schock
Die Hochhäuser entlang der Küstenstraße sind in sich zusammengefallen. Einige schienen sehr gut gebaut zu sein. Aber das Zwillingsbeben hat den sandigen Untergrund einfach durchgerührt. Wer im Erdgeschoss oder in den unteren Stockwerken wohnte, hatte kaum eine Chance, zu entkommen. Nach 10 Tagen besteht kaum noch Aussicht, jemanden lebendig zu finden. Die meisten spezialisierten Rettungsteams aus aller Welt haben sich zurückgezogen. Nur Angehörige suchen in den Trümmern immer noch nach ihren Lieben. Sie wissen, dass sie sie höchstwahrscheinlich nur tot auffinden werden.
Eine junge Frau sucht im Hochhaus „Mar de Leva“ nach ihrem Vater und ihrem Bruder. Seit 10 Tagen schlafen ihre Leute und sie auf einer Matratze an der Eingangstür, die erstaunlicherweise stehen geblieben ist. Gebettelt haben sie um Maschinen und Geräte. Geld gesammelt und selbst welche gekauft. Dann kamen Soldaten und haben die Geräte beschlagnahmt, sie würden an anderer Stelle gebraucht. Helen Guedez erzählt all das zum x-ten Male, ihre Mutter kommt hinzu. Bricht nach drei Sätzen in Tränen aus. Am Samstag wurde die Großmutter geborgen. Tot. Und der Hund. Der hat überlebt. Helen tröstet ihre Mutter. Sie selbst spricht ruhig und gefasst, mit steinernem Gesicht, koordiniert mit dem Baggerführer und seinem Team, die die Trümmer vorsichtig freilegen.
Hilfsorganisationen haben Feldspitäler aufgebaut, verteilen Lebensmittel und koordinieren Zeltstädte für die Wohnungslosen. Über der Unglücksstelle schweben die weißen Hubschrauber des Hilfskontingents, das Donald Trump geschickt hat. Anders als Hugo Chavez 1999 hat Präsidentin Delcy Rodriguez um ausländische Hilfe gebeten.
Doch zu spät. Allenthalben ist zu hören, dass der venezolanische Staat nicht rechtzeitig vor Ort gewesen sei. Dass die ersten Tage nur Nachbarn, Freunde, Familien geholfen hätten, mit bloßen Händen nach Verschütteten gegraben. Dass die Leute von Caracas in Scharen ihre Motorräder mit Wasser, Lebensmitteln und Schaufeln beladen hätten und nach La Guaira gefahren seien. Ganz Venezuela hat Hilfe geleistet, nur nicht diejenigen, die das eigentlich tun sollten.
Die Soldaten, meist blutjung und spindeldürr, die im Erdbebengebiet herumstehen, beteiligen sich nicht an den Aufräumarbeiten. „1999 war das Militär noch für Katastropheneinsätze ausgebildet, heute sind unsere Soldaten nur noch dazu ausgebildet, die Opposition niederzuhalten, und stehen bei Hilfseinsätzen nur herum“, beschreibt es der Journalist Leon Hernandez.
Eine Regierung von Gnaden Donald Trumps
Ob dem physischen Erdbeben auch ein politisches Erdbeben folgen wird, hängt davon ab, wie lange die US-Regierung Delcy Rodriguez im Amt lassen wird. Nachdem US-Streitkräfte am 3. Januar gewaltsam Nicolás Maduro und seine Frau aus dem Schlafzimmer im Präsidentenpalast entführt haben, regiert Delcy Rodriguez von Gnaden der USA.
Bisher hat die US-Regierung die Rückkehr der Oppositionspolitikerin und Friedensnobelpreisträgerin Maria Corina Machado nach Venezuela nicht unterstützt. Doch die Venezolaner sind immer unzufriedener mit Delcy Rodriguez. In einer Umfrage, die die brasilianische Atlas Intel kurz nach dem Erdbeben durchführte, äußerten 45,7 Prozent der Befragten, dass ein politischer Wechsel jetzt sogar wichtiger sei als vor dem Erdbeben.
Ronaldo Silva und Albany Melchor haben sich erst mal gefreut, dass Nicolas Maduro nicht mehr im Amt ist. Sie haben neue Hoffnung geschöpft, dass sie nicht das Land verlassen müssen, um ein Leben aufzubauen, wie es die meisten ihrer Kommilitonen bereits getan haben. „Doch nun merken wir: das haben die USA nicht wegen uns gemacht“, so Albany.
Auch wenn es nun mehr Meinungsfreiheit gibt und einige politische Gefangene freigelassen wurden, so kommt die Wirtschaft nicht vom Fleck. Die Löhne sind sehr niedrig, die Preise sehr hoch. Ronaldo Silva, der junge Architekt, kann sich mit dem Lohn als Dozent für Architektur an der Universität gerade mal einen Kaffee kaufen. Er kann sich dies nur leisten, weil er einen besser bezahlten Job als Architekt bei einer internationalen Firma hat.
Keine Zahlen, nur erratische Angaben von Donald Trump
Seit 2016 hat der venezolanische Staat keine oder unvollständige Zahlen veröffentlicht zu Haushalt, Bruttoinlandsprodukt, Inflation oder Erdölförderung, sagt Ökonom Ronald Balza. Auch nach dem gewaltsamen Regierungswechsel bleiben die Zahlen unvollständig. Erdölverkäufe dirigieren nun die USA, die Venezolaner wissen weder, wieviel Erdöl verkauft wird, noch zu welchem Preis, noch wieviel davon nach Venezuela zurückfließt. Ökonomen müssen sich an erratischen Äußerungen Trumps festhalten, dass die Erdöleinnahmen bereits 28mal die Kosten für die Militäraktion hereingeholt hätten.
Am Samstagnachmittag bringen Ronaldo Silva und Albany Medikamente und Hygieneartikel in die Altstadt von Caracas. Viele Hochhäuser sind dort unbewohnbar geworden durch das Erdbeben. Die Bewohner kampieren in Zelten vor ihren Sozialwohnungen, von denen ganze Mauern und Decken herausgebrochen sind. Nachbarn beliefern sie mit Essen. Das Haus sei bewohnbar, sie sollten zurückgehen, sagen die Behörden. Doch die Bewohner misstrauen dem Staat zutiefst. Ronald Silva inspiziert das Gebäude und gibt den Bewohnern recht. Er macht ein Video, um andere davor zu warnen, leichtfertig in die Häuser zurückzugehen.
Gerade jetzt bräuchte Venezuela fähige und engagierte junge Architekten und Ingenieure für den Wiederaufbau. Albany würde gerne für den öffentlichen Wohnungsbau arbeiten, „in einem gut geführten Ministerium“.
Ronaldo hat momentan einen guten Job, der ihn hier hält. „Aber ich bin einer aus meiner ganzen Klasse, der dieses Glück hat“. Um seine Zukunft auf Venezuela zu setzen, wünscht er sich ein Land, das ihm wirtschaftliche Stabilität und einen Rechtsstaat garantiert. Daran hat das Erdbeben nichts geändert. „Es hat mir nur bestätigt, dass Venezuela sehr verletzlich ist“.







