
rtr/dpa | Die europäischen Staats- und Regierungschefs der Nato wollen US-Präsident Donald Trump am Mittwoch bei einem Gipfeltreffen in Ankara von einem Verbleib im Militärbündnis überzeugen. Nach der Kritik von Trump an den Verteidigungsausgaben der europäischen Nato-Verbündeten hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erneut auf die deutliche Steigerung seit dem letzten Gipfel in Den Haag verwiesen. „Wir haben geliefert“, sagte er vor der Arbeitssitzung beim Gipfeltreffen in Ankara. Die meisten europäischen Staaten hätten ihre Anstrengungen im Verteidigungsbereich erheblich verbessert.
Das Treffen in der türkischen Hauptstadt wird von neuen Spannungen überschattet, nachdem Trump den Streit über den Iran-Krieg sowie den Streit um Grönland wieder angefacht und neue Luftangriffe auf den Iran angeordnet hat. Zudem steht der Umgang der Allianz mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine auf der Tagesordnung.
Trump teilte bei seiner Ankunft in Ankara am Dienstag Seitenhiebe gegen die Verbündeten aus. Er warf ihnen abermals vor, die USA im Iran-Krieg nicht zu unterstützen. Er erklärte, ohne seine Freundschaft mit dem gastgebenden türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hätte er das Treffen womöglich boykottiert.
Die USA hatten am Dienstag als Reaktion auf Angriffe auf drei Tanker neue Militärschläge gegen den Iran gestartet und eine Ausnahmegenehmigung entzogen, die dem Iran den Verkauf von Öl erlaubte. Dies gefährdet das ohnehin brüchige Waffenstillstandsabkommen in einem Krieg, der in Europa auf breite Ablehnung stößt.
Rutte hält US-amerikanische Angriffe auf Iran für notwendig
Nato-Generalsekretär Mark Rutte verteidigte die neuen US-Angriffe vor dem Gipfel als „absolut notwendig“. Wenn eine Waffenruhe bestehe und der Iran diese im Grunde verletze, halte er es für entscheidend, dass die USA entschlossen reagierten, sagte Rutte vor Journalisten. Er spielte Trumps Klagen über die Verbündeten als „Einzelfälle“ herunter. Die Nato-Staaten hatten am Dienstag versucht zu demonstrieren, dass sie Trumps Forderungen nach höheren eigenen Verteidigungsausgaben nachkommen, indem sie Rüstungsgeschäfte im Wert von mindestens 50 Milliarden Dollar ankündigten.
Trump zeigte sich dennoch unzufrieden. Er sei „sehr enttäuscht“ von der Allianz. Die USA seien während des US-israelischen Krieges gegen den Iran nicht gut behandelt worden, sagte er bei einem gemeinsamen Auftritt mit Erdogan. Warum gebe man Hunderte Milliarden Dollar aus, wenn die Partner im Ernstfall nicht für die USA da seien, fragte Trump. Er warf den europäischen Staaten vor, den US-Streitkräften während des Konflikts die Nutzung ihres Luftraums und ihrer Stützpunkte verweigert zu haben.
Zudem kritisierte der US-Präsident die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die früher als seine enge Verbündete galt. Die Beziehung sei „etwas abgekühlt, weil sie sich weigerte, uns zu helfen“, sagte Trump, nannte Meloni jedoch gleichzeitig eine „nette Person“.
Europäische Regierungsvertreter betonten, sie hätten ihre Verpflichtungen weitgehend erfüllt, obwohl sie vor dem wirtschaftlich folgenschweren Konflikt nicht konsultiert worden seien.
Trump erneuerte Grönland-Anspruch
Trumps erneute Forderung, dass die zu Dänemark gehörende autonome Region Grönland unter US-Kontrolle gestellt werden sollte, sorgte für zusätzliche Verstimmung. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sagte in Ankara, Grönland stehe nicht zum Verkauf. Die Nato sei gegründet worden, damit im Ernstfall alle füreinander einständen. „Wir sind bereit, jeden Zentimeter des Nato-Gebiets zu verteidigen, einschließlich unseres eigenen Territoriums.“ Natürlich werde man das Königreich Dänemark verteidigen.
Die 32 Nato-Staats- und Regierungschefs kommen am Mittwoch zur Hauptsitzung zusammen, nachdem sie sich am Dienstagabend zu einem gemeinsamen Abendessen getroffen hatten. Die Botschafter der Mitgliedstaaten haben eine Gipfel-Erklärung ausgearbeitet, die eine „unerschütterliche Verpflichtung“ zur kollektiven Verteidigung vorsieht. Diese wird jedoch erst veröffentlicht, wenn die Staats- und Regierungschefs sie gebilligt haben.
Die US-Regierung unter Trump drängt die Europäer seit längerem dazu, mehr Verantwortung für die konventionelle Verteidigung zu übernehmen, da Washington seinen militärischen Fokus auf den Indopazifik richten will. Auch deshalb haben die USA den Abzug von Truppen aus Europa angekündigt. Zudem reduzierten sie die dem Bündnis für Verteidigungspläne zugewiesenen Militärkapazitäten – darunter ein Flugzeugträger, Tankflugzeuge, Kampfjets und Drohnen – und leiteten eine sechsmonatige Überprüfung ihrer Militärpräsenz auf dem Kontinent ein. Europäische Diplomaten hoffen nun, dass Trumps gute Beziehungen zu Erdogan und Rutte dazu beitragen können, die Spannungen beim Gipfel abzubauen.







