
Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen den Mann übernommen, der als Alleintäter hinter der Anschlagsserie auf das deutsche Stromnetz stecken soll. Gegen den „deutschen Staatsangehörigen Daniel V.“ bestehe „der Verdacht der versuchten und vollendeten verfassungsfeindlichen Sabotage sowie der versuchten und vollendeten Störung öffentlicher Betriebe“, teilte eine Sprecherin von Generalbundesanwalt Jens Rommel am Donnerstagabend mit. Auf das erste Delikt stehen bis zu fünf Jahre Haft, auf das zweite bis zu zehn Jahre.
Der 48 Jahre alte Verdächtige saß nach seiner Festnahme am Dienstag zunächst in Untersuchungshaft in Aachen. Nun soll er dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe vorgeführt werden. Wann das geschieht, sei aber „noch unklar“, sagte Ines Peterson, Oberstaatsanwältin beim Bundesgerichtshof, der taz am Freitagvormittag.
In Bekennerschreiben hatte Daniel V. zuvor die Verantwortung für Attacken auf ein Umspannwerk nahe des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde in Südbrandenburg übernommen. Das erste, mit einem Poststempel aus Nordrhein-Westfalen versehene Schreiben ging bei der taz ein. Danach erreichten ähnliche Briefe auch die Polizei und andere Redaktionen. „Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ist ein Verbrechen, das unsägliches Leid nach sich zieht“, heißt es darin.
Die Schreiben beschrieben außerdem detailliert selbstgebaute Abschussvorrichtungen aus Rohren, Stäben, Silvesterraketen und Zeitschaltern. Damit sollten dünne Drahtseile auf Hochspannungsleitungen geschossen werden. Über die so entstehende Verbindung zur Erde sollten Kurzschlüsse ausgelöst werden. Gelungen sein soll das laut Bundesanwaltschaft „im Bereich der Umspannwerke Turnow-Preilack (Brandenburg) und Bergheim-Rheidt (Nordrhein-Westfalen)“. An den Braunkohlestandorten Jänschwalde in Brandenburg sowie Niederaußem und Neurath in Nordrhein-Westfalen wurden daraufhin mehrere Kraftwerksblöcke heruntergefahren. Zu größeren Stromausfällen kam es aber nicht.
Bodycams zeigen die Festnahme
Völlig unklar bleibt, warum Daniel V. in den Briefen an die taz und die Polizei seinen vollen Namen und seine Meldeadresse genannt hat. Für Bekennerschreiben ist das sehr ungewöhnlich. Ausgelöst wurde dadurch eine tagelange Großfahndung, an der rund 1.700 Polizist:innen beteiligt waren und bei der auch der Hambacher Wald nahe des riesigen rheinischen Braunkohletagebaus Hambach durchkämmt wurde. Allerdings blieb die Suche in dem Wald, wo noch immer Aktivisten mit Dauermahnwachen gegen die Umweltzerstörung durch den Braunkohleabbau protestieren, zunächst erfolglos.
Festgenommen wurde Daniel V. am Dienstagmorgen eher zufällig. Zwei Autobahnpolizisten fiel platt getretenes Gras auf, das bei Weisweiler im rheinischen Braunkohlerevier westlich von Köln von einem Feldweg 200 Meter in ein Gebüsch führte, erklärte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) vor dem Innenausschuss des Landtags. Die Polizisten waren eigentlich gar nicht an der Fahndung nach dem Mann beteiligt, „haben aber genau den richtigen Spürsinn gezeigt“, lobte Reul.
Daniel V. habe sich in dem Gebüsch in einem von Polizeihubschraubern nicht sichtbaren, gut getarnten Zelt versteckt, so der Innenminister. Ein von der Polizei mittlerweile veröffentlichtes, mit den Bodycams der Polizisten aufgenommenes Video zeigt, wie die Beamten mit gezogener Pistole auf Daniel V. zugehen. Dieser ließ sich daraufhin offenbar widerstandslos festnehmen. Was die Polizisten dem Verdächtigen dabei zuriefen und wie Daniel V. reagierte, ist allerdings nicht zu hören – das veröffentlichte Video hat keine Tonspur, zu sehen sind nur Bilder.
Die Ermittlungsbehörden gehen bisher offenbar davon aus, dass Daniel V. allein für die Anschlagsserie verantwortlich ist. CSU-Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach von mutmaßlichem „Klimaterrorismus“ eines Einzeltäters. „Wir haben nicht nur den mutmaßlichen Täter der Anschläge gefasst, sondern damit womöglich immer weitere Anschläge verhindert“, erklärte auch NRW-Innenminister Reul vor dem Innenausschuss des Düsseldorfer Landtags.
Notizbuch in Wohnmobil gefunden
Schließlich sei im Wohnmobil von Daniel V., einem in der Nähe des Hambacher Walds gefundenen alten Mercedes, ein Notizbuch mit handschriftlichen Angaben zu mehr als 160 bisherigen und möglichen weiteren Sabotagezielen entdeckt worden. Außerdem seien nach Hinweisen des Verdächtigten allein in NRW mehr als 40 Abschussvorrichtungen für Raketen gefunden worden.
„Der war immer noch unterwegs und wollte weitermachen. Dieses Spiel ist heute beendet worden“, sagte Reul am Tag der Festnahme. „Im Moment spricht alles dafür, dass es ein Einzeltäter und alles aus seiner Hand war.“ Auffällig bleibt aber, dass die Anschlagsserie auf das Stromnetz genau in der Woche begann, in der die Bundesregierung Russland für die Drohnenangriffe auf den Leipziger Flughafen Anfang August verantwortlich gemacht hat. Russland und die Bundesrepublik überziehen sich seitdem mit Sanktionen: So werden etwa das russische Generalkonsulat in Bonn und das „Russische Haus“ in Berlin geschlossen.
Allerdings beschreibt sich der Verfasser in dem Daniel V. zugerechneten Bekennerschreiben an die taz selbst als Einzeltäter: Er habe allein gehandelt, heißt es darin – „ohne jemals jemandem davon erzählt zu haben“. Er schreibe dies, weil er befürchte, dass die Taten sonst der „linken Szene“ zugeschrieben würden. „Die ham da nix mit zu tun.“
Auch die mehr als 80 Jahre alte Mutter des Verdächtigten, mit der die taz nach Eingang des Bekennerschreibens an ihrem Wohnort Gevelsberg am Rand des südlichen Ruhrgebiets ausführlich persönlich sprechen konnte, traut ihrem Sohn die Taten offenbar zu: Daniel V., der über ein abgeschlossenes Medizinstudium verfügt, dann aber als Gitarrenbauer arbeitete und zuletzt arbeitslos war, sei sehr talentiert und technisch interessiert, sagte sie – und verfüge gerade in Umweltfragen über ein großes Gerechtigkeitsempfinden.







