Zivilgesellschaft in Ost und West: Engagiert, aber nicht unverwundbar

Über die Belastungen ländlichen Engagements, Selbstfürsorge und unterschiedliche Erfahrungen in Ost- und Westdeutschland sprechen Ulrike Hähnlein und Felicitas Gerull, die Vorstandsvorsitzenden des Denkwerks Ost e. V., in der neuen Folge von „Mauerecho – Ost trifft West“. Die Moderation übernimmt Dennis Chiponda. Das Gespräch war Teil der Überland Festivals 2026 in Görlitz.

Wie weit die Belastung gehen kann, zeigt der Rücktritt Dirk Neubauers. Der Gründer des Denkwerks Ost kündigte 2024 seinen Rücktritt als Landrat des Landkreises Mittelsachsen an. Zuvor habe sich eine „diffuse Bedrohungslage aus der rechten Ecke“ bis in sein privates Umfeld ausgeweitet, berichtete Neubauer dem vorwärts.Anfeindungen sind jedoch nur eine mögliche Belastung. Hinzu kommen Zeitdruck, hohe Erwartungen und das Gefühl, immer mehr Verantwortung übernehmen zu müssen. Wer sich langfristig engagiere, brauche deshalb nicht nur Resilienz und Durchhaltevermögen, sagt Gerull. Ebenso wichtig sei es, die eigenen Grenzen zu erkennen und Unterstützung anzunehmen.

„Wenn jemand gerade durchhängt und sagt: ‚Ich kann nicht mehr‘, dann gibt es auch immer jemanden, der die Kraft hat, weiterzumachen“, sagt Gerull. Entscheidend sei, sich zu vernetzen und Verantwortung zu teilen. Engagement könne belasten, aber auch Kraft geben.

Wie wichtig sinnvolle und passende Aufgaben sind, zeigt der 2026 veröffentlichte Abschlussbericht „Sinn im Ehrenamt“ der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Für die Untersuchung wurden zunächst 143 Menschen beim Beginn eines neuen Engagements befragt, 104 von ihnen erneut nach drei Monaten. Danach berichteten die Engagierten im Durchschnitt von einer höheren Sinnerfüllung. Zugleich zeigte sich: Stimmen persönliche Interessen, Motive und Vorstellungen von Sinn mit der Aufgabe und der Organisation überein, sind Engagierte zufriedener. Auch Mitbestimmung kann dazu beitragen, dass eine Tätigkeit als sinnvoll erlebt wird.

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27 Millionen Menschen freiwillig engagiert

Fehlt diese Passung, kann das Engagement dagegen psychisch belasten. Vereine und Initiativen sollten deshalb nicht nur fragen, welche Aufgaben erledigt werden müssen. Sie sollten auch klären, was Engagierte motiviert, welche Fähigkeiten sie mitbringen und wie viel Verantwortung sie übernehmen können. Eine Burn-out-Quote liefert die Studie allerdings nicht.

Wie viele Menschen diese Fragen betreffen, zeigt der Deutsche Freiwilligensurvey 2024: Rund 27 Millionen Menschen ab 14 Jahren engagieren sich in Deutschland freiwillig. In ländlichen Räumen liegt ihr Anteil mit 38,4 Prozent etwas höher als in Städten mit 35,8 Prozent. Im Westen beträgt die Engagementquote 37,3 Prozent, im Osten einschließlich Berlin 34 Prozent.

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Während sich freie zivilgesellschaftliche Organisationen in Westdeutschland über Jahrzehnte entwickeln konnten, war unabhängiges gesellschaftspolitisches Engagement in der DDR stark eingeschränkt

Die unterschiedlichen historischen Voraussetzungen wirken dennoch nach. Während sich freie zivilgesellschaftliche Organisationen in Westdeutschland über Jahrzehnte entwickeln konnten, war unabhängiges gesellschaftspolitisches Engagement in der DDR stark eingeschränkt, erläutert die Bundeszentrale für politische Bildung.Diese Geschichte prägt Hähnleins Biografie: „Bei uns in der DDR hieß Ehrenamt: die Jungen Pioniere und die FDJ. Ehrenamt hat für mich erst ab 1990 begonnen.“

Gerull stammt dagegen aus der Lüneburger Heide und wurde schon früh gesellschaftlich aktiv. Trotz ihrer unterschiedlichen Erfahrungen sind sich beide einig: Engagement braucht nicht nur Überzeugung, sondern auch Strukturen, die Verantwortung verteilen und Pausen ermöglichen.

„Mauerecho – Ost trifft West“ ist ein Podcast der taz panterstiftung. Er erscheint derzeit jede Woche auf taz.de/mauerecho sowie überall, wo es Podcasts gibt. Besonderer Dank gilt unserem Sounddesigner Sebastian Jautschus und unserem Praktikanten Kilian Hamidi.

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