Baumsterben in Städten: Klimawandel bedroht Deutschlands Stadtbäume

Im Kreuzberger Besselpark, direkt vor den Fenstern der taz-Redaktion, werden gerade Rotblühende Rosskastanien gefällt. Die Exemplare müssen weichen, weil sie von einem Bakterium befallen sind, das Stämme und Kronen schädigt. Laut einer Ankündigung des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg sollten bis zu 25 Bäume fallen, die taz hat allerdings 29 frische Fällungen gezählt.

„Sehr schade“ findet das eine Besucherin des Parks. Im Sommer verbringe sie jede Mittagspause hier, es sei ein „Zufluchtsort“. Im Besselpark findet auch regelmäßig das tazlab statt, für das es nun erst einmal weniger Schatten geben wird. Aber natürlich geht es um mehr: In deutschen Städten wurden in den letzten sieben Jahren laut diesjährigem Hitzecheck der Deutschen Umwelthilfe (DUH) 900.000 Bäume gefällt.

„Wenn sich dieser Trend fortsetzt, leben wir in wenigen Jahren in menschenfeindlichen Betonwüsten“, sagt Barbara Metz, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe, über den Baumschwund. Nur sieben Städte erreichen den kritischen Wert von 30 Prozent baumbeschatteter Fläche. Ulf Stein, Professor für Landschaftsplanung und Regionalentwicklung an der Hochschule Eberswalde, betont gegenüber der taz die Wichtigkeit von Stadtbäumen. Durch sie gebe es Schatten, Verdunstungseffekte und Lebensraum für Tiere. All das sei „bioklimatisch von unendlichem Wert“.

Trockenheit, Extremwetter, Abgase

In Städten leiden Bäume laut Naturschutzbund (Nabu) unter wenig Platz, Extremwetter und Abgasen. Zusätzlich gerieten Bäume durch den Klimawandel zunehmend unter Trockenstress, so Ulf Stein. Ein Problem sei auch, dass in den letzten Jahrzehnten auf relativ wenig Arten gesetzt wurde. Die immergleichen Sorten von Kastanien, Platanen und Ahorn stünden an den Straßen und in den Parks. Doch gerade sie seien nicht auf die zunehmende Trockenheit eingestellt und büßten nun an Vitalität ein. Schädlinge und Krankheiten hätten ein leichtes Spiel – treffe es einen Baum, treffe es meist auch die anderen.

Auch im Besselpark hat es die meisten getroffen: 70 Prozent der rund 100 Kastanien seien bereits von dem Bakterium Pseudomonas syringae pv. aesculi befallen, eine weitere Verbreitung sei zu erwarten, teilt das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg mit. „Eine Bekämpfung des Erregers ist nach aktuellem wissenschaftlichen Stand nicht möglich“, heißt es weiter. Die Fällung der 25 am stärksten betroffenen Exemplare erfolgte trotz Vogelschutzperiode – Grund ist laut Bezirksamt das Verkehrsrisiko durch Ast- und Stammbrüche. Ein enger Austausch mit dem Umwelt- und Naturschutzamt habe stattgefunden.

Grüne wünschen sich mehr Ambition

Wenn die alten Bäume schwinden, braucht es Ersatz. Die Europäische Union hat sich vorgenommen, bis 2030 drei Milliarden Bäume zu pflanzen. Deutschland will sich mit 16 Millionen Bäumen an dem Ziel beteiligen – etwa 0,5 Prozent. „Das ist beschämend wenig“, kritisiert Julia Schneider, Berliner Grünen-Abgeordnete im Bundestag. Einige Bundesländer hätten laut dem Entwurf für den „Nationalen Wiederherstellungsplan“ gar keine neuen Bäume vorgesehen.

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Durch die Verschuldung in den Kommunen fällt das Stadtgrün hintenüber.

Julia Schneider, MdB Bündnis 90/DIE GRÜNEN

„Durch die Verschuldung in den Kommunen fällt das Stadtgrün hintenüber“, sagte Schneider der taz. Der Bund und die Länder sollten daher die Gemeinden mit Mitteln beispielsweise aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität unterstützen. Positiv sieht sie, dass sich die Bundesregierung auf eine Anfrage ihrer Fraktion hin bereiterklärt hat, den Baumbestand bundesweit zu dokumentieren. Eine transparente Beobachtung sei „Grundlage für besseren Schutz von Bestandsbäumen und gezielte Neupflanzungen“, so Schneider.

Die Zukunft braucht „Klimabäume“

Neupflanzungen werde es im Besselpark aus personellen und finanziellen Gründen vor Ende 2027 nicht geben, teilte das Bezirksamt der taz mit. Doch was gilt es zu beachten, wenn es so weit ist? „Es hilft nicht allein, neue Bäume zu pflanzen“, betont Ulf Stein. „Klimabäume“, also trockenresistente Straßenbäume, müssten es sein. Das sind heimische Bäume wie die Winterlinde oder mediterrane Arten wie die Zerreiche oder der Speierling.

Also bye-bye, Rosskastanie? Nicht unbedingt. „Wir müssen die alten Baumsorten nicht verbannen“, sagt Stein. An ausreichend feuchten Orten könnten Bäume wie die Rosskastanie weiterhin gut stehen. Konzepte, um es neuen und alten Bäumen in der Stadt leichter zu machen, gibt es auch – etwa durch unterirdische Regenwasserspeicher und weniger Versiegelung rund um die Bäume, damit sie Nährstoffe und Wasser gut aufnehmen können.

Der Besselpark dürfte in jedem Fall etwas diverser werden: „Für die gesamte Fläche ist ein Nachpflanzkonzept mit unterschiedlichen Baumarten vorgesehen“, teilte das Bezirksamt mit.

  • informationsspiegel

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