CDU-Aus in Mecklenburg-Vorpommern: Fassungslosigkeit nach dem Super-GAU

„Jaaa“, sagt er gedehnt. Der Moderator der Landespressekonferenz von Mecklenburg-Vorpommern wirkt ratlos. „Warum die CDU nicht gekommen ist? Wir wissen es nicht.“ Die für eine Stellungnahme zum Wahlergebnis am Montagnachmittag im Schweriner Schloss angekündigte Generalsekretärin der Landes-CDU, Katy Hoffmeister, ist auf Tauchstation gegangen.

Auch der Sprecher der Christ­de­mo­kra­t:in­nen hat auf taz-Nachfrage keine Idee, wo Hoffmeister abgeblieben sein könnte. Seine Erklärung: „Es war ja nicht unsere Veranstaltung, sondern eine Einladung. Manchmal folgt man Einladungen nicht.“

Es ist der Tag nach dem Super-GAU. Die CDU in Mecklenburg-Vorpommern ist raus, erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik aus einem Landtag geflogen. Die im Nordosten viele Jahre das Land prägende und mitregierende Partei ist hier jetzt APO, außerparlamentarische Opposition.

Schon auf der „Wahlparty“ genannten Trauerveranstaltung am Sonntagabend in einer Schweriner Tanzschule zeigt sich, dass manche im CDU-Landesverband vom Absturz ihrer Partei von den ohnehin dürftigen 13 Prozent vor fünf Jahren auf nun richtig katastrophale 4,9 Prozent offenkundig kalt erwischt worden sind. Andere sagen, sie hätten von Beginn an ein sehr ungutes Gefühl gehabt.

Merz’ Visite als Anfang vom Ende

Dirk Petersen gehört zu den frühen Skeptiker:innen. Der 66-Jährige war einst CDU-Kreisvorsitzender von Bad Doberan, nach wie vor engagiert er sich vor Ort als Mitgliederbeauftragter. Petersen war dabei, als Friedrich Merz am letzten Augusttag zur Unterstützung von CDU-Spitzenkandidat Daniel Peters eine äußerst kurze Visite im nahen Kühlungsborn machte. „Dieser Auftritt mit Merz – was sollte das denn? Das war doch nichts“, sagt Petersen zur taz.

Erst hielt sich der Kanzler für die Medien ewig in einem Fischrestaurant auf, und als er sich endlich herauswagte auf die Kühlungsborner Strandpromenade, wurde er ausgebuht. „So bitter das ist: Da wusste ich, das ist der Anfang vom Ende“, sagt Petersen am Tag nach der Wahl.

Auch die CDU-Kampagne mit ihren Fischbrötchen-Motiven habe nicht zu „diesem hochbrisanten Wahlkampf“ gepasst. Das Wahlprogramm sei nicht schlecht gewesen, findet der CDU-Mann. Aber mit ihren zentralen Forderungen – einem Baukindergeld oder einem Zuschuss zur Fahrerlaubnis für Jugendliche – wäre die CDU schlicht nicht durchgedrungen, so Petersen.

„Die Kampagne hat jetzt nicht wahnsinnig mobilisiert“, meint auch Jascha Dopp, der als CDU-Direktkandidat in Schwerin vollkommen chancenlos ausgerechnet gegen SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und AfD-Herausforderer Leif-Erik Holm angetreten ist. Dopp, zugleich CDU-Kreischef in der Landeshauptstadt, sagt rückblickend: „Eigentlich hat so gar nichts gepasst.“

Kehraus im Landtag

Die Fischbrötchen-Nummer habe ihn am Anfang noch überzeugt. Hier links, da rechts, die CDU wie der Fisch in der Mitte, sagt Jascha Dopp zur taz: Das komme „vielleicht als Aufhänger peppig daher und bringt mir erst mal Aufmerksamkeit. Doch dann muss hinterher schon noch mehr kommen.“ Und das war nicht der Fall.

Weder Petersen noch Dopp wollen das Ergebnis ausschließlich auf die Bundes-CDU schieben. „Klar“, sagt Dopp, „von der Bundesebene kam kein Rückenwind“. Aber das erkläre nicht alles. „Auf der Landesebene kam hinzu, dass diese Polarisierung zwischen Rot-Rot und AfD wirklich krasse Auswirkungen hatte, und zwar für alle kleinen Parteien.“

CDU-Urgestein Dirk Petersen nimmt auch das Auftreten des Landesverbands nicht von seiner Kritik aus. „Nach den 13 Prozent vor fünf Jahren kam in den Umfragen noch mal ein kleines Zwischenhoch, da haben die sich schon wieder drauf ausgeruht. Oder haben Sie die CDU real seither groß wahrgenommen?“, fragt er rhetorisch.

Für die Abgeordneten und Mit­ar­bei­te­r:in­nen der Partei, die im Landtagsgebäude von Mecklenburg-Vorpommern, so Petersen, bislang „die schönsten Räume“ belegten, ist in den kommenden Tagen Kehraus angesagt. „Schon Wahnsinn. Das ist jetzt alles vorbei.“

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Ausstellung über jüdische Kunstsammler: Rekonstruktion eines Mosaiks
    • September 21, 2026

    Das Bucerius Kunst Forum Hamburg hat vom NS-Staat geraubte Kunst jüdischer Familien rekonstruiert. Es versammelt sie zu einer historisch klugen Schau. mehr…

    Weiterlesen
    Tricks beim Tischtennis: Auf der Suche nach dem nassen Ballabdruck
    • September 21, 2026

    Sommer ist over, Klimaanlagen können warten, die Tischtennissaison geht wieder los! Und bald folgt in Ljubljana ein Höhepunkt. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Ausstellung über jüdische Kunstsammler: Rekonstruktion eines Mosaiks

    • 6 views
    Ausstellung über jüdische Kunstsammler: Rekonstruktion eines Mosaiks

    Tricks beim Tischtennis: Auf der Suche nach dem nassen Ballabdruck

    • 6 views
    Tricks beim Tischtennis: Auf der Suche nach dem nassen Ballabdruck

    Neuseelands Vogel des Jahres: Winzig, niedlich und sehr rund

    • 5 views
    Neuseelands Vogel des Jahres: Winzig, niedlich und sehr rund

    Privatbibliothek von Marlene Dietrich: Die lesende Legende

    • 5 views
    Privatbibliothek von Marlene Dietrich: Die lesende Legende

    Nachruf auf Verlegerin Antje Kunstmann: Sie traute Lesern viel zu

    • 5 views
    Nachruf auf Verlegerin Antje Kunstmann: Sie traute Lesern viel zu

    Justiz in Syrien: Auch in den eigenen Reihen gilt das Recht

    • 8 views
    Justiz in Syrien: Auch in den eigenen Reihen gilt das Recht