China ist hypermodern und autoritär: Eigentlich ganz schön hier

D ie Zukunft liegt etwa 13 Flugstunden entfernt. Das ist weiter als sonst, die Kriege schreiben eine neue Route vor, die sich auf dem kleinen Bildschirm am Vordersitz nachverfolgen lässt. Der Weg in die Zukunft führt derzeit nicht über Russland, er macht einen zarten Bogen um die Ukraine, wobei der Flügel des relativ zu groß geratenen Flugzeugs auf der Karte fast Odessa streift. Dann geht es nördlich vorbei am Libanon, an Israel und Gaza, an Iran. Zwischendurch wählen Sie zwischen Nudeln und Reis.

Wer die Zukunft betreten will, muss nach der Landung bloß noch ein bisschen Schlange stehen, ein paar QR-Codes scannen, Fingerabdrücke abgeben und mehrfach den Reisepass einlesen lassen. Ein Visum brauchen Sie für einen Aufenthalt von bis zu 30 Tagen derzeit nicht, die Grenzpolizistin schaut auf Ihr Passfoto, in Ihr Gesicht und fordert Sie dann auf, sich der Kamera zuzuwenden. Die Kamera sagt „thank you“. Dann sind Sie endlich da.

Sie brauchen kein Geld abzuheben. Sie können sich auf öffentliche Verkehrsmittel verlassen. Sie können ohne vorauseilende Schweißausbrüche eine Zugreise antreten, und sollte Ihnen das Angebot im Bordbistro missfallen, können Sie sich an der nächsten Haltestelle von Ihrem Lieblingsrestaurant beliefern lassen. Sie können auf einem Dorfparkplatz ihr Elektroauto laden, Bett­le­r*in­nen via QR-Code eine Spende überweisen und sich an jeder Ecke eine Powerbank mieten. Sie können zusehen, wie am Montag eine Straße aufgerissen wird und am Freitag alles fertig ist. Sie können mit dem Taxifahrer über Trump lästern und sich von jeder dritten Toilette fein säuberlich den Po abspülen lassen. Sie können sehr gut essen, sehr gut shoppen, sehr guten Kaffee trinken. Sie können sehr gut leben in China – auch ohne Demokratie.

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wochentaz

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Neben Donald Trump wirkt Xi Jinping vernünftig

Das ist eine bittere Erkenntnis, aber sie ist wichtig. Entgegen der noch überraschend verbreiteten Vorstellung, in der Volksrepublik gehe es zu wie in Nordkorea, hat China in den letzten Jahren einen bemerkenswert modernen autoritären Staat errichtet. Modern meint dabei nicht mehr ausschließlich einen durchdigitalisierten, hyperkapitalistischen Überwachungsstaat, sondern eben auch einen zunehmend grünen, nachhaltigen und für viele durchaus lebenswerten.

Dieser Imagegewinn fällt besonders im Machtkampf mit den USA ins Gewicht. Neben Donald Trump, dem wir fast täglich dabei zusehen müssen, wie er sein Land verwüstet, wirkt Xi Jinping besonnen und vernünftig. Und während die beiden in Peking den Kaiserpalast besichtigen und über Sojabohnen, Rindfleisch und Taiwan verhandeln, wird man das Gefühl nicht los, dass die fetteren Deals sowieso von den mitreisenden Elon Musk und Tim Cook geschlossen werden.

„Chinamaxxing“ steht für mehr als einen Trend

Streift man in der ehemaligen französischen Konzession von Shanghai durch hippe Cafés, Tapasbars und Boutiquen, ist diese Weltpolitik ganz fern. Hier sitzen Locals neben Touristen, chinesische Paare machen Hochzeitsfotos, Influencer ihre Selfies. Die Sonne fällt durch die Platanen, ein alter Mann fegt mit einem Reisigbesen die Blätter vom Gehweg. Hübsch, instagrammable.

Hier ist China in, Diktatur hin oder her. Der Spätkapitalismus lädt dazu ein, das Politische auszublenden. Made in China ist längst kein Schimpfwort mehr, weltweit stürzen sich junge Menschen auf Labubus und bestellen ihre Klamotten bei Taobao. In ungezählten Videos erklärt die Gen Z seit einem Jahr, sie befinde sich in einer „very chinese time of my life“. Da wird morgens als Erstes heißes Wasser getrunken, ein Ma-Jongg-Klub gegründet, werden Qigongübungen ins Work-out integriert und Klamotten gekauft, die von traditionellen chinesischen Kleidungsstücken inspiriert sind.

Dieses „Chinamaxxing“ steht für mehr als einen kurzweiligen Trend, auch wenn er oft oberflächlich bleibt. Nach einem Jahrhundert der westlichen Abwertung und Ignoranz beginnt China zu glitzern, ohne selbst viel Propaganda machen zu müssen. Die Werbung übernehmen die Konsument*innen, für die der American Dream und der einst so freie Westen nichts mehr zu bieten haben.

In einer repräsentativen Umfrage der Stiftung Alliance of Democracies haben in diesem Jahr 46.700 Menschen in 85 Ländern das Ansehen von Staaten bewertet. Auf einer Skala von minus 100 bis plus 100 erreichten die USA nur noch einen Wert von minus 16 und wurden damit 5 Punkte schlechter bewertet als Russland. China landete bei plus 7 Punkten und wird in jeder Region der Welt inzwischen durchschnittlich positiver bewertet als die USA. „Never interrupt your enemy when he is making a mistake“, titelte der Economist im April. Ruhig bleiben und von Donald Trumps Fehlern profitieren scheint gut zu funktionieren. Und es zeigt auch: Wer Demokratie und Weltordnung so achtlos zerlegt wie der US-Präsident, macht sich unbeliebter als ein Regime, das ohnehin niemals demokratisch sein wollte.

Die Frage ist böse, aber notwendig

Während man sich also in Deutschland und vielen Teilen Europas gerade fragen muss, wie die liberale Demokratie noch zu retten ist, und in den USA tragischerweise infrage stellen kann, ob es sich überhaupt noch um eine handelt, hat es China leichter. Wer keine Demokratie hat, muss sie auch nicht pflegen. Und einfach mal durchregieren, ein bisschen mehr Autorität wagen – das kann auch für enttäuschte Linke verlockend klingen.

Wozu also noch an ihr festhalten? Die Frage ist böse, aber notwendig. Um sie zu beantworten, muss man die Worthülsen und den arroganten moralischen Reflex der westlichen Überlegenheit mit Inhalt füllen. Denn Demokratie ist nicht per se gut, nur weil sie Gegenspielerin der totalitären Herrschaft ist.

Ein gutes Leben ist eine Frage der Perspektive, auch in China. Wer protestiert und sich nicht einfach fügen will, den straft die Führung noch immer mit voller Härte. Aber auch für die anderen sah die Zukunft mal rosiger aus. Viele Ältere ächzen über das Vorhaben der Regierung, das Renteneintrittsalter anzuheben, und viele Jüngere wissen nicht, wo sie trotz guter Ausbildung einen Job finden sollen. Auch das Trauma der harten Restriktionen während der Coronapandemie ist nicht verschwunden.

Doch viele scheinen vor allem weitermachen zu wollen – bié shuō le, reden wir nicht darüber, winkt man ab. Denn wahr ist auch: Millionen Familien geht es heute besser als den Generationen vor ihnen. Viele sind in extremer Armut aufgewachsen, haben eine Hungersnot überlebt und sechs bis sieben Tage die Woche geschuftet. Jetzt können sie zum ersten Mal etwas an ihre Kinder oder sogar Enkel vererben. Sie haben Wohnungen mit fließendem Wasser, Strom und Klimaanlage, sie haben Waschmaschinen, Autos, fahren zum Erholungsurlaub in die Berge oder am Wochenende zum Grillen in den Park. Auch deshalb ist die Sehnsucht nach Demokratie bei den meisten Chi­ne­s*in­nen überschaubar. Beunruhigender ist es, wenn Bür­ge­r*in­nen demokratischer Staaten sie zunehmend für verzichtbar oder unnötig halten.

Die vermeintliche Trägheit der Demokratie schafft Zeit für Auseinandersetzung

Demokratie ist ein Versprechen. Nimmt man es ernst, bedeutet es, dass Freiheit, Gleichheit sowie die Teilung und gewaltfreie Umverteilung von Macht nicht verhandelbar sind. Es bedeutet, nicht zuerst im eigenen Interesse, sondern im Interesse aller zu regieren und dabei besonders die Schwächsten zu schützen. Es bedeutet Rechtsstaatlichkeit, Opposition und Meinungsfreiheit nicht als Hindernis, sondern als Bereicherung zu erkennen.

So ein ständiges Aushandeln heißt aber auch, dass Erneuerung und Wandel sich nicht einfach verordnen lassen. Für alles müssen Mehrheiten gesucht, Vorgehen abgestimmt, Prozesse durchlaufen werden. Das ist mühsam bis zermürbend. Aber die vermeintliche Trägheit schafft immer auch Zeit für Einwände und Auseinandersetzung. Diese Zeit, die uns hier oft lästig erscheint, wird im autoritären Staat – und auch von der radikallibertären Big-Tech-Elite – absichtlich vorenthalten.

Aus der Zukunft betrachtet, zwischen Chinas leuchtenden Skylines, Hochgeschwindigkeitszügen, Solarkraftwerken, Ladesäulen und Servicerobotern, wirkt das alles wahnsinnig piefig und ineffizient. In Deutschland haben wir die Elektromobilitätswende verpennt, Unis und Schulen sind marode, das Gesundheitssystem kaputtgespart. Das Internet ist langsam, Baustellen werden nie fertig, die Bahn fällt aus. Aber es gibt hier noch etwas, das funktioniert.

Sie können wählen, oder sie können es lassen. Sie können sich unabhängig informieren. Sie können Friedrich Merz doof finden, ohne dafür verschleppt, verprügelt oder umgebracht zu werden. Sie können vor Gericht ziehen, wenn Ihnen unrecht getan wird. Sie können sich auf in der Verfassung verankertes Recht berufen. Meistens. Noch. Unsere Demokratie ist angeschlagen, aber nicht erledigt.

Was macht eine fortschrittliche, demokratische Gesellschaft aus?

Damit das so bleibt oder gar besser wird, dürfen wir uns weder mit dem Status quo abfinden noch einer chinesischen oder US-amerikanischen Idee von Modernität hinterherhecheln. Besser wäre, wir entwickelten eine eigene, und zwar bald, weil in Deutschland mittlerweile 27 Prozent eine verfassungsfeindliche Partei wählen würden.

Anstatt den Tyrannen beim Feilschen zuzusehen, könnten wir uns mit uns selbst beschäftigen. Nicht im Sinne von Germany first, sondern im Sinne der Demokratie. Was macht eine fortschrittliche, demokratische Gesellschaft aus? Investiert sie in Bildung, erleichtert sie Zuwanderung, kommt auf dem Dorf alle 15 Minuten ein Bus? Reformiert sie die Erbschaftsteuer, versucht sie es mit der Viertagewoche, einem sozialen Pflichtjahr oder Bürgerräten?

Eine moderne Demokratie braucht jedenfalls deutlich mehr als 250.000 Soldat*innen, Hochtechnologiestandorte und einen Kanzler, der die Bevölkerung für faul hält. Sie muss nicht überall glitzern. Aber sie muss allen ein gutes Leben erlauben, damit sie den Menschen wertvoll genug bleibt, um für sie einzustehen.

  • informationsspiegel

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