Kyjiw nach russischem Großangriff: „Russland tötet uns an der Front und im Hinterland“

Vorsichtig legt Anna Nizhenska einen weißen Teddybären auf den Berg aus Spielzeug und Blumen im Innenhof eines Kyjiwer Wohngebietes. Hier, neben den Trümmern eines Neungeschossers, haben sich mehrere Dutzend Menschen versammelt. Sie weinen, umarmen sich und zünden Kerzen an. An diesem Freitag ist in der ukrainischen Hauptstadt ein Tag der Trauer. In der Nacht zum 14. Mai starben bei einem russischen Luftangriff 24 Menschen, darunter drei Kinder. Die meisten Opfer hatten hier, in dem Wohnblock im Kyjiwer Stadtteil Darnyzja gelebt.



Bild: privat

Julia Surkowa

berichtet seit über zehn Jahren für westliche Medien über die Ereignisse an der Front in der Ukraine und humanitäre Fragen im Kriegskontext. Sie ist spezialisiert auf Vor-Ort-Reportagen und Geschichten über Kinder, die unter den Folgen der Kampfhandlungen leiden.

Eine russische Rakete hat in der Nacht die dritte Etage getroffen. Einige Menschen starben sofort, andere später unter den Trümmern. Darunter waren auch drei Mädchen. Was haben sie verbrochen?“ – Die 24-jährige Anna beginnt zu weinen, als sie die Fotos der verstorbenen Nachbarn betrachtet, die zum Gedenken am Ort der Tragödie aufgestellt wurden.

Auf den Fotos sieht man nicht nur die lächelnden Mädchen, 12, 15 und 17 Jahre alt. Auch ein junges verliebtes Paar, einen alten Mann mit bunten Hut, eine Frau beim Strandurlaub. Sie alle sind tot.

Die „Zwei-Wände-Regel“ hat nicht geholfen

Vitali Klitschko, Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt bezeichnete den gestrigen Angriff auf Kyjiw als den bisher massivsten, rund fünfzig Zivilisten wurden dabei verletzt. „Derzeit werden 24 Menschen noch in Krankenhäusern behandelt“, teilte Klitschko über seine offiziellen Social-Media-Kanäle mit.

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Krieg in der Ukraine

Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.

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Die Rettungsarbeiten am Ort des Raketeneinschlags dauerten fast 30 Stunden. „Mehr als 3.000 Kubikmeter zerstörter Gebäudeteile wurden schon weggeräumt. Aktuell bemühen sich die Versorgungsbetriebe, die Strom- und Wasserversorgung für die Bewohner der umliegenden Häuser wiederherzustellen“, erklärt Pawlo Petrow, Sprecher der Hauptverwaltung des Staatlichen Katastrophenschutzdienstes in Kyjiw gegenüber der taz, während hinter ihm Mitarbeiter des Katastrophenschutzes mit einem Kran Betonplatten wegräumen.

Die Maniküristin Nataliya Parchomenko, ist gerade dabei, die zerbrochenen Fenster ihres Schlafzimmers mit Plastikfolie abzudecken. Letzte Nacht fielen die Scherben direkt auf sie herab. „Eine Rakete traf den benachbarten Hauseingang. Ich hatte gerade noch Zeit, eine Decke umzuwerfen. Dann rannte ich los, um meine Mutter und meine beiden Neffen, die bei uns wohnen, aus dem Haus zu bringen“, erinnert sie sich.

„Die Zwei-Wände-Regel funktioniert nicht mehr – wenn eine Rakete einschlägt, überlebt niemand. Und wir hatten Angst vor einem zweiten Einschlag, die Russen machen das oft so, damit es mehr Opfer gibt“, sagt Nataliya auf dem zerstörten Balkon ihrer Wohnung. Da, wo früher der Nachbaraufgang war, ist jetzt nichts mehr.

Obwohl die Wände ihrer Wohnung voller Risse sind, meint Nataliya, dass sie noch Glück gehabt haben. „Die Sachen waren alle nichts wert. Wir hätten nie gedacht, dass wir diese Nacht überleben würden. Mein Neffe hat mich heute gefragt: ‚Tante, was hättest du getan, wenn ich gestorben wäre?‘“, sagt sie unter Tränen. Und ergänzt, sie habe keine Antwort darauf gewusst.

Ganze Familien starben

Am Ort der Tragödie sind neben dem Katastrophenschutz Dutzende von Freiwilligen im Einsatz. Sie räumen die Trümmer weg, helfen den Betroffenen, ihre Habseligkeiten aus den zerstörten Wohnungen zu tragen und die Fenster zu verbarrikadieren. Valeriya Samuta ist eine von ihnen. Die zierliche 22-jährige Barista trägt einen riesigen Müllsack aus dem zerbombten Haus. Darin befinden sich zerbrochenes Glas, verkohlte Bücher und kaputte Souvenirs – der Eiffelturm und das Brandenburger Tor.

„2014, als ich noch ein Kind war, kam Russland in meine Heimat. Wir flohen aus der Ostukraine in den Kyjiwer Vorort Borodjanka. 2022 haben sie unser Haus in Borodjanka zerstört. Ich weiß, wie es ist, alles zu verlieren, und deshalb komme ich, um zu helfen“, sagt das Valeriya und zieht an ihren dicken Arbeitshandschuhen.

Sie hat schon die Trümmer der Wohnung weggeräumt, in der zwei Schwestern ums Leben kamen. „Ich spreche nie mit den Menschen, denen ich helfe. Was würde mir ihre Mutter sagen? Dass sie morgen ihre Kinder beerdigen muss?“, fragt Valeriya.

„Ich habe einfach Angst vor dem, was ich von ihnen hören könnte. In dieser Familie sind zwei Kinder ums Leben gekommen, und ihr Vater ist vor drei Jahren an der Front gefallen. Russland tötet uns sowohl an der Front als auch im Hinterland“, sagt die junge Freiwillige. Am Knie hat sie sich durch Glassplitter verletzt, das Blut läuft an ihrem Bein herunter. Doch Valeriya scheint das gar nicht zu bemerken. Der seelische Schmerz ist heute stärker als der körperliche.

Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey

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