Natürlich sollte niemand von Mike D eine Anleitung für irgendetwas erwarten. Unprätentiös wirkt der Musiker, Mitbegründer der Beastie Boys und jetzige Co-Kurator beim Pressegespräch im Jüdischen Museum Frankfurt bei der Eröffnung von „Mishpocha. The Art of Collaboration“. Trotz Prominenz und Medienrummel, das jiddische Wort für Familie gibt das Leitmotiv vor.
Vor zwei Jahren besuchte der New Yorker Mike D nicht nur die damalige HipHop-Ausstellung in der Frankfurter Schirn. Er ließ sich von Museumsdirektorin Mirjam Wenzel auch durch das Museum Judengasse führen. Viel habe er dort gelernt, sagt Mike D alias Michael Louis Diamond, dessen Eltern als Kinder osteuropäischer Einwanderer in der Bronx aufgewachsen sind.
Am Jüdischen Museum in Frankfurt am Main, so Wenzel, habe man schon lange die Idee gehabt, etwas zu dem Thema zu machen, also keineswegs allein über die Beastie Boys und deren Prominenz. Mal war man im Gespräch, mal sagten sie ab. Dann ergab sich auf nicht untypische Frankfurter Weise über Bekannte von Bekannten ein erneuter Kontakt.
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„Mishpocha. The Art of Collaboration“. Künstlerischer Leiter Mike D (Beastie Boys). Jüdisches Museum Frankfurt. Bis 27. September 2026
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Diamond, aufgewachsen als Sohn eines Kunsthändlers, ist der Institution Museum vielleicht auch weniger abgeneigt als manche Weggefährten es sind. 2012 betätigte er sich schon einmal als Gastkurator am New Yorker MOCA. Seitdem hat er immer wieder in und mit Museen gearbeitet.
Keine starren Regeln
Im persönlichen Gespräch wird Mike D später sagen, dass er starre Regeln, wie die Dinge zu sein hätten, schlicht nicht anerkennen könne. „Ein generelles Lebensproblem“ sei dies, meint er. Er habe auch jetzt sehr oft Nein gesagt. So lange, bis Idee, Künstlerinnenauswahl oder Ausstellungsarchitektur der Vorstellung einer Museumsausstellung, die keine Ausstellung im eigentlichen Sinne sein solle, nahe gekommen sei. Kunst soll zu sehen sein, vor allem aber soll auch die musikalische Zusammenarbeit im Ausstellungsraum ihren Platz haben, und drumherum mit Konzerten, Performances und Workshops präsent sein.
Neben Diamond sind etliche Frankfurterinnen und Frankfurter an „Mishpocha“ nun beteiligt. Darunter das Atelier Markgraph von Stefan Weil, der einen großen Teil der technischen und visuellen Ausstellungsarchitektur umgesetzt hat. Oder auch James und David Ardinast von der IMA Clique.
Die Fragen, wie jüdisch eine solche Ausstellung ist, an diesem Ort in Frankfurt sein soll, würde wohl jeder von ihnen anders beantworten. Der einstige Beastie Boy Mike D, geboren 1965, jedenfalls betont, dass er zwar in einer kulturell stark jüdisch geprägten Metropole groß geworden, aber keinesfalls religiös sei. Sein Blick ist der eines New Yorkers zweiter oder dritter Generation.
Aufgewachsen in der Selbstverständlichkeit eines jüdisch geprägten Lebens, dass man jenes Adjektiv aber auf gar keinen Fall als Identitätsprefix allen Diskussionen voranstellen solle. Dass seine Band seinerzeit als „jüdische Rapgruppe“ in Deutschland betitelt wurde, irritiert ihn noch heute.
Band(en) als Familie
So soll es in der Frankfurter Schau zwar um die titelgebende Familie gehen, aber keineswegs nur um die im biologischen Sinne – also mindestens ebenso um Zufluchts-, Wunsch- und Wahlfamilien. Vor allem auch um die, die für den Augenblick der künstlerischen, musikalischen Zusammenarbeit erst entsteht.
Herkunft bestehe zumeist schon aus Herkünften und meint damit wohl gleichsam die geografische wie die ideelle. Vertreibung und Zuflucht seien zudem universelle und verbindende Themen, so Diamond.
Neben ihm ist es Franziska Krah, die als Kuratorin im Haus gemeinsam mit dem Musiker KünstlerInnen in ihren Studios besucht, Werke vorgeschlagen und für „Mishpocha“ ausgewählt hat. Neben einer großen, sagenhafte 1.344.000 Minuten umfassenden Klanginstallation unterschiedlicher Stimmen von Jan Ove Hennig dominiert visuelle Kunst. Nirit Takeles Malereien und Shimon Wandas Graffiti erzählen von ihren Biografien, als sie sich zwischen den Stühlen wiederfanden. In Äthiopien galten sie als „die Juden“ und in Israel als „die Äthiopier“.
Jan Zappner befragt in seiner Fotoserie „Mischpoche – Being Jewish, however“ die eigenen Herkünfte sowie die anderer, darunter auch die von Mike D. Hervorragend Beatrice Moumdjians dreidimensionaler Umgang mit dem eigenen Familienfotoarchiv wie auch die Videoarbeit von Ira Eduadovna, die auf teils aufgeklappte Spanplatten projiziert wird – darauf nachgestellt die Auswanderung der eigenen Familie von Usbekistan nach Israel. Wie am Fließband werden Sachen auf Russisch benannt und eingepackt.
Performance und Musik
Verführerisch schimmert der Autolack, dem Hetain Patel goldene Figurationen einprägt. Patel, der als Sohn einer Gujarati-Familie in London lebt und arbeitet, wird während der Ausstellungsdauer auch zu einer Performance anreisen.
Autonom ausgewählt hat Diamond die Musik, die in angemessener Lautstärke durch einen der Ausstellungsräume schallt. Hip Hop, Techno, Punk und Riot Grrrls als Spezifik waren ihm dafür wichtig. Neben Courtney Love ist hier unter anderem auch die deutsche Band Parole Trixie vertreten.
Archivaufnahmen der Sängerin werden neben zahlreichen weiteren als analoge Zeitzeugnisse einer Subkultur umlaufend eines überdimensionierten Mischpults präsentiert. Die Skepsis gegenüber der Institution Museum ist real. Während manche KünstlerInnen ihre Arbeiten heute nur unter der Bedingung White Cube überhaupt öffentlich zu zeigen erlauben, war es bei Loves Weggefährtin und zeitweiligem Bandmitglied Jennifer Finch umgekehrt. Erst die offene Präsentation auf Leinwänden mitten im Raum vor lauter Musik reichte dann als Argument, die Musikerin und Fotografin von ihrer Teilnahme an der Schau zu überzeugen. Für das einst technoide Frankfurter Nachtleben laufen stellvertretend Aufnahmen von Sandra Mann über die Leinwand.
Livestudio in der Schau
Im abschließenden Raum der Ausstellung gibt es bis auf die orangegetönte, an Pixeloptik angelehnte Ausstellungsarchitektur zunächst wenig zu sehen. Dies scheint der Ort, an dem man im Zweifelsfall die meiste Zeit verbringt: das Live-Studio mit zahlreichen Pre-Sets, die mittels Pads angesteuert werden. Intuitiv bedienbar, für Kinder wie SeniorInnen.
Theoretisch können hier viele Menschen zugleich an Beats, Harmonien, Gesang, sphärischen Sounds arbeiten. Eine Mehrstimmigkeit, die rechnerisch in wohl ungezählten Varianten erscheinen könnte.
Die schwierigste Aufgabe lautet bekanntlich, komplizierte Dinge einfach erscheinen zu lassen. „Mishpocha“ ist eine liebevoll gestaltete und gerade in ihrer Einfachheit durchdachte Schau geworden. Im Idealfall, sagt der Musiker Michael Louis Diamond alias Mike D, schaut das Publikum mehrfach vorbei.
Also runter von der eigenen Scholle, raus in eine Welt, die Verbindungen schafft, wo man sie vorher nicht vermutete.






