Anschlag auf israelisches Restaurant: Worüber man mittlerweile froh sein muss

D iese Woche war ich auf einem Punkkonzert, und es war großartig. Während die Menge „Ganz Berlin hasst die Bundeswehr“ grölte, nippte ich am Seitenrand an meinem Bier und dachte daran, wie befreiend es sein kann, nicht dazuzugehören. Nicht im rebellischen Sinne oder als Pose, sondern als stilles Wissen, dass all das hier zu hundert Prozent nicht die eigene Lebensrealität ist.

Die junge Punkband aus Österreich sang von Dingen, von denen junge Punkbands eben so singen: Faschos, Bierflaschen, die Freiheit, nicht zu wissen, welcher Wochentag ist, das eigene Bett. Für einen Abend gelingt es ganz gut, sich in diese andere Wirklichkeit hineinzudenken. Auch, weil es so unglaublich unterhaltsam ist.

Ich selbst war nie Punk. Dafür war ich zu brav, zu ängstlich und, um ehrlich zu sein, zu sehr eingeschüchtert von der Strenge meiner osteuropäischen Mutter, deren Ausläufer sowjetischer Kindererziehung mir genug Respekt oder Angst beigebracht haben, um mir Rebellion eher theoretisch vorzustellen.

Aber dies ist keine Kolumne über Jugendphasen. Während ich da also stand und in die Menge blickte, dachte ich plötzlich an München. An das israelische Restaurant „Eclipse“, auf das vor Kurzem ein Sprengstoffanschlag verübt wurde. Ja, wie kommt man von warmem Bier auf so etwas?

Der Anschlag in München war kein Zufall

Nun, es gibt Menschen, für die „nicht dazugehören“ keine ästhetische Entscheidung ist, keine Rebellion gegen gesellschaftliche Normen, sondern eine Zuschreibung. Eine Gefahr.

Der Anschlag in München war kein Zufall, kein eskalierter Streit, keine spontane Tat. Jemand entschied sich bewusst, einen Ort anzugreifen, der sichtbar jüdisch und israelisch ist. Ermittler prüfen ein mögliches Bekennervideo einer neuen proiranischen Gruppierung. In einem Text dort heißt es: „Es hätte am Tag passieren können und die Zionisten wären dabei getötet worden.“ Antisemitismus ist nicht nur Hass. Zu Ende gedacht ist er tödlich.

Nach solchen Anschlägen hört man dann oft Sätze, die für mich jedes Mal merkwürdig klingen: dass jüdisches Leben Teil dieser Stadt ist. Dass man dazugehört. Dass man bleiben will. „Wir sind Münchner, wir gehören zur Mitte der Gesellschaft. Ich bin deutscher Staatsbürger und bin mir sicher, dass der Großteil der Münchner hinter uns steht“, sagte Grigori Dratva, Geschäftsführer von „Eclipse“, in der Jüdischen Allgemeinen.

Man kann ihm dafür keinen Vorwurf machen. Im Gegenteil: Es sind richtige, notwendige Sätze. Genau darin liegt das Problem. Dass sie notwendig sind. Dass Menschen in die Situation gebracht werden zu betonen, dass sie dazugehören. Dass sie bleiben wollen. Weil der eigene Platz nicht nur infrage gestellt, sondern buchstäblich angegriffen wird.

Die Frage nach Zugehörigkeit ist für viele Juden in diesem Land eng an das Thema Sicherheit geknüpft. An Polizeiwagen vor Schulen, vor Gemeinden, vor Veranstaltungen. Das Verhältnis zu diesen Sicherheitsbehörden ist dabei, vorsichtig gesagt, kein einfaches. Man kennt die Berichte über rechtsextreme Chatgruppen, über Antisemitismus in Strukturen der Polizei – und weiß gleichzeitig: Ohne sie geht es nicht.

Anschläge, antisemitische Schmierereien, Morddrohungen, Boykotte: In der Süddeutschen Zeitung las ich neulich dazu, da verschiebe sich etwas. Es war die Rede von einer neuen Normalität, die entsteht. Ich habe lange über diesen Text nachgedacht. Ich stimmte in vielem überein, nur in einem Punkt nicht: Es ist längst verschoben. Vielleicht fällt es nur gerade mehr Menschen auf.

Draußen vor dem Konzert traf ich später einen Bekannten. Er sagte, es habe ihm gefallen. „Keine Palirufe oder Flaggen“, meinte er, da müsse man ja mittlerweile froh sein.

Ja, dachte ich. Muss man wohl.

  • informationsspiegel

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