Wie erzählt man von einem Land, dessen Geschichte in den Schulbüchern nicht verhandelt wird, weil sich niemand dort auf eine Geschichte einigen kann? Regisseurin Lana Daher entwirft mit „Do You Love Me“ ein Porträt des Libanon, das allein aus Archivaufnahmen besteht. Anhand von Spielfilmen, Dokumentationen, Fernsehshows, Homevideos und Musik reist ihr Film durch Zeiten, Genres und Motive. Er erzählt von Zerstörung und Verlust, aber auch vom Meer, von Hochzeiten und Alltag oder dem Sound Beiruts.
taz : Frau Daher, welches Bild kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Ihre Heimat denken?
Lana Daher: Darüber habe ich noch nie nachgedacht.
Sie hebt ihren Pullover hoch. Das T-Shirt darunter zeigt ein grobkörniges Foto von Beirut, das aus der Luft aufgenommen wurde. Man sieht den Küstenverlauf, die Stadt am knallblauen Meer.
Daher: Ich denke an den Blick auf Beirut beim Landen. Dieser Blick ist alles. Ich weiß nicht, warum wir Libanes:innen das immer wieder fotografieren. Als würden wir uns vergewissern: Es ist noch da. Ich nenne es Gotham City, obwohl alles so blau und sonnig ist. Die politische Landschaft und die andauernden Kriege machen etwas daraus, das sich selbst bei blauem Himmel nicht so anfühlt.
taz : Haben Sie während der Arbeit am Film im Libanon gelebt?
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„Do You Love Me?“. Regie: Lana Daher. Frankreich/Libanon/Deutschland/Katar 2026, 75 Min.
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Daher: Ja. Die längste Zeit, die ich im Ausland verbracht habe, war das Hin und Her vor meinem siebten Lebensjahr. Zwischen 1984 und 1990.
taz: Das waren die letzten Jahre des Bürgerkriegs, der 1975 begann.
Im Interview: Lana Daher
Lana Daher lebt in Beirut. Sie studierte Regie, Bildende Kunst und Grafikdesign. Als Regisseurin und multidisziplinäre Künstlerin, die Klang, Bild und Archivierungspraktiken verwendet, ist sie in der Kunst- und Musikszene Beiruts aktiv. Lana Daher gründete 2024 die Firma My Little Films, mit der sie ihren Debütfilm „Do You Love Me“ coproduziert hat.
Daher: Meine Eltern haben uns weggebracht, wenn die Lage zu schlimm wurde, und dann wieder zurück. Später bin ich nur einmal weggezogen, um in London meinen Master in Film zu machen. Was meinen Blick auf Heimat wirklich verändert hat, war die Arbeit an „Do You Love Me“. Rückblickend war ich ziemlich naiv, als ich damit angefangen habe.
taz: Was ist Ihnen bewusst geworden?
Daher: Im Film gibt es den Fischer, der sagt: „Im Libanon lieben wir uns alle, niemand hasst den anderen, wir sind alle füreinander da.“ Der Regisseur hinter der Kamera fragt: „Im Ernst?“
taz: Und der Fischer fängt an zu lachen.
Daher: Ich wollte die Szene unbedingt nutzen, weil sie so stark mit meiner Erfahrung beim Freilegen der Archive zusammenhängt. Ich hatte die Vorstellung, dass wir uns alle lieben. Dass es der Krieg anderer auf unserem Land ist, der den Kampf verursacht. Aber innerlich haben wir so gegensätzliche Ansichten zu allem. Mir ist klar geworden, wie gewalttätig meine Heimat ist und dass viele libanesische Konfessionen einander hassen. Wir streiten immer darum, wie sehr wir das Land lieben, aber es ist nicht so, dass jede Gruppe den Libanon um des Libanon willen liebt, sondern eher für sich selbst.
taz : Sie haben gesagt, Ihnen sei lange nicht bewusst gewesen, dass Sie während des Bürgerkriegs aufgewachsen sind.
Daher: Ich glaube, dass es darin Parallelen zu Deutschland gibt. Einer meiner Mitstreiter, ein deutscher Produzent, sagt, dass er Ähnliches bei seinen Großeltern und Eltern empfindet. Diese Verdrängung, die so stark in der Gesellschaft wirkt. Was mich angeht: Ich kann nicht beschreiben, wie die Stadt nach 15 Jahren Bürgerkrieg aussah. An viele Geschichten, die meine Mutter mir erzählt, erinnere ich mich nicht: Zeit im Schutzraum zu verbringen. Über die Straße zu rennen, weil es Scharfschützen gab. Aber ich erinnere mich, wie ich mit sieben Jahren wieder in Beirut angekommen bin. Wenn du damals 20 warst, war es großartig. Die Stadt gehörte dir. Ausgehen, Partys. Mit sieben war es die Hölle. Es gab keine Parks, Spielplätze, nicht mal ein Kino. Nur Schule, Zuhause, Schule, Zuhause. Wir waren kleine Kinder in einer völlig zerstörten Stadt. Ich habe den Krieg gespürt, auch durch die Angst meiner Mutter.
taz: Die Erzählweise im Film ist nicht linear, aber nach einer Weile zeigen sich verschiedene Themen. Eines scheint das Trauma Ihrer Elterngeneration zu sein.
Daher: Ja, das intergenerationale Trauma. Im Libanon kreisen viele Gespräche um den Inhalt und die Erfahrung, den Film jetzt zu sehen. Man steckt zu sehr in den Emotionen, um über die Form zu sprechen. Außerhalb ist das ausgewogener.
taz: Wenn der Blick auf das Land eher durch westliche Medien geprägt ist, gibt es inhaltlich allerdings auch viel zu entdecken. Er bietet Zugang zur Kultur, den Filmen, der Musik.
Daher: Als ich ihn im MoMA gezeigt habe, hat ein britischer Künstler gesagt: „Meine Freunde sagen seit Jahren, ich solle nach Beirut fahren: Die Partys seien so toll, das Essen.“ Ja, die Partys sind großartig, das Essen ist das beste, da bin ich nicht bescheiden. Aber dann meinte er, er habe im Film nur so wenig davon gesehen. Das liegt daran, dass es schwierig war, nicht zu sehr dem Bonbonhaften, Folkloristischen nachzugeben. All dem Nostalgischen. Ich verstehe dieses Bild zwar gut, aber …
taz: … es wäre unvollständig, ein fremder Blick?
Daher: Ja. Scheiß auf das „Paris des Nahen Ostens“. Das ist eine so koloniale Sicht auf den Libanon. Wir sind nicht das Paris des Nahen Ostens, wir sind Beirut.
taz: Am Beispiel der verheerenden Explosion im Hafen der Stadt im Sommer 2020 zeigt sich, wie Sie mit der Darstellung von Gewalt umgehen. Drastische Bilder vermeiden Sie generell, hier wirken sie beinahe künstlich und poetisch. War das herausfordernd: keine „Kriegspornografie“ zu reproduzieren, um einen Begriff aus dem Film zu benutzen, und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Bildästhetik sich nicht über das Sujet setzt?
Daher: Absolut. Es wundert mich fast, dass Sie den 4. August erkannt haben.
taz: Man hat definitiv auch in westlichen Medien davon erfahren. Ihre Bilder haben mich fast an 9/11 erinnert.
Daher: Es war postapokalyptisch, ja. Mein Freund Malik Hosni, auch ein Filmemacher, war da. Seine Kamera war noch an. Er rennt und rennt, hilft Menschen, spricht mit ihnen. Das Einzige, was wir hinzugefügt haben, war ein Voiceover am Anfang. Mir war wichtig, dass das ein Film wird, den Libanes:innen anschauen können. Und ich wollte Respekt wahren. Deshalb gibt es Momente, die extrem gewalttätig sind, aber subtiler verhandelt werden.
taz: So wie das Homevideo, das ein Mädchen zeigt, etwa fünf Jahre alt. Sie erzählt gerade etwas, dann ist ein fürchterlicher Knall zu hören. Jemand sagt, dass es „nur“ ein Überschallknall war, und doch fängt sie an zu weinen. Darin liegt so viel Schrecken, auch wenn das Kind zumindest körperlich unversehrt bleibt.
Daher: So ist es jetzt wieder, wissen Sie.
taz : Und nicht nur im Libanon. An all das denkt man, wenn man das Kind sieht. Gleichzeitig steckt so viel Zartheit und Intimität in diesen Homevideos.
Daher: Das Material mit den Babys und Kindern war mir sehr wichtig. Der Film ist aus diesem Raum in mir geboren, diesem sehr jungen Alter.
taz: Seine Ästhetik erinnert oft an Musikvideos. Was waren Ihre Einflüsse, als Sie angefangen haben, Filme zu machen?
Daher: Viele Klassiker, viele neue Regisseur:innen. Natürlich bin ich auch mit MTV aufgewachsen. Ich habe lange aufgelegt. Musik macht einen riesigen Teil unseres Lebens im Libanon aus. Und in der Nacht diese Energie rauszulassen, ist sehr präsent. In jedem anderen Land gäbe es sicher Ausgangssperren, wenn dort Krieg wäre wie bei uns. Ich erinnere mich an eine Nacht nach Beginn des jetzigen Krieges: Die Geräusche waren entsetzlich, nicht nur die Drohnen. Die israelischen Militärjets fliegen stundenlang in sehr niedriger Höhe. Man fühlt sich, als läge ein Ziegelstein auf der Brust. Also bin ich in eine Bar gegangen, die gerade wieder geöffnet hatte, und bis morgens geblieben, weil es sich besser angefühlt hat, unter Menschen zu sein und Musik zu hören. Die Stile und Rhythmen des Soundtracks fühlen sich ein bisschen so an, wie ich die verschiedenen Viertel Beiruts erlebe. Diesen starken Puls wollte ich im Film haben.






