Irankrieg: Feilschen, verzögern, durchhalten – Irans Verhandlungstaktik

Sie sind Meister im Gewinnen von Zeit. „Verhandeln und noch mal verhandeln, so lange, bis der Gegner zustimmt“, sagte einmal ein europäischer Diplomat, der sich fünfzehn Jahre mit Irans Atomprogramm herumgeschlagen hatte.

„Gestern rief jemand an, Mohammad nannte er sich. Ich fragte ihn: Wer bist du? Hast du genug Macht?“, schrieb gestern Donald Trump abschätzig über den Stand der Verhandlungen auf seinem Netzwerk Truth Social. Er sei zuversichtlich, die Iraner seien flexibler geworden, sie wollten keinen Krieg. „Ich auch nicht“, so der US-Präsident.

In Teheran sagte später Ismail Baghii, Sprecher des Außenministeriums, man prüfe die US-Angebote. Vielleicht werde die iranische Delegation bald nach Islamabad abreisen. Vielleicht, irgendwann. Das ist eine bekannte, seit Langem ausgeübte Taktik. Seit ihrem Bestehen befindet sich die Islamische Republik unter verschiedenen Sanktionen.

Für alles und jedes Entgegenkommen musste sie immer langwierige Verhandlungen führen. Der jetzige Außenminister Abbas Araghtschi ist seit fast dreißig Jahren Mitglied aller „Verhandlungskommissionen“ seines Staates. In Sachen Schachern und Feilschen könnten Steve Witkoff und Jared Kushner wohl einiges von ihm lernen.

Wie lange können die Teheraner Machthaber die Blockade der iranischen Häfen hinnehmen, fragen sich viele. Optimistische Schätzungen gehen von höchstens zwei Monaten aus. Ist die iranische Führung deshalb nun doch zu Kompromissen bereit?

Trumps Bemerkung über „Mohammads Anruf“ verrät etwas über die wahren Machtverhältnisse im Iran. Der eigentliche Machthaber heiße Ahmad und nicht Mohammad, schreibt Iran International. Gemeint ist Ahmad Vahidi, der oberste Kommandant der Revolutionsgarden. Der 64-Jährige hält sich seit Kriegsbeginn vor etwa siebzig Tagen ebenso in seinem Versteck an einem unbekannten Ort auf, wie der neue Revolutionsführer Modschtaba Chamenei.

Warum wurden die Emirate zum Ziel?

Der von Interpol gesuchte Vahidi hat allen Grund der Welt, im Verborgenen zu bleiben: Israel verdächtigt ihn, Drahtzieher des blutigen Bombenanschlags auf das jüdische Gemeindezentrum in Argentinien zu sein, bei dem 85 Menschen getötet und mehr als 300 verletzt wurden. Das war 1994, Vahidi leitete die gerade geschaffenen Quds-Brigaden. Diese Militäreinheit, die später von dem legendären und mittlerweile getöteten Qassem Soleimani angeführt wurde, bildet die Auslandstruppen der Garden, die sich auf den Kampf gegen Israel konzentrierten.

Vahidi sei verrückt; niemand verstehe, warum er gerade die Vereinigten Arabischen Emirate angreife; er führe das Land in die Katastrophe, zitierte am Dienstag Iran International den iranischen Präsidenten Massud Peseschkian. Nach Bericht des Exilmediums habe Präsident Peseschkian außerdem ein sofortiges Treffen mit Modschtaba Chamenei verlangt. Er wolle wissen, von wem der gestrige Befehl zum Raketenangriff auf die Emirate gekommen sei.

Warum wurden gerade die Emirate in dieser Eskalation Ziel der iranischen Raketen und Drohnen? Laut dem Verteidigungsministerium der Emirate schoss Iran seit Beginn des Kriegs insgesamt 2.838 Drohnen und Raketen auf das Land – mehr als auf jedes andere in der Region. Dabei waren die Emirate in den letzten vier Jahrzehnten zum größten Handelspartner Irans geworden.

Das Emirat Dubai war der sichere Ort, um Sanktionen zu umgehen, Schwarzgeld zu transferieren, Scheingeschäfte zu tätigen und mit Hilfe zahlreicher Winkeladvokaten Netzwerke gegen den Druck des Westens aufzubauen.

Die Angriffe auf die Emirate während des Kriegs übertrafen sogar die Zahl derer auf Israel. Die Reaktion der Emirate fielen scharf aus: Iranische Einrichtungen und Firmen wurden geschlossen, Visa zahlreicher Geschäftsleute widerrufen, Vermögenswerte eingefroren. Im Gegensatz zu Saudi-Arabien und Oman, die auf Diplomatie setzten, fordern die Emirate außerdem eine stärkere militärische Reaktion gegen den Iran.

Für Ahmad Vahidi und andere Kommandeure der Revolutionsgarden sind die Emirate nur eines: Verbündete Israels und deren verlängerter Arm. „Die Emirate sollten wissen, dass wir den geheimen Zirkel der Zionisten in diesem Land kennen“, sagte vergangener Woche etwa Manutschehr Mottaki, ehemaliger Außenminister.

Emirate haben ihre strategischen Partner gewählt

Solche martialischen Worte werden in Abu Dhabi ernst genommen. Und die Zusammenarbeit wächst unter diesem Druck noch: Israel hat seine fortschrittlichste Technologie den Emiraten zur Verfügung gestellt, darunter das Abwehrsystem „Iron Dome“ sowie das Überwachungssystem „Spectro“. Dutzende israelische Militärspezialisten sind wohl dort, um das Iron-Dome-System zu bedienen. Am Montag schoss Iran vier Raketen auf die Emirate ab. Alle wurden abgefangen, mindestens einem Bericht des Senders CNN zufolge durch das Iron-Dome-System.

Die Emirate haben ihre strategische Partnerwahl im Rahmen dieses Krieges wohl längst getroffen. „Wir sind über die Golfstaaten enttäuscht“, hieß es aus dem Außenministerium, als Abu Dhabi in der vergangenen Woche den Austritt aus dem Ölfördererverband Opec bekannt gab.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Europa-Gipfel in Armenien: Ein Durchbruch scheint in greifbarer Nähe
    • May 6, 2026

    Die seit 1993 geschlossene Grenze zwischen der Türkei und Armenien könnte bald geöffnet werden. Dafür ist Jerewan zu bedeutenden Konzessionen bereit. mehr…

    Weiterlesen
    GEW über Polizei auf dem Schulhof: „Keine dauerhafte Lösung“
    • May 6, 2026

    Seit Monaten debattiert Rheinland-Pfalz über mehr Polizei an Schulen. Christiane Herz von der GEW darüber, was hilft und was populistische Forderungen sind. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Europa-Gipfel in Armenien: Ein Durchbruch scheint in greifbarer Nähe

    • 2 views
    Europa-Gipfel in Armenien: Ein Durchbruch scheint in greifbarer Nähe

    GEW über Polizei auf dem Schulhof: „Keine dauerhafte Lösung“

    • 2 views
    GEW über Polizei auf dem Schulhof: „Keine dauerhafte Lösung“

    Doku „Do You Love Me?“ über den Libanon: „Scheiß auf das ‚Paris des Nahes Ostens‘“

    • 1 views
    Doku „Do You Love Me?“ über den Libanon: „Scheiß auf das ‚Paris des Nahes Ostens‘“

    Tiktok-Trend „Scientology Speedrun“: Level up im Sektenhaus

    • 3 views
    Tiktok-Trend „Scientology Speedrun“: Level up im Sektenhaus

    Irankrieg: Feilschen, verzögern, durchhalten – Irans Verhandlungstaktik

    • 2 views
    Irankrieg: Feilschen, verzögern, durchhalten – Irans Verhandlungstaktik

    Demonstrierende fordern mehr Inklusion: „Wir sind laut, weil man uns Barrieren baut“

    • 1 views
    Demonstrierende fordern mehr Inklusion: „Wir sind laut, weil man uns Barrieren baut“