KI-Musiksendung auf ProSieben: Alles für die Quote

„Du musst dir vorstellen, also stell dir vor, Sasha, toller deutscher Sänger, sitzt auf einer Bühne mit Amy Winehouse. Und singt einen Song von Amy Winehouse.“ Ja, das, was Fabian Tobias, der Managing Director der Produktionsfirma EndemolShine im Marketing-Buddy-Laberpodcast von OMR beschreibt, das muss man sich wirklich mit sehr viel Kraft vorstellen, so abseitig und realitätsfern klingt es. Wirklich geschehen wird das auch nicht. Für das neue „Fiebertraum“-Format, das es bald auf ProSieben zu sehen geben wird, hat man zwar unter anderem den Musiker Sasha verpflichten können, Amy Winehouse aber bleibt weiterhin tot.

Die Krücke, die die Produktionsfirma nutzt, um die britische Sängerin und anderen zu ihrem unfreiwilligen Comeback und ihren wohl ebenfalls unfreiwilligen Duetten zu verhelfen, heißt – wie könnte es anders sein –künstliche Intelligenz. Wobei das Format an sich schon mit einer guten Maskenbildnerin funktioniert hätte, aber das verkauft sich eben nicht so gut und hört sich auch nicht besonders innovativ an.

Für die Umsetzung der fragwürdigen Idee des Privatsenders brauchte es daher, neben Studio und Studiopublikum, zunächst ein Double der verstorbenen Stars, eines, das am besten auch stimmlich einigermaßen an diese herankommt. Vor dem Livepublikum im Studio traten diese Doubles dann gemeinsam mit deutschen Mu­si­ke­r:in­nen auf. Das Studiopublikum sah auf der Bühne die Doubles, die Projektion auf den Studioscreens zeigte aber schon die mittels KI an die Stars angeglichenen Gesichter. Für die Aufbereitung zur Fernsehshow wurde noch einmal nachgebessert.

Zusätzlich wurde die KI aber auch genutzt, um beim Gesang nachzuhelfen. Im Vorfeld hatte eine Musikredaktion die performten Songs zum Duett umgeschrieben. Eingesungen von den lebenden, deutschen Musiker:innen. Für die Stimmen der verstorbenen Stars griff man wieder zunächst auf Gesangsdoubles zurück, deren Stimmen im Anschluss per KI glattgebügelt wurden.

Elvis singt „Daylight in Your Eyes“

„Staying Alive – Stars singen mit Legenden“ lautet der mehr als zynische Titel dieses Sendung gewordenen Moralspagats. Die erste Ausgabe ist am Samstag, 25. April, zu sehen, die zweite – und erst einmal letzte – dann eine Woche später. Neben Amy Winehouse konnten auch weder Elvis, Whitney Houston noch Freddie Mercury der Teilnahme am Format widersprechen, ebenfalls weil tot. Und so kann ProSieben nun damit werben, dass sie nicht nur Amy Winehouse und Sasha „gemeinsam“ auf die Bühne bringen, sondern auch damit, dass Elvis mit den No Angels deren Hit „Daylight in Your Eyes“ performt, Alvaro Soler mit Whitney Houston auftritt und der im deutschen Fernsehen ohnehin omnipräsente Sunrise-Avenue-Sänger Samu Haber einen Slot mit Freddie Mercury bekommt.

„Dann gibt es eben auch den Moment, und vielmehr kann ich noch nicht verraten, wo Amy Winehouse mit Sasha ‚I Feel Lonely‘ singt“, verkündet Fabian Tobias im OMR-Podcast weiter. Ja, Sasha mag sich lonely fühlen, die Autorin dieses Textes macht das Ganze zunehmend fassungslos. Nicht nur, aber doch vor allem was den Auftritt von Amy Winehouse betrifft.

Vor ihrem Tod gab es immer wieder Konzerte, die Winehouse in sehr schlechter Verfassung absolvierte, teils sogar abbrechen musste. Es wirkte oft, als handle sie nicht freiwillig. Immer wieder wurde ihr Management im Nachhinein kritisiert, zu viel Druck ausgeübt zu haben. Auch die Presse ging alles andere als gnädig mit ihr um. Fotos und Videos, die sie stark alkoholisiert und teils auch anderweitig berauscht zeigen, fanden ihren Weg in die Medien. Jetzt mit einer Show den Anschein eines Auftritts erwecken zu wollen, ohne dass Winehouse ihre Zustimmung hätte geben können, ist vor allem eines: ekelhaft und falsch.

Shitstorm einkalkuliert

Das dürfte der Produktionsfirma EndemolShine, die sich sonst mit Qualitätsfernsehen wie „Promis unter Palmen“, „Daniela Katzenberger“ oder auch „Big Brother“ einen Namen gemacht hat, allerdings herzlich egal sein. Vielleicht ist ein kleiner Shitstorm ohnehin einkalkuliert, eventuell sogar gewollt. Alles für die Quote.

Die hat der TV-Konzern ProSiebenSat.1 tatsächlich bitter nötig. Im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass gespart werden muss, und man entließ über 400 Vollzeitmitarbeitende. „Staying Alive“ ist also nicht nur Sendungstitel, sondern wohl auch das Motto der nächsten Jahre für ProSieben. Ob das mit diesem, wie Fabian Tobias es nennt, „Entertainment-Erlebnis“ funktioniert, bleibt abzuwarten. Staying im unteren Quotenbereich, hoffe ich.

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