Rehina Kharchenko aus Saporischschja und Vitalii Bielobrov aus Cherson besuchten mit einer Gruppe ukrainischer Bürgermeister:innen auf Einladung des Auswärtigen Amtes Berlin und Bonn. Thema der Reise war „Resilienz von Gemeinden und Städten in Zeiten des russischen Angriffskrieges“. Organisiert wurde das Programm vom Besucherprogramm des Goethe-Instituts. Für ein Netzwerktreffen waren sie auch zu Gast bei der taz panterstiftung.
taz: Frau Kharchenko und Herr Bielobrov, die Städte Saporischschja und Cherson liegen praktisch an der Frontlinie. Was sind aktuell die größten Herausforderungen in Ihren Städten?
Bielobrov: Die wichtigste Herausforderung ist: zu überleben. In Cherson wurden wir seit der Befreiung vor über drei Jahren mehr als 35.000 Mal beschossen. Die größte Bedrohung heute sind Drohnenangriffe – sie zerstören kommunale Fahrzeuge, sie töten Zivilisten. Die Täter sammeln Videoaufnahmen, unterlegen sie mit Musik und veröffentlichen sie auf ihren Kanälen. Für sie ist das Unterhaltung. Für uns bedeutet es schwere Verluste. Die zweite: die Hoffnung und den Optimismus nicht zu verlieren. Es ist sehr wichtig, nicht zu vergessen, wofür wir kämpfen – für unsere Freiheit, unsere Würde und eine bessere Zukunft.
Kharchenko: Ich stimme zu. Jede:r Ukrainer:in hat mittlerweile Familienangehörige oder Freunde verloren. Eine Stadt wie Saporischschja mit 700.000 Einwohner:innen zu regieren, ist selbst in normalen Zeiten schwierig. Der Krieg hat diese Arbeit hundertfach schwerer gemacht, mit vielen Notlagen und Herausforderungen – und die Bereitschaft, 20 Stunden am Tag zu arbeiten. Die Stadt muss funktionieren. Unsere Bürger:innen haben ein Recht auf ein normales Leben.
taz: Ist ein normales Leben aktuell wirklich möglich?
Kharchenko: Wir haben kein anderes Leben. Das ist unsere Realität heute. Für uns ist es normal – für Sie nicht. Aber wir leben jetzt in einer Katastrophe, und das ist jeden Tag, jede Nacht so.
Bielobrov: Ein normales Leben bedeutet heute nicht Komfort. Es bedeutet die Fähigkeit einer Stadt, zu funktionieren. Vor der russischen Vollinvasion lebten in Cherson rund 320.000 Menschen. Heute sind es nur noch etwa 75.000, darunter überwiegend ältere Menschen sowie Familien. Wir tragen die volle Verantwortung für diese Stadt: für das Gesundheitswesen, Bildung, Kultur, den öffentlichen Nahverkehr und die gesamte kritische Infrastruktur – Wasser, Wärme und Strom.
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Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
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taz: Sie haben Bildung und Kultur als Teil des täglichen Lebens erwähnt. Wie gelingt es Ihnen, den Betrieb aufrechtzuerhalten?
Bielobrov: In Cherson haben wir keine Möglichkeit, unterirdische Schulen zu bauen. Und selbst wenn wir sie hätten, wäre es unmöglich, die Kinder sicher von zu Hause zur Schule und zurückzubringen. Die Russen beschießen uns jeden Tag mit unterschiedlichen Waffentypen, und wir haben nur 3–4 Sekunden, um uns zu schützen. Unser Bildungssystem ist daher rein online. Gleichzeitig haben wir aber unterirdische Hubs – ein Netzwerk von Räumen, in denen Menschen Sport treiben und miteinander in Kontakt treten können. Das ist wirklich wichtig. In unserer Stadt gibt es sogar ein unterirdisches Theater. Es ist wichtig, kulturelle Angebote aufrechtzuerhalten, weil Russland Kultur und Bildung als Waffe einsetzt – und wir nutzen Kultur, Bildung und Sport als Schild.
Kharchenko: In Saporischschja sind 98 Schulen in Betrieb und gewährleisten für die Kinder sichere Lernbedingungen sowie über 30 Kindergärten mit Schutzräumen. Tagsüber lernen die Kinder dort. Aber wenn es in der Stadt einen Notfall gibt, kommen alle Bürgerinnen und Bürger aus der Umgebung – mit Kindern, mit Hunden, mit alten Eltern – und bleiben dort. Vielleicht eine Stunde, vielleicht einen Tag, vielleicht zwei Tage.
taz: Was war Ihre schwierigste Entscheidung als Lokalpolitiker:in seit der russischen Vollinvasion?
Bielobrov: Ich glaube, wir treffen jeden Tag schwere Entscheidungen. Zum Beispiel die Suche nach der Balance zwischen Sicherheit und normalem Leben. Man ist es leid, sich zu fürchten und sich zu verstecken, aber es geht nicht anders. Der Abstand zwischen Cherson und den russischen Truppen beträgt nur vier Kilometer – sie setzen mehr als 1.000 Drohnen pro Woche ein.
Kharchenko: Eine schwere Entscheidung für alle Ukrainer:innen war die, hier zu bleiben oder zu fliehen. Auch für mich persönlich war es die größte und schwierigste Entscheidung, in der Stadt zu bleiben und dann noch als Bürgermeisterin zu arbeiten – denn das ist eine enorme Verantwortung.
Rehina Kharchenko, Bürgermeisterin von Saporischschja
taz: Sie sagten, eine der größten Herausforderungen ist es, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht zu verlieren. Wie erhalten Sie als Politiker Ihren Optimismus?
Kharchenko: Wir arbeiten heute, unter diesen Bedingungen, nicht nur für das Überleben – wir arbeiten auch für eine bessere Zukunft. Wir entwickeln Strategien, wie wir unsere Städte aufbauen, wie wir sie wiederherstellen und erneuern wollen. Fünf bis zehn Prozent unserer Energie, unserer Ressourcen und unserer Zeit investieren wir in Planung und Vorbereitung für den Wiederaufbau.
taz: Stellt es nicht einen Widerspruch dar, im Modus der Verteidigung zu sein, aber gleichzeitig schon an den Wiederaufbau zu denken?
Kharchenko: In Saporischschja haben wir bereits laufende Wiederaufbauprojekte mit staatlichen Mitteln. Das ist auch eine Botschaft der Hoffnung. Das Bild einer besseren Zukunft ist in den dunkelsten Momenten die stärkste Motivation.
Bielobrov: In Cherson ist Neubau im Außenbereich verboten, weil wir in der roten Zone liegen. Aber wir bauen unterirdisch. In unserem Fall haben wir das weltweit erste Operationszentrum und ein Perinatalzentrum geschaffen. Das alles ist Teil unserer Resilienz.






