Hamas betrauert linientreue Journalisten: Mit Presse­weste und Sturm­gewehr

Muhammad Manhal Abu Arman war ein palästinensischer Journalist. So wird er auf der Liste von im Gazastreifen getöteten Journalisten des Comittee to Protect Journalists (CPJ) aufgeführt, einer führenden NGOs für Pressefreiheit mit Sitz in den USA. Bei einem israelischen Drohnenngriff kam er am 13. Juli 2024 um, so schreibt es CPJ auf seiner Website.

Doch Abu Arman war auch ein „Field Commander“ im Military Media Department der Rafah-Brigade der Hamas. So steht es in dem Nachruf, den ein der Hamas nahestehender Telegram-Kanal namens „Monde der Flut“ Ende April veröffentlichte.

In der Kanal-Beschreibung steht, man veröffentliche die „Qassam-Märtyrer aus der Schlacht der Al-Aqsa-Flut“. Die Qassam-Brigaden sind der militärische Flügel der Hamas, einer dschihadistischen Organisation, die unter anderem in der Europäischen Union auf der Terrorliste steht. Al-Aqsa-Flut nannte sie den Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023, bei dem bewaffnete Palästinenser rund 1.200 Menschen tötete und 250 nach Gaza verschleppte.

Der fast fünfminütige Nachruf in Videoform beginnt etwas schwülstig: eine augenscheinlich mithilfe von künstlicher Intelligenz erstellte Ansicht des Felsendoms in Jerusalem nebst Sonnenuntergang, Blumen, einem Kämpfer mit umgehängter Kufija und einem wohl toten Kameraden neben sich liegend. Dann folgen Clips eines etwas untersetzten Abu Arman: in Uniform und Kampfweste, mit erhobenem Zeigefinger vor einer Wand mit dem Logo der Qassam-Brigaden, bei einem Loyalitätsschwur.

Er sagt: Wenn man dieses Video sehe, sei er tot. Er fordert seine „Kollegen“ auf, den Pfad der Hamas weiterzuführen, und erwähnt dabei gesondert „die Mitglieder des Military Media Departments, zu dem ich gehöre, seitdem ich den Qassam-Brigaden beigetreten bin“.

Arbeit für Palestine Now

Andere Clips und Fotos zeigen ihn mit verschiedenen Sturmgewehren in der Hand, mit einem RPG über der Schulter. Oder: Mit professionellen Kameras in der Hand. Eines dieser Bilder von Abu Arman mit einem Fotoapparat sowie ein weiteres mit einem umgehängten Sturmgewehr sind augenscheinlich in einem Tunnel aufgenommen worden.

In den sozialen Medien kursieren ähnliche Nachrufe auch für Kämpfer des Palästinensischen Islamischen Dschihad.

Laut CPJ arbeitet Abu Arman als Journalist und Fotograf für die der Hamas nahestehende Nachrichtenagentur Palestine Now. Er sei getötet worden, als er in der Küstenregion al-Mawasi nach einem israelischen Luftangriff die Verletzten und die Hilfsarbeiten dokumentierte. Diese Region galt damals als „humanitäre Zone“.

Der Telegram-Kanal wurde im November 2025 aufgesetzt, fast 61.000 folgen ihm heute. Er bezieht sich immer wieder auf die Website der Qassam-Brigaden, ruft zu Spenden über eine offizielle E-Mail-Adresse auf. Der Fundraising-Beitrag ist ein Repost eines Beitrags des Kanals „Military Media – Al-Qassam Brigaden“.

Dieser Kanal repostet wiederum die Nachrufe des Telegram-Kanals „Monde der Flut“. Neben dem auf Abu Arman werden derzeit dutzende Nachrufe im Kanal veröffentlicht. Und wie er sind noch weitere Männer darunter, die auch auf Listen getöteter Journalisten im Gazastreifen auftauchen.

Etwa Mohammad Bassam al-Jamal. Beim CPJ wird er als getöteter Journalist aufgeführt; es wird transparent genannt, dass er für das der Hamas nahestehende Palestine Now gearbeitet habe. Er sei nach einem Angriff auf sein Zuhause in Rafah im April 2024 seinen Verletzungen erlegen. Laut seinem Nachruf, der bereits im März auf Telegram veröffentlicht wurde, war er Teil des „Media Departments“ der Rafah-Brigade der Hamas.

Teil der Artillerie der Hamas-Brigade

Oder etwa Bilal Maher al-Hathoum. Auf der Liste des CPJ taucht er nicht auf, dafür auf der Website „Stop Murdering Journalists“, die sich antiisraelisch positioniert und von der „schlimmsten Serie von Massenmorden an Journalisten in der Geschichte der Menschheit“ spricht. Oder bei London Freelance, eine Seite, die zu einer Untergruppe der britischen National Union of Journalists gehört. Auch Al Jazeera vermeldete seinen Tod als den eines Journalisten. Er wurde im Mai 2025 in Nordgaza von einer israelischen Drohne getötet.

Laut dem auf Telegram veröffentlichten Nachruf war al-Hathoum ein Zugführer im „Shahed Imad Aqel“-Bataillon. Das ist ebenfalls Teil der Qassam-Brigaden und war während des Kriegs nach dem 7. Oktober vor allem im Norden des Gazastreifens tätig. In einem ebenfalls fast fünf Minuten langen Video zeigen verschiedene Clips al-Hathoum in Uniform, bewaffnet, beim Schießen, beim Treueschwur.

Bei „Stop Murdering Journalists“ ist auch Hudeifah An-Najjar gelistet, er sei als freier Journalist tätig gewesen. Auf der Liste von CPJ taucht er nicht auf. Laut Nachruf kam er am 28. Oktober 2023 um. Auch bei Airwars, einer Londoner NGO, wird sein Fall aufgeführt: Dort wird erwähnt, dass er sich kurz zuvor verlobt hatte, dass er seinen Freunden als „ehrlich, vertrauenswürdig und großzügig“ galt.

Laut dem nun publizierten Nachruf war An-Najjar Teil der Artillerie der Hamas-Brigade von Khan Yunis im südlichen Gazastreifen. Auch in seinem Nachruf kommen Videoclips vor, in denen er unter anderem eine Weste trägt, auf der „Artillerie“ steht.

CPJ dokumentiert 212 getötete Journalisten und Medienschaffende in Israel und den palästinensischen Gebieten zwischen 2023 und 2026. Gegen einen großen Teil von ihnen gibt es auch seitens Israel keine Vorwürfe der Zugehörigkeit zu Gruppen wie der Hamas oder dem Palästinensischen Islamischen Dschihad.

Im Normalfall als Zivilisten eingestuft

CPJ schreibt auf Anfrage der taz: Die Information, dass ein Journalist getötet wurde, erhalte man aus den sozialen Medien, von lokalen Medien oder aus eigenen Quellen. Jeweils zwei „glaubwürdige Quellen“ müssten den Fall bestätigen. Alle Journalisten, die von CPJ als solche geführt werden, veröffentlichten regelmäßig faktenbasierte Berichte oder Kommentare.

CPJ schließe Journalisten von einer Listung aus, „wenn Beweise dafür vorliegen, dass sie zum Zeitpunkt ihres Todes zu Gewalt mit unmittelbarer Wirkung aufgerufen oder direkt als Kombattanten an einem bewaffneten Konflikt teilgenommen haben“. Maher al-Hathoum und Hudeifah An-Najjar seien etwa „nicht kongruent mit unserer Methodologie“ gewesen. Wenn neue Informationen zu einer Person auftauchten, nehme man ihre Namen von der Liste.

So etwa im Fall von Yacoup al-Bursh. Dessen Eintrag bei CPJ ist über Google noch zu finden. Er sei 30 Jahre alt gewesen, Journalist beim lokalen Namaa Radio, im November 2023 getötet worden. Bei „Stop Murdering Journalists“ wird er weiter aufgeführt. Auch al-Burshs Nachruf findet sich in dem Telegram-Kanal: Auf dem Bild hält er ein Sturmgewehr in der Hand. Dem Nachruf zufolge war er Teil des Military Media Departments.

Auf die Frage, ob nun auch etwa Abu Armans Name von der Liste genommen wird, schreibt CPJ: Diese sei dynamisch und werde fortlaufend aktualisiert, sobald neue Beweise auftauchten. „Sollte das CPJ die Vorwürfe unabhängig bestätigen können, würde der Fall aus der Liste gelöscht.“ CPJ verweist außerdem auf das Völkerrecht. Grundsätzlich gilt: Zivilisten sind im Krieg zu schützen. Medienschaffende – auch wenn sie Propaganda verbreiten oder einer Kriegspartei ideologisch nahestehen – werden im Normalfall als Zivilisten eingestuft.

Ob ein Journalist, der auch bei der Hamas tätig war, in diese Kategorie fällt, hinge davon ab, wie die Hamas an sich eingestuft werde, sagt der Völkerrechtler Matthias Goldmann der taz. Betrachte man die Hamas als beteiligte Armee eines internationalen bewaffneten Konflikts, müsse eindeutig zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten unterschieden werden. Betrachte man die Hamas als irreguläre Kämpfer, so wie Israel das tue, gebe es keine so klare Trennung, erklärt er. Viele Völkerrechtler verträten aber die Ansicht, dass auch irreguläre Kämpfer nur dann angegriffen werden dürften, wenn sie aktiv im Einsatz sind, betont Goldmann.

Ob es mit internationalem Recht vereinbar war, etwa Abu Arman bei seiner Tätigkeit als Journalist zu töten, ist also mindestens fraglich – trotz der nun von der Hamas selbst bestätigten Zugehörigkeit.

Mitarbeit: Hisham Al-Masri

  • informationsspiegel

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