Lena Dunhams Memoir „Famesick“: Über den Hass erzählen

Es gibt Namen, die sofort eine starke Reaktion hervorrufen, wenn man sie in der Öffentlichkeit ausspricht. Lena Dunham ist so einer.

Der Name der Autorin und Serienmacherin wurde zum Synonym der schlechten Feministin oder nervigen Oversharerin. Doch es sind nicht nur die anderen, die den Namen Lena Dunham mit negativen Gefühlen verbinden, auch sie selbst tut es. In ihren kürzlich erschienen Memoiren schreibt sie: „(Mein Name) wurde zum Zeichen von Exzellenz, dann zum Symbol für eine gewisse Absurdität der Millennials und – schließlich – zu einer Pointe, die sich eher wie eine Beleidigung anfühlte.“

Gründe, weswegen Lena Dunham gehasst wird, gibt es viele. Die Vorwürfe: Sie zeige zu viel von ihrem dicken Körper im Fernsehen. Sie sei eine Heuchlerin, weil sie abnimmt. Ihre Serie „Girls“ sei zu weiß. Es sei Tokenism, dass sie dem Schwarzen Schauspieler Donald Glover in der zweiten Staffel die Gastrolle eines republikanischen Love Interest gegeben hat.

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Das Buch

Famesick – A Memoir“, Lena Dunham, 4th Estate, 24 Euro, 394 Seiten

Bislang nur in englischer Sprache erschienen.

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Ihre Kommentare seien unsensibel, wie der, dass sie sich wünscht, sie hätte selbst mal eine Abtreibung gehabt. Sie habe als Kind ihren Bruder sexuell belästigt, weil sie ihn an seinen Genitalien berührt habe. Sie sei ein Nepo-Baby. Sie sei „white feminist“ und „hipster racist“.

Eine unwahrscheinlich erfolgreiche Frau

Die Liste ihrer (scheinbaren) Fehltritte lässt sich beliebig verlängern, denn Lena Dunham provoziert gerne und entschuldigt sich viel. Nur aus den Fehlern zu lernen, scheint sie nur bedingt. Ihre Person lässt sich gut über den Hass, der ihr entgegenschlägt, erzählen. Es wurde unzählige Male getan, erst kürzlich betitelte die New York Times ihr Interview mit: „Lena Dunham versucht immer noch herauszufinden, warum die Menschen sie so sehr hassen.“ Doch der Hass ist nur eine Seite ihrer Geschichte, die andere ist die einer unwahrscheinlich erfolgreichen Frau.

Sie ist gerade mal 23 Jahre alt, als sie mit dem selbst gedrehten Kurzfilm „Tiny Furniture“ einen Preis beim South-By-Southwest-Festival gewinnt. Kurz darauf verkauft sie ihre erste Fernsehserie an HBO, zwei Jahre später wird „Girls“ ausgestrahlt und gilt fortan als ein feministischeres und realistischeres „Sex and the City“.

Die Comedyserie läuft über sechs Staffeln und wird mit Emmys und Golden Globes prämiert. Alles geschrieben, produziert, Regie geführt und verkörpert von Lena Dunham. Angelehnt an einen Witz aus der ersten Episode der Serie wird Dunham schnell als „Stimme ihrer Generation“ gefeiert. Und ihr Erfolg reicht weit über eine Generation hinaus. Gerade unter der Gen Z feiert „Girls“ gerade ein großes Revival.

In ihren Zwanzigern führt Dunham ein erfolgreiches Leben zwischen New York und Los Angeles. Sie verkehrt mit Prominenten wie Judd Apatow, Nora Ephron oder Greta Gerwig und kann künstlerisch umsetzen, was sie möchte. Darunter ein erstes Memoir und ein feministischer Newsletter.

Was „Famesick“ erzählt

Doch auch diese Erfolgsgeschichte erzählt nur einen Teil der Wahrheit. Was von außen für viele nach einem Leben aussieht, dass sie selbst gerne in ihren Zwanzigern geführt hätten, beschreibt Lena Dunham als schlimmste Zeit ihres Lebens.

In ihrer neuen Autobiografie „Famesick“ erzählt sie von der Zeit des Berühtmtwerdens, von dem Hass, der ihr entgegenschlägt, von verpassten Familienmomenten und dem Verlust zweier wichtiger Beziehungen – zu ihrem Exfreund Jack Antonoff und ihrer Geschäftspartnerin und ehemals besten Freundin Jenni Konner.

Die Klatschmedien in den USA sind in den Tagen rund um die Veröffentlichung voll von Enthüllungen und Mutmaßungen. Buzzfeed, Variety oder auch People rätseln darüber, mit welchem Popstar Jack Antonoff kuschelte (war es wirklich Lorde?), skandalisieren, wie Adam Driver am Set von „Girls“ seinen Aggressionen freien Lauf ließ und Möbelstücke zerschmetterte oder verkaufen es als „shocking revelation“, dass Dunham kurz vor der Trennung ihren Partner betrogen hat.

Und ja, all das kommt in den Memoiren vor. Doch eigentlich dreht sich die Geschichte um etwas anderes. Sie erzählt von Krankheit und Schmerz. Lena Dunham ist an Endometriose und dem Ehlers-Danlos-Syndrom erkrankt. Eine äußerst schmerzhafte Krankheit, die oft zu Angststörungen führt. Auch bei Dunham, sie nimmt Klonopin dagegen – und wird abhängig. „Ich habe die meiste Zeit der letzten zehn Jahren krank verbracht. Manchmal im Krankenhausbett, öfter in meinem Bett, aber am häufigsten bei der Arbeit oder beim Dinner, wo ich so tat, als würde ich meine Schmerzen nicht spüren.“

Kirschgroße Blutklumpen

Dieses Alles-wollen und Alles-möglich-machen ist es, was Lena Dunham am Ende zu Boden schlägt. Selbst als sie wegen ihres Tablettenkonsums in einer Entzugsklinik ist, nimmt sie an der Met Gala teil. Sie beschreibt, wie sie nach einer Nacht im Fiebertraum ihr Abendkleid vor ihrer Tür in der Klinik liegenlassen musste, damit es nach Schmuggelware untersucht werden konnte.

In „Famesick“ gibt Dunham nicht nur intime Einblicke in ihre Krankheits- und Krankenhausgeschichten zwischen kirschgroßen Blutklumpen, die aus ihr rausfließen und Sex im Krankenbett – sie liefert auch Kontext zu einigen ihrer Fehltritte.

Kurz nach dem Finale von „Girls“ – die #MeToo-Bewegung war gerade aufgekommen –, wurde Murray Miller, ein Autor der Serie, des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Dunham und Konner verteidigten ihn. Sie schrieben, dass sie eigentlich immer Frauen glaubten, doch hier müsse es sich um eine Falschbeschuldigung handeln. Im Buch erklärt Dunham, dass sie zu dem Zeitpunkt, es war einige Tage nach ihrer Gebärmutteroperation – vollkommen sediert war und nicht wusste, was sie tat.

Solche Hintergrundgeschichte lassen die Leser_innen vielleicht besser verstehen, wieso Dunham wie gehandelt hat. Das Memoire liest sich trotz allem nicht wie der Versuch, sich reinzuwaschen. Doch es ist eine Chance, die Person Lena Dunham besser kennenzulernen und gleichzeitig etwas über die feministische Internetkultur zu lernen. Denn nicht nur für sie kam es überraschend, dass der größte Hass ihr nicht von irgendwelchen Männern, sondern von ihren eigenen Leuten entgegenschlug.

Aus einer diskriminierungssensiblen Perspektive sind viele Kritikpunkte an Dunham berechtigt. Doch die Kritik offenbart auch eine Verhaltensweise, das sich im Netz entwickelt hat. Als sei es moralisch in Ordnung, jeden Gedanken, den wir über irgendeine Person haben, ungefiltert zu veröffentlichen. Vor allem dann, wenn sie selbst viel über sich preisgeben. Gleichzeitig offenbart es den Anspruch an Personen des öffentlichen Lebens, dass sie eindeutig sein müssen. Eindeutig gut oder eindeutig böse. Ambivalenzen scheinen in schnelllebigen Social-Media-Zeiten überfordernd.

In den letzten Jahren hat Dunham sich etwas zurückgezogen. Lebt seit nun 8 Jahren clean mit ihrem Ehemann in Großbritannien, übernimmt aus Schutz vor dem Hass keine Hauptrollen mehr in ihren Serien und teilt weniger aus ihrem Leben im Netz.

Am Anspruch an sie hat es trotzdem nichts geändert. Zur Veröffentlichung von „Famesick“ hat die Chefredaktion, ein junges Onlinemedium aus Österreich, ein Reel auf Instagram gepostet. In dem Video fragen sie: Ist Dunham ein Vorbild oder ein Prototyp des weißen Feminismus? Dabei ist dieses Entweder-oder-Denken das Problem. Denn sie kann beides sein. Eine Feministin, die Pionierarbeit im kulturellen Bereich leistet und eine Feministin, die Fehler macht. Mindestens das hat ihr Memoire „Famesick“ gezeigt.

  • informationsspiegel

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