Konservative Journalisten: Kritisch bleiben für alle

D er Merz-Kritiker Donald Trump dürfte wohl nicht bei der Zeit arbeiten. Zumindest nicht, wenn es nach Chefredakteur Jochen Wegner geht. Denn der sucht gerade nach jungen, konservativen Leuten, die den Bundeskanzler verteidigen. Alternativ seien auch Leute für sein Haus interessant, wenn sie „Christian Linder schon mal gut fanden“.

Das erzählte er zumindest jungen Nachwuchsjournalist*innen während eines „Ask me anything“ des Mediencamps vom Verlag Oberauer am vergangenen Wochenende. Reine Provokation? Eher mehr: Denn es entlarvt eine gefährliche Tendenz. Unter dem Deckmantel der vermeintlichen Meinungspluralität werden andere wichtige journalistische Kriterien ad acta gelegt.

Anders kann man sich nicht erklären, warum der Chefredakteur ernsthaft behauptet, dass Journalist*innen einen der mächtigsten Männer der Bundesrepublik verteidigen sollten und einen Mann gut finden müssen, der nicht nur völlig irrelevant geworden ist, sondern auch die Ampelregierung auf einem Egotrip gegen die Wand gefahren hat.

Jungen Leuten, die sich noch in der Ausbildung oder am Anfang ihrer Karriere befinden, solch ein Bild von Journalismus zu malen, ist im besten Fall dreist, im schlimmsten demokratiegefährdend. Zeigt es doch, dass die Talking Points der AfD fruchten. Denn wer einen konservativen Journalismus fordert, lässt sich ein auf die Vorwürfe der „links-grün-versifften“ Massenmedien und zeichnet ein falsches Bild des Journalismus.

Journalismus soll nicht verteidigen, er soll machtkritisch sein – gerade im derzeit „aufgeheizten Klima“, was die Pressfreiheit und die verschärfte Bedrohungslage für Journalist:innen angeht, wie es die Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen aktuell für Deutschland konstatiert. Journalismus soll nachhaken, auf Distanz bleiben, egal ob es um den Kanzler, den grünen Lokalpolitiker oder die Polizei geht.

Den Vibeshift spüren

Letztere spielt auch bei einer neuen Kampagne des rbb eine wichtige Rolle: Auf einem Werbeplakat des Rundfunks Berlin-Brandenburg steht eine junge Demonstrantin selbstbewusst einem Polizisten mit Helm gegenüber und schaut ihm grimmig ins Gesicht. „Nachrichten für sie und für ihn“ wirbt der öffentlich-rechtliche Sender.

Insgesamt acht Motive mit vermeintlichen Gegensätzen hängen in Berlin und Brandenburg aus. Eine Frau mit Laptop im Café, hinter ihr im Bild der Straßenreiniger. Eine junge schwarze Frau am Wochenmarkt, neben ihr der alte weiße Mann. Der rbb, wie viele deutsche Medienhäuser, spürt den Vibeshift. Spürt das sinkende Vertrauen in die Medien und versucht das Publikum mit gefühligen Werbeplakaten zurückzuholen.

Oder mit Worten – wie die der Intendantin Ulrike Demmer, die den Sender „vom Hauptstadtsender zum Heimatsender“ umbauen will. Der rbb hat es zugegebenerweise momentan nicht leicht: An die Schlesinger-Affäre können sich noch zu viele erinnern, ebenso an die Fehler in der Berichterstattung im Fall Gelbhaar. Statt transparenter Aufklärung setzen sie nun auf Zuschauer*innen-Nähe mit Wohlfühlprogramm und einer Illusion von Objektivität.

Doch wer „Heimatsender“ sagt und Nachrichten für Polizist*innen machen will, auch der signalisiert: Die Zeiten des machtkritischen Journalismus sind vorbei.

Und trotzdem hält sich das Bild, dass die deutsche Medienlandschaft zu links und grün ist, wacker. Klar ist, dass Journalismus nie absolut objektiv ist. Menschen sind geprägt von ihrer Herkunft, ihren Erfahrungen und Arbeitsbedingungen. Und trotzdem gibt es Modelle, die belegen, dass die politische Einstellung des Einzelnen gar nicht so ausschlaggebend ist für die Berichterstattung.

Das „Hierarchy of Influences“-Modell der US-Forscher Pamela Shoemaker und Stephen Reese zeigt etwa, dass Journalist*innen und ihre Einstellungen im Idealfall eingebettet sind in ein System aus Regeln (Sorgfaltspflicht, Trennung von Kommentaren und Nachrichten), sie beeinflusst werden von der Ausrichtung ihres Mediums, ihren Kolleg*innen und auch größer gesehen von gesellschaftlichen Strömungen.

Die Zeit und der rbb scheinen Angebote machen zu wollen für die, die sich noch nicht genug abgeholt fühlen. Dabei gibt es schon ein reiches Angebot an konservativen Journalist*innen. Wer will, liest die FAZ, schaut sich die NDR-Sendung „Klar“ mit ihrer „tabubrechenden“ Moderatorin Julia Ruhs an.

Selbst in der taz verirrt sich mal ein mindestens fragwürdiger Gast auf die Bühne, wie Ulf Poschadt und die Jungs des rechten Podcast „based“.

Wie weit soll der Journalismus noch nach rechts rutschen? Wie viele klägliche Versuche einer „AfD-Entzauberung“ in Form eines Live-Interviews sollen wir noch beobachten?

Man kommt kaum hinterher, die Scherben, die demokratiegefährdenden Aussagen, die unkommentiert durch die Gegend fliegen, einzufangen. Und nicht überall haben die Werbeplakate des rbb überlebt: In der U-Bahnstation am Berliner Richard-Wagner-Platz steht die Demonstrantin einer weißen Fläche gegenüber. Die Seite des Polizisten wurde abgerissen. Zeit, um darüber zu reden, wie wir den Weißraum füllen wollen.

  • informationsspiegel

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