
Sie sind sich nicht sicher, wer auftauchen wird. Es ist keine Uhrzeit abgesprochen und keine Partie. Also frühstücken die englischen Fußballer:innen von den Easton Cowboys and Cowgirls im Morgengrauen und stehen immer um 8 Uhr früh auf dem Platz. Es sind Fußballplätze in entlegenen Dörfern in der südmexikanischen Provinz Chiapas, die Orte tragen Namen wie Morelia, 10 Abril und La Garrucha.
„Und dann tauchten die Zapatisten auf Pferden auf“, erinnert sich Beth Simpson, die damals als Spielerin mit dabei ist. „Es hat sich herumgesprochen in den autonomen Gebieten, dass wir da waren. Es hieß: Kommt und schaut euch die weißesten Weißen an, die ihr je sehen werdet.“ Und dann wird gekickt. Meist den ganzen Tag gegen zapatistische Teams, ausschließlich Männer. Es ist erschöpfend und berauschend.
Abends sitzen sie zusammen und tauschen sich über ihre Leben aus, die indigenen Zapatisten in ähnlich holprigem Spanisch wie die Gäste aus Übersee. „Ich hatte so was noch nie erlebt“, sagt Beth Simpson. „Es hat unsere Leben verändert.“
Wie kamen englische Hobbykicker:innen dazu, gegen revolutionäre Zapatisten in Chiapas Fußball zu spielen? Es ist eine dieser Geschichten, in denen klar wird, dass Fußball viel mehr sein kann als eine profitgetriebene WM. Und manchmal wörtlich ein Ort der Revolution.
Paradigmenwechsel mit Vorbildfunktion
2026 wird wohl eher nicht daran erinnert werden. An damals, Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre, als Widerstand und Weltfußball einander in Chiapas für kurze Zeit begegneten. Weil Fußball auch ein gutes Vehikel für linke Politik sein kann. Und natürlich, weil auch Zapatisten den Fußball lieben.
Im Jahr 1994 nehmen im mexikanischen Chiapas an der Südgrenze zu Guatemala überraschend rund 5.000 Aufständische sieben Bezirkshauptstädte ein. Die vor allem indigene Bewegung mit dem militärischen Arm EZLN fordert Landbesitz, Anerkennung ihrer indigenen Rechte und Selbstverwaltung.
Als der Aufstand brutal niedergeschlagen wird, kommt es zu einem Paradigmenwechsel mit Vorbildfunktion: Die Zapatisten, so schreibt Christopher Wimmer in seinem 2025 erschienenen Buch „Alles muss man selber machen“ zur Geschichte der Rätebewegungen, setzen als Ziel nicht mehr den militärischen Sieg und Eroberung des Staates, sondern errichten „ein paralleles Gesellschaftssystem“.
Sie zahlen keine Steuern, haben eine alternative Gerichtsbarkeit, radikale Rätedemokratie, eine teils antikapitalistische Ökonomie mit Kollektiveigentum und Subsistenz, hohe Geschlechtergerechtigkeit, unabhängige Schulen. Den Zapatisten sei es „damit gelungen, eine ‚Doppelherrschaft‘ zu etablieren“, schreibt Wimmer.
Gute Presse und revolutionäre Fitness
Chiapas wird zu einem globalen linken Sehnsuchtsort wie seither vielleicht nur noch Rojava. Zur selben Zeit gründet sich um 1992 in Bristol ein ungewöhnlicher Fußballklub. Viele der Spieler:innen kommen aus der Hausbesetzungsszene. Es ist eine unübliche Kombination, Linke rümpften damals über Fußball meist die Nase.
1998 veranstalten die Easton Cowboys and Cowgirls eine alternative WM. Da haben ein paar Aktivist:innen eine wilde Idee: Und was, wenn man nach Chiapas fährt und Soli-Partien gegen die Zapatisten austrägt? „Die mexikanische Regierung erlaubte keine Reisen aus dem Ausland in die zapatistischen Gemeinden“, erinnert sich die heute 56-jährige Beth Simpson. „Außer für Sport. Das war ein Schlupfloch.“ Und so reisen sie im Mai 1999 zum ersten Mal hin, es folgen mehrere weitere Besuche. Bei einem davon ist auch ein gewisser Graffitikünstler aus Bristol dabei. „Banksy stand im Tor“, erinnert sich Simpson.
Die Zapatisten verstehen sofort, welchen PR-Wert der Fußball für sie hat. „Sie waren klug. Sie wussten, dass ihr Überleben davon abhing, in den Medien zu bleiben.“ Auch sei Fußball dort als gute Möglichkeit betrachtet worden, sich fit zu halten. Die zapatistischen Teams mit schillernden Namen wie Die Tiger oder Neue Revolution seien starke Gegner gewesen, erzählt Beth Simpson. „Sie tranken keinen Alkohol, arbeiteten in Handwerksjobs und viele waren im Krieg von 1994 bei der EZLN gewesen.“
Um körperliche Nachteile auszugleichen, verlegen sich die Engländer:innen auf hohe Bälle. Aber natürlich, sagt Simpson, sei es nicht nur um politische PR gegangen. „Sie waren halt Mexikaner. Sie liebten Fußball.“
Inter Mailand spendet für die Zapatisten
Und auch dank Fußball sichern sie sich globale Aufmerksamkeit. Am 15. März 1999 spielt eine Auswahl der EZLN in Mexiko-Stadt ein Freundschaftsspiel gegen mexikanische Ex-Profis, darunter den heutigen Nationaltrainer Javier Aguirre, damals Trainer beim Erstligisten CF Pachuca. „Das muss selbst auf globaler Ebene beispiellos sein“, erinnerte sich 2024 der Sportjournalist Carlos Nava. „Ich habe noch nie von einer revolutionären Gruppe gehört, die im Zentrum des Landes auf einem Fußballplatz auftritt.“ Für ihn ein Zeichen, „dass sich das Land schon an das Zusammenleben mit dem Zapatismus gewöhnt hatte“.
Die Zapatisten spielen in Sturmhauben und mit Trikots, die einen roten Stern und die Aufschrift EZLN tragen. Sie unterliegen mit 3:5, vermutlich lassen die Altstars Gnade walten. „Wir haben nicht verloren, uns fehlte nur die Zeit, um zu gewinnen“, kommentierte Subcomandante Marcos in einem gewohnt ironischen Schreiben und erklärte, die Spieler seien Höhe und Klima nicht gewöhnt.
Kurz betrat der zapatistische Fußball sogar die Weltbühne. Inter Mailands Spielerlegende und damaliger Kapitän Javier Zanetti, heute Vizepräsident des Klubs, überredet 2004 sein Team dazu, 5.000 Euro, einen Krankenwagen und Sportutensilien an die EZLN zu spenden – heute kaum vorstellbar für einen Weltklub. Auf Vereinspapier schreibt Zanetti dazu einen Brief. „Wir glauben an eine bessere Welt, eine unglobalisierte Welt. Wir wollen euch in eurem Kampf für eure Wurzeln und eure Ideale unterstützen.“
Es sind keine leeren Worte; nach eigenen Angaben besuchten Vertreter von Inter Mailand bis 2016 zehnmal Chiapas, der Klub finanzierte dort etwa Bildungsprojekte. „Unser Team spielt nicht nur Playstation“, kommentierte Teammanager Bruno Bartolozzi das ungewöhnliche politische Engagement.
Die Aufmerksamkeit für Chiapas schwindet
Für die zapatistische Bewegung ein PR-Geschenk. Subcomandante Marcos schreibt 2005 an Inter-Präsident Massimo Moratti – und lädt Inter zu einem Spiel gegen die Zapatisten ein. Es ist so etwas wie das damalige Pendant zu einer gelungenen Social-Media-Kampagne. Der Brief, in dem Marcos sich als Chef der Intergalaktischen Beziehungen des Zapatista-Nationalteams vorstellt und Partien u. a. mit Diego Maradona als Schiri und Sócrates als viertem Offiziellen vorschlägt, deren Erlöse an politische Zwecke gehen sollen, schlägt hohe Wellen. „Vielleicht würden wir den Weltfußball revolutionieren, und vielleicht würde Fußball aufhören, nur ein Geschäft zu sein“, schreibt Marcos.
Für einen irrwitzigen Moment sieht es aus, als würde die Partie wirklich stattfinden. Javier Zanetti nimmt die Einladung an, Moratti schreibt einen Antwortbrief mit Zusage. „Jede Revolution beginnt im eigenen Strafraum und endet zwischen den Pfosten des Gegners“, heißt es dort etwas ungelenk. Doch dann wird nichts daraus. Vermutlich, weil Inter ahnt, dass die mexikanische Regierung und mancher Sponsor nicht amüsiert wäre. So wird es still um Inter und die Zapatisten.
Und auch sonst schwindet die Aufmerksamkeit für Chiapas. Die Eastern Cowboys and Cowgirls machen 2006 mit einer Basketball-Tour ihren letzten Trip. Bis heute existiert ihre Soli-Organisation Kiptik, die laut Beth Simpson bisher insgesamt 150.000 Pfund für Wasserprojekte in Chiapas gesammelt habe.
Doch auch Kiptik ist nicht mehr vor Ort tätig. Denn die Lage dort hat sich drastisch verschlechtert. Kartelle, Paramilitärs, staatliche Sicherheitskräfte und Konzerne auf der Jagd nach Rohstoffen schnüren den Zapatisten die Luft ab. NGOs sprechen von einem „Krieg niedriger Intensität“.
Wie viel Revolution kann Fußball?
Auch intern gab es offenbar Probleme mit der Rätedemokratie und ihren langwierigen Prozessen. 2023 kündigte die EZLN eine Umstrukturierung mit mehr Fokus auf Lokalem an. Wimmer sieht in seinem Buch die Gefahr „eines allmählichen Erosionsprozesses“, bei dem der Zapatismus „zwischen staatlicher Politik und organisiertem Verbrechen zerrieben“ werde.
Heute hat Beth Simpson keine Kontakte mehr vor Ort. Auch Versuche der taz, über lokale NGOs und Aktivist:innen beteiligte Personen von damals zu finden, scheitern. Wegen der Sicherheitslage ist ein Besuch der entlegenen Dörfer kaum möglich.
Was bleibt? Wie viel Revolution kann Fußball? „Was wir geschafft haben, sind Verbindungen. Wir haben gezeigt, dass es Tausende Kilometer entfernt Menschen gibt, denen ihre Sache wichtig ist. Wir haben Freundschaften geschlossen. Es ist Politik auf Graswurzelebene.“ Ganz konkret sei erst durch den Fußball die Organisation Kiptik entstanden, die in Chiapas Leben rettete. Und was Fußball nicht kann? „Weltpolitik lösen.“ Trotzdem sagt Simpson: „Ich bin stolz darauf, was wir geschafft haben.“
Gerne würde sie eigentlich irgendwann noch einmal nach Chiapas reisen. Um zu sehen, was aus den Menschen von damals geworden ist. „Ich hoffe, sie leben noch. Angesichts der Weltlage ist das vielleicht das Beste, worauf man hoffen kann.“






