Serie „Proud“ aus Polen: Vom Clubkid zum Ersatzpapa

In den vergangenen Jahren schienen schwule Serien vor allem dann große Aufmerksamkeit zu bekommen, wenn ihre Geschichten größer waren als das Leben selbst. Allen voran Ryan Murphy, einer der einflussreichsten Serienschöpfer der Gegenwart, kultivierte diesen Ansatz zu einer eigenen Kunstform: In „Hollywood“, „Halston“ oder „The Politician“ bewegen sich schwule Figuren durch Welten voller Glamour und in grellen Farben inszenierter Melodramatik. Doch auch das kürzlich so überaus erfolgreiche „Heated Rivalry“ bedient letztlich eine überlebensgroße romantische Fantasie.

Anders ausgedrückt: Zumindest im Streaming-Bereich wurden queere Geschichten zuletzt häufig als Wunschbilder erzählt, handelten von außergewöhnlichen Menschen oder den wirklich ganz großen Gefühlen.

Allein schon vor diesem Hintergrund wirkt „Proud“ wie ein überaus wohltuender Gegenentwurf, wie ein Ausbruch aus aktuellen queeren Erzähltrends. Denn Karol Klementewicz, der die Serie inszenierte und gemeinsam mit Monika Pęcikiewicz das Drehbuch verfasste, wagt sich tatsächlich an die Widrigkeiten des wahren Lebens, seine schmerzhaften Fragen, und findet ausgerechnet dort umso schönere Antworten.

Das Leben als Fiebertraum

Dabei scheint der Protagonist Filip (Ignacy Liss) anfangs selbst so, als hätte er sich in einem schwulen Fiebertraum eingerichtet. Er ist jung, attraktiv, arbeitet als Model und bewegt sich durch eine Welt aus exzessiven Partys und unverbindlichem Sex. In einer der ersten Szenen erscheint er in roter Lederjacke zu einem Casting, streicht sich kurz zuvor noch Kokain über das Zahnfleisch und verschwindet wenig später wieder im pulsierenden Nachtleben.

Karol Klementewicz inszeniert Filips Bewegungen mit bemerkenswerter Sinnlichkeit und visueller Präzision, verweigert sich etwa jedem verschämten Wegblenden. Zu einer verlangsamten Coverversion von Britney Spears’ „Toxic“ gleitet die virtuose Kamera von Weronika Bilska durch rot ausgeleuchtete Clubräume, verliert sich in Blicken, Berührungen und flüchtigen Begegnungen. Musik und Bildgestaltung greifen dabei so kunstvoll ineinander, dass die ersten Minuten wie ein hypnotisches Musikvideo wirken.

Es ist eine Welt aus Verführung und Selbstvergessenheit, die Filip mit sichtbarer Lust auskostet – und ihr Reiz überträgt sich ganz unmittelbar. Gemütlich macht es sich die Serie in dieser berauschenden Ästhetik allerdings nicht, denn hinter der oberflächlichen Freiheit verbirgt sich von Beginn an auch eine Geschichte über Verantwortung und persönliche Veränderung.

Kein moralisches Läuterungsdrama

Mit einem schnellen Schnitt holt die Serie ihren Protagonisten prompt zurück in den Alltag: Als Filip nach einer durchfeierten Nacht mit mehreren Männern im Bett liegt, reißt seine Schwester Anna (Sylwia Boroń) unversehens den Vorhang auf. Über den Besuch ist sie nicht empört – über den Müll, die herumliegende Wäsche und den Zigarettengeruch in der Wohnung, in der auch ihre kleine Tochter Tasia lebt, allerdings schon.

Was hier noch wie ein beiläufiger Konflikt des geschwisterlichen Zusammenlebens erscheint, erweist sich schließlich als Vorbote einer existenziellen Erschütterung: Anna stirbt wenig später, und da Tasias leiblicher Vater kein Interesse an seiner Tochter zeigt, nimmt sich Filip selbst seiner Nichte an, um sie vor der Unterbringung in einem Heim zu bewahren.

„Proud“ verwandelt sich damit aber keineswegs in ein moralisches Läuterungsdrama. Karol Klementewicz interessiert sich nicht für die Aburteilung eines hedonistischen Lebensstils, sondern für die Möglichkeit, über sich selbst hinauszuwachsen, wenn es sein muss – und erzählt dies nicht etwa als schnöde Optimierungsgeschichte, sondern als mühsamen und mitunter widersprüchlichen Prozess.

Die klugen menschlichen Beobachtungen der Serie finden sich dabei auch in der Zeichnung jener Wahlfamilie, die Filip im Laufe der Handlung zur Seite steht. In Kiki (Maria Sobocińska) etwa, die ihre Tochter als Teenager allein großziehen musste und deren Warmherzigkeit stets von einer gesunden „No Bullshit“-Haltung begleitet wird – oder Olek (Kamil Studnicki), der sich in Filip verliebt hat, ihn immer wieder unterstützt und zugleich lernen muss, sich von dessen Strahlkraft zu emanzipieren.

Politikum wider Willen

Die Geborgenheit, die Filip in dieser Wahlfamilie findet, schützt ihn allerdings nicht vor den Realitäten des Landes, in dem er lebt. Als er versucht, dauerhaft Verantwortung für Tasia zu übernehmen, stößt er an institutionelle Grenzen, die seine Sexualität eben doch zu einem politischen Thema machen. Damit wird auch „Proud“ unweigerlich zu einer Geschichte mit gesellschaftlicher Relevanz – umso mehr, als es sich um die erste große polnische Serie mit einem schwulen Protagonisten handelt.

Im Gespräch mit der taz erklärt Karol Klementewicz, die Serie sei auch aus „Wut über die Situation queerer Menschen“ entstanden – und über die Heuchelei einer Welt, die sich gern als tolerant und inklusiv begreift, jedoch noch immer ausgrenzt, urteilt und Chancen ungleich verteilt. Auch Produzent Bogumił Lipski betont, queere Menschen würden in Polen – das noch vor wenigen Jahren mit sogenannten „LGBT-freien Zonen“ für Aufsehen sorgte – weiterhin zu Feindbildern stilisiert, um Wählergruppen zu mobilisieren.

Dabei verstehen beide „Proud“ ausdrücklich nicht als Provokation. Dass die Serie dennoch Debatten auslösen dürfte, daran hat Lipski, der „Proud“ zunächst als unabhängiger Produzent entwickelte und mittlerweile die polnischen Originalproduktionen von HBO Max verantwortet, keine Zweifel. Er verweist auf den aufgeheizten gesellschaftlichen Kontext, in dem die Serie erscheint.

Als Beispiel nennt Lipski ein erst Ende Mai vom Parlament verabschiedetes Gesetz, das auch gleichgeschlechtlichen Paaren bestimmte Rechte einräumen würde. Präsident Karol Nawrocki kündigte jedoch umgehend an, die Regelung nicht unterzeichnen zu wollen.

Keine Empowerment-Plattitüden

Umso mehr hofft Lipski, dass die Diskussionen, die „Proud“ womöglich auslöst, respektvoll und vernünftig geführt werden. Ähnlich sieht es auch Klementewicz: „Ich erzähle nur eine Geschichte. Wenn die Serie eine Debatte anstößt, umso besser. Miteinander zu sprechen ist wichtig, miteinander zu sprechen lohnt sich.“

Nicht zuletzt das macht „Proud“ so außergewöhnlich: Obwohl die Serie in einem hochpolitisierten Umfeld erscheint, verweigert sie sich konsequent abgedroschenen Empowerment-Plattitüden, gutgemeinten Botschaften und platten Symbolfiguren, sucht eben nicht den schnellen Beifall für die richtige Haltung, sondern lässt menschliche Widersprüche zu und schafft dadurch eine umso kraftvollere Erzählung.

Beim wichtigsten Serienfestival Europas, der „Series Mania“ in Frankreich, wurde „Proud“ bereits mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. Verdient wäre es allemal, wenn dieser Erfolg weit über Lille hinausreicht. Denn neben vielem anderen beweist „Proud“, dass man queere Geschichten nicht überhöhen muss, um ihnen Größe zu verleihen.

  • informationsspiegel

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