Nato-Truppen in Deutschland: Verschlusssache Truppenstärke

Erneut droht US-Präsident Donald Trump damit, die Zahl von amerikanischen Truppen in Deutschland zu reduzieren. Eine Entscheidung darüber solle in „kurzer Zeit“ getroffen werden, teilte Trump in der Nacht zu Donnerstag auf seiner Plattform Truth Social mit. Die Äußerungen des US-Präsidenten können als Reaktion auf den Schlagabtausch mit Bundeskanzler Friedrich Merz verstanden werden, der den USA während einer Podiumsdiskussion in einer Schule vorgeworfen hatte, von Iran „gedemütigt“ zu werden und im Krieg „ohne Strategie“ gehandelt zu haben.

Doch was die Zahl der Nato-Soldat*innen in Deutschland angeht, fehlt der Bundesregierung eine Kommunikationsstrategie. Laut aktuellen Angaben aus dem Pentagon sind derzeit etwa 36.000 US-Soldat*innen in Deutschland stationiert – von der Bundesregierung ist diese Zahl derzeit nur schwer zu bekommen, wie eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion zuletzt ergab.

Klar ist nur: Eine Truppenreduktion in Deutschland, über die Trump auch schon während seiner ersten Amtszeit nachgedacht hatte, würde die globalen Einsatzmöglichkeiten der US-Armee schwächen. Die Luftwaffenbasis im pfälzischen Ramstein und das größte ausländische Militärkrankenhaus der USA im bayrischen Landstuhl spielen etwa bei der Kriegsführung in Iran eine Rolle. In Wiesbaden befindet sich außerdem das Kommando der US-Armee für Europa und Afrika.

Was den Krieg in Iran angeht, drängte Merz am Mittwoch erneut auf eine Beendigung. Der Krieg habe „unmittelbare Auswirkungen auf unsere Energieversorgung“ und „massive Auswirkungen auf unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit“, sagte der Kanzler. Trotz dieser erneuten Kritik bemühte er sich, die Auseinandersetzung mit Trump herunterzuspielen. Das Verhältnis zwischen ihm und dem US-Präsidenten sei aus seiner Sicht „unverändert gut“, sagte Merz.

Zahl der US-Soldat*innen hat sich zuletzt kaum verändert

Die Debatte um den möglichen Truppenabzug wirft ein Schlaglicht auf die Stationierung von Nato-Soldat*innen in Deutschland. Eigentlich ist es eine Routineabfrage, die aus dem Parlament jedes Jahr an die Bundesregierung gestellt wird: Über Kleine Anfragen machten die Abgeordneten über viele Jahre öffentlich, wie viele ausländische Truppen in Deutschland stationiert sind. Bei den Angaben handelt es sich um Daten, die die Militärattachés in den ausländischen Botschaften regelmäßig an die Bundesregierung melden.

Aus den Abfragen der vergangenen fünf Jahre geht hervor, dass sich die Zahl der in Deutschland stationierten US-Soldat*innen in den vergangenen fünf Jahren nur unwesentlich verändert hat – trotz aller Äußerungen Trumps. So lag die US-Truppenstärke hierzulande im Jahr 2022 bei 38.000, 2021 bei 37.550. Hinzu kamen für das Jahr 2022 460 Sol­da­t*in­nen aus Großbritannien sowie jeweils 580 aus Frankreich und den Niederlanden.

Über die Zahl der ausländischen Kräfte wurde in Deutschland nie ein großes Geheimnis gemacht. Umso erstaunlicher ist, dass die Bundesregierung das Parlament und auch die Öffentlichkeit in dieser Frage nun zunehmend im Dunkeln lässt. Bereits für das Jahr 2023 stufte die Bundesregierung die Antwort auf eine entsprechende Anfrage der BSW-Gruppe als Verschlusssache ein und sprach von „militärisch sensiblen Informationen“. Dabei war die Zahl der US-Soldat*innen in Deutschland über das Pentagon jederzeit weiter abrufbar: Im Dezember 2023 waren etwa 35 000 Sol­da­t*in­nen hier stationiert.

Zwar ist die Bundesregierung nicht verpflichtet, wegen parlamentarischer Anfragen eigene Recherchen anzustellen. Informationen, die in die Zuständigkeit der Ministerien fallen und die ihnen vorliegen, müssen sie teilen, wenn sie keiner Geheimhaltung unterliegen. Es ist aber fraglich, warum die Zahl der Truppen in Deutschland Verschlusssache ist, wenn doch die US-Regierung sie selbst veröffentlicht.

Hat der parlamentarische Staatssekretär gelogen?

Dabei ist die Bundesregierung zuletzt wohl einen Schritt weitergegangen. Der Linken-Abgeordnete Ulrich Thoden hatte dem parlamentarischen Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Sebastian Hartmann (SPD), im November in einer Bundestagsrede vorgeworfen, das Parlament in der Frage von ausländischen Streitkräften in Deutschland „vorsätzlich belogen“ zu haben.

Hartmann hatte auf eine Kleine Anfrage des Linken-Politikers Thoden vom 1. August 2025 schriftlich mitgeteilt, die Bundesregierung verfüge hier über keine Erkenntnisse und plane auch nicht, diese einzuholen. Laut einem Dokument aus dem Auswärtigen Amt weiß die Bundesregierung aber durchaus über die Zahl der US-Soldat*innen hierzulande Bescheid.

Sebastian Hartmann wollte sich auf taz-Anfrage nicht zu dem Vorwurf äußern, er habe dem Parlament bestehende Informationen vorenthalten. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums erklärte am Donnerstag, für eine Antwort müssten im Ministerium Fachreferate hinzugezogen und kündigte eine Auskunft für kommende Woche an.

Die Leute würden sich sicher fühlen

Für den Linken-Politiker Ulrich Thoden ist das Dichtmachen der Regierung bei der Zahl der Nato-Truppen in Deutschland symbolisch. „Derzeit ist kaum eine Kontrolle der Regierung in Verteidigungsfragen möglich“, sagte er der taz. Das gelte insbesondere bei neuen Rüstungsprojekten, bei denen die Abgeordneten oftmals weder Angaben zu den Fähigkeitszielen, noch zu den Beständen der Bundeswehr, noch die Stückzahlen neu zu beschaffender Waffen erhielten.

Thoden sagt, er sei sich des Spannungsfelds durchaus bewusst, in dem sich das Verteidigungsministerium befinde. „Ich kann das bis zu einem gewissen Grad verstehen, dass sensible Informationen zurückgehalten werden.“ Gerade die AfD versuche auch über das Mittel der parlamentarischen Anfragen an sensible Informationen zu gelangen. Doch bei den Antworten gebe es unterschiedliche Stufen, auf Anfragen einzugehen, sagt er. So könne man im Zweifel Antworten als Verschlusssache einstufen, die von den Abgeordneten gesondert eingesehen werden könnten.

Während die Zahl der US-Soldat*innen in Deutschland zwischenzeitlich bekannt sei, habe die Regierung über die aktuelle Stärke der übrigen Nato-Staaten in Deutschland immer noch keine Klarheit geschaffen, sagt Thoden. „Die Bundesregierung muss hier endlich für Aufklärung sorgen, zumal sie damit das öffentliche Sicherheitsempfinden der Bevölkerung positiv beeinflussen könnte.“ Durch die Anwesenheit von verbündeten NATO-Streitkräften in Deutschland werde die militärische Abschreckungswirkung gegenüber potenziellen Angreifern massiv erhöht.

Die Drohung Trumps über einen möglichen Truppenabzug hält Thoden dagegen für einen Bluff. „Angesichts der militärischen Infrastruktur der USA in Deutschland, glaube ich nicht, dass die Überlegungen des US-Präsidenten ernstzunehmen sind“, sagte er.

  • informationsspiegel

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