Neues Album von Aldous Harding: Gestaltwandlerin im Wassertank

Wer sich Sorgen macht, Aldous Harding könne ihre eigene Weirdness abhandenkommen, also genau das, wofür sie von ihrem Publikum verehrt wird, kann beim Anschauen des Videoclips zum Song „One Stop“ entspannen. Die Vorabsingle klingt zwar genau wie das dazugehörige neue Album „Train on the Island“, noch geschmeidiger und zugänglicher als die auch schon recht einschmeichelnden Vorgänger „Designer“ (2019) und „Warm Chris“ (2022). Ihr aktuelles Material ist also weit weg vom kargen Frühwerk der neuseeländischen Künstlerin, das seinerzeit gerne „Gothic Folk“ gelabelt wurde.

Doch der höchst unbehagliche Kurzfilm für „One Stop“ führt Harding weit abseits von folkiger Indie-Gemütlichkeit: Eingesperrt in einen leeren Wassertank aus Beton führt sie darin einen wilden Tanz auf. Ihre schlangenartigen Verrenkungen bringen sie zum Keuchen und Schwitzen, ihr Blick wirkt gequält. Zwischendurch muss sie sich hinlegen. Warum sich die 36-Jährige für die Kunst überhaupt so verausgabt, bleibt unklar. Der klaustrophoben Situation zu entrinnen, scheint gar nicht ihr Ziel zu sein. Freude an der Bewegung erst recht nicht. Zum Ende hin meint man ein „what the fuck“ von ihren Lippen abzulesen.

Der Songtext wirkt nicht minder verrätselt. Unter anderem geht es um die Rückkehr an einen Ort, den Harding einmal gut kannte; nun oszilliert sie zwischen Vertrautheit und Entfremdung. Inwiefern eigenen Erinnerungen, auf die sich unsere Identität stützt, überhaupt zu trauen ist? „I’m gonna write what I know / Things I ain’t known for a long time.“

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Aldous Harding

Aldous Harding: „Train On The Island“ (4AD/ Beggars/Indigo)

Live: 19.6.2026 Hamburg, „Große Freiheit 36“; 21.6.2026 Berlin, „Huxleys Neue Welt“; 6.7.2026 München, „Muffathalle“

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„One Stop“ erweist sich auch musikalisch als Shapeshifter, mit Hardings Stimme und einem repetitiven Klavier als Konstanten: Atmosphäre, Instrumentierung und Rhythmen werden immer neu austariert, stete Verschiebungen unter der fluffigen Oberfläche offenbaren sich nur langsam. Ihre Singstimme setzt sie auf eine Weise ein, die man immer noch chamäleonhaft nennen kann, auch wenn sie diesmal weniger übertrieben moduliert. Dass sie in verschiedenen Stimmen, Dialekten und Tonlagen singt, war bislang ihr vieldiskutiertes Alleinstellungsmerkmal.

Verlorene Unschuld

Vermutlich muss man sich der enigmatischen Musikerin gar nicht nähern, um ihr Rätsel zu knacken, wie es Fans und Kri­ti­ke­r:in­nen gerne tun. Besser wäre, sich einfach von der surrealen Anmutung sanft durchschütteln zu lassen. Etwa beim Albumauftakt „I Ate the Most“, der über pulsierendes Synthie-Geplucker immer neue Fährten legt, die im Sand verlaufen: Essstörungen, sexuelle Identität. Es bleibt das Gefühl verlorener Unschuld, jedoch frei von Pathos: „No regrets, just things that will haunt me / Maybe I’ll bury them“.

Auch das fünfte Album von Aldous Harding ist zusammen mit ihrem langjährigen Weggefährten John Parish entstanden, weithin bekannt als Leib-und-Magen-Produzent von PJ Harvey. Seine luftige Produktionsweise gibt der warmen Instrumentierung Raum zum Atmen. Neben der Harfenistin Mali Llywelyn, dem Pedal-Steel-Gitarristen Joe Harvey-Whyte, Synth-Künstler Thomas Poli und dem Schlagzeuger Sebastian Rochford ist es Hardings Ex-Partner Huw Evans alias H. Hawkline, der mit Bass, Orgel und Gitarre die minimalistischen Arrangements in subtil flirrenden Klang verwandelt.

H. Hawkline tritt zudem als Duettpartner in Erscheinung. Beim melodiösen „Venus in the Zinnia“, dem beschwingtesten Song des Albums, transportiert schon das Video sonnige Entspanntheit. Für potenzielle Abgründigkeit sorgen aber auch hier enigmatische Lyrics. Zeilen wie „I cut my hair, nobody loved it / Thank you for sharing“ knipsen ein Kopfkino an, das signalisiert: Nix ist, wie es scheint – selbst wenn der weitere Zusammenhang auch hier ein Rätsel bleibt.

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