Neues Album von Souled American: Langsamer Groove und gründliche Reduktion

Willkommen zurück im Geschehen, Souled American! Über die Rückkehr der Band aus Chicago freuen sich nicht nur prominente Fans wie Jeff Tweedy und Will Oldham, sondern auch das US-Netzmusikmagazin Pitchfork: „Es gibt einflussreiche Bands, die Hunderte von Nachahmern hervorbringen, und es gibt einflussreiche Bands, die überhaupt niemand hervorbringen; nicht etwa weil ihr Einfluss zu oberflächlich wäre, sondern weil ihr Sound so einzigartig ist, dass niemand herausfindet, wie er zu kopieren ist. Souled American gehören zu dieser Kategorie.“

Das letzte Lebenszeichen, das Album „Notes Campfire“, erschien genau vor 30 Jahren, aber Souled American legt darauf Wert, dass „Sanctions“, ihr neues und insgesamt siebtes Werk, nicht etwa Frucht einer Reunion sei – vielmehr sei die ganze Zeit seit 1996 kontinuierlich an der Musik gearbeitet worden.

Wurde hier also in vielen, langen Sessions ein Opus magnum aufgeschichtet oder in kreativen Qualen immer wieder verworfen, neu begonnen, verbessert, modifiziert, umgebaut, bis eine verständige externe Kraft diesem selbstzerstörerischen Treiben Einhalt gebot?

Der Alltag und seine Erfordernisse

Kri­ti­ke­r*in­nen und Ken­ne­r*in­nen der Band aus Chicago vermuten eher, dass die Gruppe die notorische Langsamkeit ihrer Musik auf ihr Arbeitstempo appliziert hat. Vielleicht war es so, vielleicht war es aber auch ganz anders, womöglich ist einfach nur das gewöhnliche Alltagsleben mit seinen gemeinen Erfordernissen regelmäßig in den kreativen Prozess gegrätscht und hat ein stetiges künstlerisches Arbeiten verhindert; wie das heute so üblich ist bei Musiker*innen, denen es mit ihrer Kunst ernst ist und die deshalb damit nicht ihren Lebensunterhalt finanzieren können.

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Das Album

Souled American: „Sanctions“ (Jealous Butcher/Red Eye Worldwide/Bertus)

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Was man sich kaum vorstellen kann, wenn man die Geschichte der Band verfolgt hat: Souled American sind aus einer Ska-Punk-Band hervorgegangen. Nach ihrer kurzen gemeinsamen Zeit (1982–1984) bei den Uptown Rulers sind der Bassist und Sänger Joe Adducci und der Gitarrist und Sänger Chris Grigoroff in vergleichbare Temporegionen allerdings nie wieder vorgedrungen.

Stattdessen widmeten sie sich einem Projekt, das sie schon bald in Bereiche führte, in denen sich noch niemand vor ihnen herumgetrieben hatte. Ihr 1988 veröffentlichtes Debütalbum „Fe“ würde man heute wohl unter Altcountry einsortieren. Damit passte es eigentlich ganz gut in eine Zeit, als Bands wie Uncle Tupelo, Green on Red und die Lemonheads mit dem Countryrock der 1970er Jahre zu flirten begannen, Klassiker von Gram Parsons coverten oder eine Pedal-Steel-Gitarre aufjammern ließen, während in Texas eine Schar neuer Singer-Songwriter*innen wie Michelle Shocked, Steve Earle und Lucinda Williams ihre Verbundenheit mit den ländlichen Roots der Popmusik ihres Landes zeigten.

Tiefenbohrung in den spirituellen Wurzeln

Das war allerdings nicht das Forschungsgebiet von Souled American, wie spätestens am zweiten Album „Flubber“ (1989) erkennbar wurde. Weder mit dem Hollywoodschick der Countryhippies, noch mit der Dustbowlromantik eines Merle Haggard oder der düsteren Poesie eines Townes Van Zandt hielten sie sich lange auf. Stattdessen schienen Souled American auf der Suche nach den emotionalen und spirituellen Wurzeln ihres Landes eine Art Kernbohrung zu betreiben.

Statt Parsons, Haggard oder Guy Clark coverten sie staubige alte Traditionals und Squaredancestandards und komponierten eigene Songs, die zwar diffus dem Folkidiom zuzuordnen waren, aber aus dem Formenkanon immer wieder ausbrachen und bei aller Melancholie und Jenseitigkeit eine betörende, außerweltliche Kraft entwickeln konnten.

Die ersten Alben erschienen noch in schneller Folge. Der Klang wurde immer sonderbarer und schuf eine stetig wachsende Distanz zu allen bekannten Americanamodellen. Man konnte fast denken, die musikalische Entwicklung der Gruppe richte sich auf ein definiertes Ziel, ein Ziel, das weit außerhalb von allem bekannten Musikschaffen liegt.

Aufs Niedrigstmögliche gedrosselt

Schlagzeuger Jamey Barnard reduzierte seine ohnehin ungewöhnlichen Patterns immer weiter, Leadgitarrist Scott Tuma schichtete darüber schwer greifbare Soundskulpturen, das Song-hafte der Kompositionen von Adducci und Grigoroff wurde immer weiter in den Hintergrund genebelt, das Tempo auf das niedrigstmögliche gedrosselt.

Wollte man Coun­try­folk­hö­re­r:in­nen den Geist von Ambientmusik nahebringen? Oder Ambientadepten ans Lagerfeuer holen? 1990 kamen Souled American als Support-Act von Camper Van Beethoven zum ersten Mal nach Europa. Vor ihrem Konzert in Hamburg konnte ich Joe Adducci zu diesen Dingen befragen. Er schwärmte, man könne „so viele Sachen auf einer Gitarre machen, die nie jemand als auf einer Gitarre gemacht identifizieren würde. Da sind diese Klänge, du hast keine Ahnung, wie sie erzeugt werden, alles, was du weißt, ist, dass die Band nichts als zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug nutzt.“

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Die genrefremden Sounds waren also weniger Ergebnis einer künstlerischen Konzeption als des ergebnisoffenen Herumexperimentierens im Proberaum. Auch die Downtemponeigung seiner Gruppe erklärte Adducci als Frucht der Probesituation: „Es wirkt so, als seien wir davon besessen, aber es ist nicht kalkuliert. Es entsteht aus der Stimmung der Band zu der Zeit, in der der Song geschrieben wurde. Diese langsamen Grooves entstehen, wenn die Band hart an einem Song arbeitet.“

Unerklärliche Gitarrensounds

Das ergibt insofern Sinn, als man bei einem geringeren Tempo alle Elemente genauer erkennen kann, und bei aller Freude am prominenten Einsatz unerklärlicher Gitarrenklänge trieb die Band immer auch ein Wunsch an nach jener Klarheit und Deutlichkeit, die sich aus Reduktion ergibt. Das hatte auch zur Folge, dass sich Souled American selbst schließlich reduzierten, von vier auf drei und schließlich für „Sanctions“ auf die zwei singenden und Songs schreibenden Mitglieder Adducci und Grigoroff.

Daher erstaunt es auch nicht, dass „Sanctions“ ihr bisher klarstes Album wurde. Die Lust am Soundexperiment trat in den Hintergrund, stattdessen wurde noch weiter aufgeräumt, und vielleicht gab es bei den beiden Protagonisten auch den Ehrgeiz, stärker als Songwriter und Vokalisten wahrgenommen zu werden. Vor allem Grigoroff tönt sich mit seiner mit den Jahren noch etwas stärker aufgerauten und mit einem geschickt eingesetzen Altersvibrato versehenen Stimme die Seele aus dem Leib bei zentralen Zeilen wie „I am a stranger“, „I passed away“ und „We are long, long gone“.

Auf Beats wurde – zur Betrübnis des Pitchfork-Rezensenten – nunmehr komplett verzichtet. Aber der Puls, der von Gitarre und Adduccis einzigartigem perkussivem Bassspiel kommt, ist so deutlich, dass es hier eigentlich keiner weiteren Akzentuierung bedarf.

Deutlich wird so auch, worum es Adducci und Grigoroff wohl vor allem geht: einen Shortcut zu jener Urenergie zu finden, die es möglich machte, dass vor hundert und mehr Jahren einige musikalische Schöpfungen in abgelegenen Teilen Nordamerikas eine besondere Eindringlichkeit entwickeln konnten, die bis heute wirkt. E-Musikkomponist Charles Ives wusste von ihr, Countrypionier Hank Williams und Gospelsängerin Sister Rosetta Tharpe spürten sie; später nutzten sie Bob Dylan und Jerry Garcia, und irgendwo in dieser heterogenen Reihung verdienen auch Souled American ihren Platz.

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