Rüstungsunternehmen auf der ILA: „Man kann die Dollarzeichen in den Augen sehen“

Die großen Unternehmen haben ihre eigenen Pavillons aufgebaut, der Zugang ist exklusiv. Eintreten darf nur, wer eine gesonderte Einladung vorweisen kann. Ein durchtätowierter Türsteher, der sich ebenso gut vor einen Berliner Technoclub machen würde, kontrolliert den Einlass zum Showroom von Rheinmetall.

Fünf Männer in marineblauen Anzügen nicken ihm kurz zu und kommen rein. Ein anderer Mann, der eine „hochinteressante“ Geschäftsidee vortragen möchte, aber keinen Termin hat, blitzt ab. Von dem Pavillon des Rüstungsherstellers nebenan, Diehl Defence, ist Lounge-Musik zu hören.

Drinnen bei Rheinmetall dürfte die Stimmung hervorragend sein. Das Unternehmen hat zu der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Schönefeld bei Berlin eine Entwicklung von Boeing aus Australien mitgebracht, die beide Firmen gemeinsam der Bundeswehr anbieten möchten: Eine Jagdbomberdrohne.

Das unbemannte Gerät soll – wie der Name sagt – andere Kampfjets jagen und Bomben abwerfen können. Die Unternehmen werben damit, dass Pi­lo­t*in­nen künftig weniger Gefahren ausgesetzt werden, wenn autonome Fluggeräte diese Aufgaben übernehmen.

Rheinmetall-Chef Armin Papperger und die australische Boeing-Chefin Amy List enthüllen das Fluggerät am Mittwoch auf der Messe: Unter dem Tuch kommt ein etwa 10 Meter langer grauer Keil mit kurzen Flügeln zum Vorschein. Wie eine kubistische Figur ziert der Ghost Bat jetzt den Eingang zum Showroom des deutschen Rüstungsgiganten.

Männer bei Minimal-Beats

Die ILA läuft von Mittwoch bis Sonntag und ist eine der weltweit führenden Luft- und Raumfahrtmessen. Mehr als 750 Aussteller aus etwa 40 Ländern zeigen hier ihre neusten Entwicklungen. Es geht hier nicht ausschließlich um Waffen, doch deren Hersteller nehmen den größten Raum auf der Messe ein.

Und bei den Rüstungsherstellern ist die Stimmung besonders gut: Hier ist förmlich zu greifen, wie die weltweite Aufrüstung ihre Gewinne in immer neue Höhen treibt. Es herrscht Partystimmung.

In der Messehalle mit der Aufschrift „Defence“ herrscht am Mittwoch und Donnerstag ein wahnsinniges Gedränge. Überall Männer: in dunklen Anzügen, mit frisch polierten Schuhen oder frechen weißen Sneakern, in Militäruniformen. Es gibt feste Händedrücke und unbeholfene Umarmungen, Visitenkarten und artiges Schulterklopfen. Frauen sind außer den adrett gekleideten Messe-Hostessen kaum zu sehen. Ein DJ steht lässig am Stand des Drohnen-Herstellers Argus und untermalt das Treiben mit Minimal-Techno.

Alle Stände sind so aufgebaut, dass vorne die Exponate präsentiert werden: Hier ein Quadrokopter, dort ein Kampfsteuerungssystem, auch ein Eurofighter steht in der Halle. Der größte Trend ist, dass die meisten Geräte damit beworben werden, auf irgendeine Art „AI-driven“ zu sein und ihre Aufgaben, wenn nötig, völlig autonom ausführen können. Hinter den Ausstellungsstücken gibt es Besprechungskabinen. Männergruppen verschwinden dort in angeregten Unterhaltungen – und wenn es gut läuft, kommt es zu einem Geschäft.

Eine langjährige Ausstellerin sagt, dass ad hoc abgeschlossene Verträge nur einen kleinen Teil der Deals auf der Messe ausmachen. Doch es gebe immer wieder im Voraus geplante Geschäfte, die dann auf der ILA unterschrieben würden. Gut sei die Stimmung auf der Messe eigentlich immer schon gewesen, sagt sie. Neu sei allerdings, dass das viele Geld auch solche Player in den Rüstungsbereich locke, die sonst nie etwas mit Waffen zu tun haben wollen. „Da kann man die Dollarzeichen in den Augen förmlich sehen.“

Champagnerflaschen und Völkermord

Am Stand von Elbit Deutschland, Tochter des gleichnamigen israelischen Rüstungsgiganten, werden am Mittwochnachmittag Champagnerflaschen geköpft. Aus dem Besprechungsraum kommen Männer, die sich laut unterhalten und lachen. Sie haben etwas zu feiern, was genau, ist nicht zu erfahren.

Die Rolle von Elbit im Gazakrieg spielt hier natürlich keine Rolle. Dem Unternehmen wird vorgeworfen, Geld mit dem mutmaßlichen Völkermord an den Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen zu verdienen, weil es Waffen baut, die dort im Krieg zum Einsatz kommen. In Stammheim stehen aktuell Ak­ti­vis­t*in­nen vor Gericht, weil sie auf dem Firmengelände von Elbit Deutschland in Ulm randaliert und Messelektronik beschädigt haben, um gegen den Krieg zu protestieren.

Eine kleine, aber erstaunlich erfolgreiche Störaktion gab es auch hier direkt zum Messeauftakt. Vier Ak­ti­vis­t*in­nen hatten es geschafft, den Zugang zum Gelände für zwei Stunden zu blockieren, indem sie sich auf die einzige Zufahrtsstraße setzten. Sie demonstrierten gegen den Krieg in Gaza und in Iran und die Rolle der Rüstungsunternehmen darin.

Zu den Messegängern drang die Aktion dagegen lediglich als ein Protest von „Klimaklebern“ durch. Auf den Protest angesprochen, reagieren die Besucher mit Augenrollen. Einer ärgert sich darüber, dass heutzutage alle Themen so „politisiert“ würden.

Als der bayerische Rüstungshersteller Rohde und Schwarz am Donnerstag pünktlich um 12 Freibier ausschenkt und Leberkäse serviert, versammelt sich die halbe Messe an dem Stand: Ausländische Militärangehörige in ihren Uniformen, die Waffenhändler in ihren gestriegelten Anzügen. Es ist ein bierfeuchter Taumel in der Messehalle.

Man will sich auf der ILA eben nicht stören lassen. Auch nicht darin, einfach mal das viele Geld zu feiern, das sich verdienen lässt.

  • informationsspiegel

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